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  • 27.10.2014
  • von Sarah Kugler

Eine Lebensreise mit Christa Wolf

von Sarah Kugler

Trost. Den findet Jutta Wachowiak in den Texten von Christa Wolf. Foto: promo

Jutta Wachowiak mit „Da fing ich an zu singen“ auf dem Potsdamer Theaterschiff

Es ist dunkel. Nur ein flacher rechteckiger Tisch in der Mitte ist beleuchtet, gerade so viel, dass man die Titel der vielen Bücher entziffern kann, die darauf verstreut sind. Christa Wolfs „Kassandra“ liegt dort, auch ihr „Sommerstück“, „Der geteilte Himmel“ oder ihr „Nachruf auf Lebende“ – und zwischen all diesen gebundenen Texten sitzt die Schauspielerin Jutta Wachowiak. Erst mit angezogenen Beinen an der Wand, später im lockeren Schneidersitz in der Mitte des Tisches, ab und zu einen Schluck aus ihrer Thermoskanne nehmend. Man bekommt dabei eher den Eindruck, in ihrem Wohnzimmer zu sitzen und nicht im Potsdamer Theaterschiff, auf dem die Schauspielerin in der Reihe „Theaterstars an Bord“ am vergangenen Freitag ihr Programm „Da fing ich an zu singen“ zur Premiere brachte.

Es ist ein sehr persönlicher Abend, den Jutta Wachowiak gestaltet. Lieder und Texte gibt es darin. Lieder aus verschiedenen Lebensabschnitten der Schauspielerin und Texte von Christa Wolf, der Schriftstellerin, mit der sie befreundet war, mit der sie sich verbunden fühlte und deren Worte mehr als nur reines Lesevergnügen für sie waren. Vielmehr fand sie sich selbst darin wieder, wie sie sagt. Und so beginnt sie den Abend auch mit einem Satz von Christa Wolf, der eine Art Lebensbegleiter für sie geworden ist: „So, wie man es beschreiben kann, so ist es nicht gewesen“, rezitiert sie in den stillen Raum hinein, lässt die Worte kurz wirken, sie von ihrer intensiven Stimme tragen und wiederholt sie dann noch einmal. „So, wie man es beschreiben kann, so ist es nicht gewesen.“ Christa Wolf habe ihr ganzes Leben versucht, gegen diesen Satz anzuschreiben, wie Wachowiak sagt, für sie selber sei es ein Satz, den sie gerne Leuten entgegenwirft, die der Meinung sind, das Leben der Schauspielerin besser als sie selbst zu kennen. Es folgt eine Lesung mit Passagen aus „Kindheitsmuster“, ein Buch von Christa Wolf, das sich mit der Vergangenheitsbewältigung auseinandersetzt und in dem Jutta Wachowiak sich schon beim ersten Lesen wiedererkannt habe. In drei ineinander verwobenen zeitlichen Ebenen beschreibt der Text eine Kindheit während des Hitler-Regimes, die Flucht zu Kriegsende, sowie eine Reise im Erwachsenenalter im Sommer 1971 ins heutige Gorzów Wielkopolski.

„Dieses Buch war eine wesentliche Begegnung für mich“, so Jutta Wachowiak. „Weil ich beschrieben bekommen habe, was ich in mir hatte, aber nicht wusste: einen steinernen Schmerz.“ Es habe ihr offenbart, dass man kein schlechtes Gewissen haben müsste, wenn man zu dem steht, was man mit sich rumschleppt. Und so liest sie emotional, wiederholt Passagen, versinkt in den Text und schlüpft vor allem bei der wörtlichen Rede ganz in ihre Rolle als Schauspielerin. Vielleicht ist es aber auch gerade ihr eigenes Selbst, was sie an diesen Stellen freigibt, denn wie sie da sitzt, ganz bei sich selbst, weiß man oft nicht: Ist es jetzt Christa Wolf, die spricht, ist es der Charakter im Buch oder doch Jutta Wachowiak, die sich so sehr mit dem Geschilderten identifizieren kann? Es ist fast, als würde sie beim Lesen mit ihrