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  • 30.10.2014

„Mein Bild von Kafka habe ich stark korrigieren müssen“

Schreiben war für ihn wie eine Sucht. Der Schriftsteller Franz Kafka (um 1906). Foto: Archiv

Mit „Kafka. Die frühen Jahre“ hat Reiner Stach seine dreibändige Biografie nach 18 Jahren abgeschlossen. Am Montag stellt er sein Buch in Potsdam vor

Herr Stach, als Sie in den 90er-Jahren den Entschluss fassten, eine Biografie über Franz Kafka zu schreiben, haben Sie da schon geahnt, welche Ausmaße dieses Projekt annehmen wird?

Meiner Verlegerin Monika Schöller und mir war damals schon bewusst, dass das nicht in einem Band zu machen ist. Allein deshalb nicht, weil ich mich von Anfang an dazu entschlossen hatte, auch szenisch, also romanhaft, zu erzählen. Natürlich ohne dabei Details zu erfinden. Und dieses szenische Erzählen braucht viel mehr Platz, als wenn ich nur sachbuchartig die Fakten wiedergebe. Wir haben uns dann auf drei Bände geeinigt, weil es in Kafkas Leben drei Phasen gibt mit sehr unterschiedlicher Quellenlage. Aber was ich nicht gekannt habe, ist der zeitliche und materielle Aufwand, den das kosten würde.

Wir sprechen hier von 18 Jahren, in denen Sie sich dem Leben des Prager Schriftstellers Kafka gewidmet haben. Wie ist es Ihnen gelungen, einen langen Atem zu behalten und sich nicht in Kleinigkeiten zu verlieren?

Ich hatte einen großen Vorteil, den man natürlich auch als Nachteil betrachten kann: Ich konnte mich allein auf Kafka und seine Lebenswelt konzentrieren und musste nicht noch einem anderen Beruf nachgehen. Auch wenn man unter diesen Umständen oft genug zu kämpfen hat: Es ging nicht anders, das Thema war zu komplex und der Rechercheaufwand zu groß. Natürlich braucht man über diese lange Strecke eine gewisse Marathonmentalität. Da war es für mich hilfreich, dass ich früher selbst Marathon gelaufen bin. Dadurch hatte ich schon einige Strategien erlernt, was solche Fernziele betrifft.

Welche dieser Strategien konnten Sie für Ihr Biografie-Projekt nutzen?

Besonders wichtig: Man darf nicht jeden Morgen an das Gesamtprojekt denken, sondern eher in Etappen. Das betrifft natürlich nicht die inhaltliche Planung. Da musste ich bei der Arbeit an den einzelnen Bänden schon genau überlegen, welche Unterlagen, welche Quellen ich für welchen Band verwende. Ich wollte keine Überschneidungen. Darum gibt es auf den knapp 2000 Seiten, die diese Biografie umfasst, praktisch auch keine Wiederholungen.

Anlass für Ihre Biografie war eine paradoxe Situation: Obwohl die Forschungsliteratur zu Kafka in den 90er-Jahren schon Regalmeter füllte, gab es keine umfassende Biografie.

Genau das war die Situation damals.

Konnten Sie sich erklären, warum bis dahin niemand das Naheliegende getan und eine Biografie geschrieben hatte?

Mittlerweile kann ich es mir sehr gut erklären, denn die Komplexität des Lebensumfelds und der historischen Umstände bedürfen eines enormen Forschungsaufwandes. Da gibt es so viele Sachen, die man sich als Biograf erst einmal aneignen muss. Allein die damalige Situation in Prag war außerordentlich komplex wegen des Gegeneinanders von Tschechen und Deutschen, Deutschen und deutschen Juden. Ein Gewirr von Konflikten, die so noch nicht aufgearbeitet waren. Dazu die zahlreichen Innovationen um die Jahrhundertwende, die über die Leute regelrecht hereinbrachen. Und die besonderen Lebensumstände Kafkas, die sich aus dem jüdischen Umfeld und dessen Traditionen ergaben. Auch mit dem Zionismus musste ich mich intensiv beschäftigen, denn sonst versteht man einen großen Teil von Kafkas Biografie überhaupt nicht.

Anfang der 90er-Jahre erschien im S. Fischer Verlag die erste kommentierte Gesamtausgabe von Kafkas literarischem Werk. Ein Aspekt, der für Ihre Arbeit von großer Bedeutung gewesen sein wird.

Ja, und das war ein weiterer Grund, warum sich bis dahin keiner so richtig an eine Lebensbeschreibung gewagt hatte. Mitte der 90er-Jahre war diese kritische Ausgabe, mit Ausnahme der Briefe, abgeschlossen. Ich hatte ja als Berater an dieser Ausgabe mitgearbeitet und war so in der glücklichen Situation, dass ich jeden Zettel, den Kafka beschrieben hatte, kannte.

Aber warum ein solcher Aufwand für das Leben eines Schriftstellers, wenn dessen Werk in der kritischen Ausgabe so gut aufgearbeitet war?

Weil das Image Kafkas mit der Realität nicht wirklich übereinstimmte. Kafka, das ist ja wie eine Marke. Das wurde mir immer klarer, je mehr ich mich mit den Tagebüchern und Briefen schon vorher beschäftigt hatte. Und ich bin mit dem Vorsatz angetreten, dieses Image zu verändern. Das hat mir dann auch die Kraft für dieses Biografie-Projekt gegeben.

Welches Image hat Kafka?

Ein sehr reduziertes, düsteres und unterkühltes Image, geprägt von einer starken Schuld- und Strafmetaphorik. Das liegt vor allem auch im Unterricht an den Gymnasien begründet. Denn was dort aus seinem Werk geboten wird, ist so restriktiv. Da kommen die Schüler gar nicht in Kontakt mit seinen Tagebüchern oder Briefen oder seiner Kurzprosa, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Auch dass Kafka ein Autor mit ausgeprägtem Sinn für Komik und sehr viel Slapstick ist, wissen die wenigsten.

Wie haben Sie Kafka für sich entdeckt?

Erst durch die biografischen Dokumente. Die zu lesen, das war schon ein Schlüsselerlebnis. Als Jugendlicher hatte ich schon den „Process“ gelesen, allerdings nicht an der Schule, das Buch hatten mir Freunde gegeben. Mit 26, 27 bekam ich dann zum ersten Mal die Tagebücher und Briefe Kafkas in die Hände. Das hat mich derart erregt, das war ein derart intensives Erlebnis, dass ich sofort zu dem Entschluss gekommen bin, über Kafka einmal selbst zu schreiben. Das habe ich dann ja auch gemacht, als ich promoviert wurde.

Und nun die Biografie in drei Bänden. Dabei sind Sie aber nicht chronologisch vorgegangen. Der dritte, kürzlich erschienene Band beschäftigt sich erst mit der Kindheit Kafkas. Sie hatten deshalb diesen Band ans Ende gesetzt, weil sie hofften, bis dahin Zugang zum juristisch umkämpften Max-Brod-Nachlass zu erhalten. Leider vergeblich.

Ja, da läuft immer noch ein Prozess des Staates Israel gegen die Brod-Erbin, mittlerweile in der zweiten Instanz. Und es ist nicht abzusehen, dass das ein Ende findet.

Max Brod, der beste Freund Kafkas, hat sich um den Erhalt von dessen Schriften verdient gemacht. In dem umkämpften Nachlass befinden sich wichtige Aufzeichnungen aus Kafkas frühen Jahren. Wie sehr haben diese Ihnen bei der Arbeit gefehlt?

Im Laufe der 18 Jahre habe ich immer mehr Material gefunden, das ich dann für die frühen Jahre verwenden konnte. Am Anfang habe ich noch geglaubt, ohne den Brod-Nachlass geht das überhaupt nicht, weil wir keine Tagebücher oder Korrespondenzen aus dieser Zeit haben. Und alle Kafka-Experten haben unisono gesagt, das sei nicht zu machen. Denn wenn der Nachlass doch mal freigegeben wird, ist alles, was ich geschrieben habe, überholt. Die hatten mich ganz schön eingeschüchtert. Aber in den vergangenen Jahren ist natürlich auch die Forschung viel, viel weiter gekommen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen zum Schul- und Universitätssystem dieser Zeit, dazu zahlreiche Memoiren von Menschen, die in diesem Milieu aufgewachsen sind. Und dass jetzt alle Tageszeitungen dieser Zeit, sowohl die Prager als auch die Wiener, im Internet zugänglich sind, bedeutet einen enormen Sprung für die Forschung. Ein paar Dokumente aus dem Brod-Nachlass durfte ich schließlich auch einsehen. So lässt sich das alles wie Mosaiksteine zusammensetzen.

Was haben Sie in den 18 Jahren an Kafka entdeckt, was hat Sie überrascht?

Ich muss zugeben, dass auch ich Mitte der 90er nicht unbeeinflusst war vom herrschenden Kafka-Bild und von Kafkas ständigen Selbst-Anklagen. Ich dachte, dieser Mann war hochgradig neurotisch, entscheidungsschwach, eigentlich eher nach innen lebend und ein großer Träumer. Dieses Bild habe ich stark korrigieren müssen. Kafka hat über Energiereserven verfügt, das kann man sich kaum vorstellen. Der muss schon als Kind Strategien entwickelt haben, um aus seinen Schwächen als neurotisches, verlassenes und einsames Kind Stärken zu machen. Produktive Stärken. Ich habe versucht nachzuzeichnen, wie ihm das gelungen ist und wie er dadurch seine empathischen Fähigkeiten und seine Beobachtungsgabe aufs Äußerste geschärft hat. Denn das waren ursprünglich auch defensive Fähigkeiten.

Kafka hat Sie also mit seinen Stärken überrascht?

Ja, mit seinen Überlebensstrategien. Daneben sehe ich jetzt auch viel deutlicher seinen Witz und seinen Charme, diese Vorliebe für das Komische.

Sie schreiben in Ihrer Biografie immer wieder von den rauschhaften Schreibzuständen Kafkas. Hat er vor allem nur in diesen Zuständen wirklich gelebt?

Er hat das Schreiben wie eine Droge benutzt zur Steigerung seines Lebensgefühls. Er fühlte sich vital während des Schreibens. Und es ging ihm zunächst immer um den Akt des Schreibens, nicht um die Vollendung oder das Publizieren. Das ist einer der Gründe, warum es so viele Fragmente in seinem Nachlass gibt. Kafka hat sich nicht hingesetzt wie beispielsweise Thomas Mann und tage- oder wochenlang ein Werk geplant, recherchiert und die Figuren entwickelt. Das war nicht Kafkas Sache. Ihm fiel ein Bild, eine Metapher oder eine Szene ein. Dann hat er das notiert und in sich hineingehört, ob sich daraus etwas machen lässt. Manchmal hat er schon nach drei Sätzen festgestellt, dass es nicht trägt. Dann blieb es Fragment. Oder es ist etwas ganz anderes entstanden, als er vorher gedacht hatte, wie beispielsweise in seiner Erzählung „Das Urteil“. Die Handlung, die Bilder, die Figuren haben ihn dann in eine ganz unvermutete Richtung getragen.

Liegt darin auch eine der Ursachen, warum Kafka nie einen Roman geschrieben hat? Denn „Der Process“, „Das Schloss“ und „Der Verschollene“ sind ja auch nur Fragmente.

Ja, denn das ist auch eine gewisse ästhetische Schwäche bei Kafka. Einen Roman kann man ja nicht in einem Zug schreiben, nicht in einem einzigen Rausch, und damit hatte Kafka Probleme. Das ist sehr gut am Ende von „Das Schloss“ zu sehen, samt der langen gestrichenen Passagen im Manuskript. Kafka hatte sich da total verheddert, kam nicht weiter, weil er zu viele Figuren eingeführt hatte und diese nicht mehr in Beziehung zueinander setzen konnte. Er wusste, wie der Roman enden sollte. Das hatte er Max Bord einmal verraten. Aber er fand keinen erzählerischen Weg dorthin. Da ist er dann gescheitert.

War ihm dieses Scheitern bewusst?

Das glaube ich schon, dass ihm dieser technische Mangel bewusst war. Aber da war er auch von dem Urteil der Freunde beeinflusst, die sagten, wenn er keinen Roman vollende, würde er als Schriftsteller nie die notwendige Anerkennung finden. Damit hängen auch seine berühmten Testamente zusammen, in denen er verlangt, dass alles, was unvollendet in seinem Schreibtisch liegt, vernichtet werden soll. Das waren für ihn keine Werke, sondern gescheiterte Projekte. Zum Glück hat Max Brod diesem Wunsch nicht entsprochen. Denn dass Großfragmente auch voll gültige Werke sein können, das wissen wir ja eigentlich erst seit Kafka. Er selbst wusste das nicht.

Ist er dann in seinem Selbstbild als Schriftsteller gescheitert?

Am Ende seines Lebens musste er sich schon sagen: „So ein Wahnsinnsaufwand für das Schreiben, so viele Opfer für die Literatur. Und was ist das Resultat? Ein paar Erzählungen und zwei Bände mit Kurztexten.“ Das ist doch nicht der Ertrag eines Schriftstellerlebens. Dennoch war er gegen Ende gelassener, nicht mehr so zwanghaft. Es wäre von größtem Interesse, in diesem Zusammenhang die 20 kleinen Notizhefte zu lesen, die er in Berlin Ende 1923, wenige Monate vor seinem Tod, vollgekritzelt hat. Aber die sind leider verschollen.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Reiner Stach stellt „Kafka. Die frühen Jahre“ am Montag, dem 3. November, um 20 Uhr in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47, vor. Den Abend moderiert die Literaturkritikerin Sigrid Löffler. Der Eintritt kostet 8, ermäßigt 6 Euro. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 280 41 03

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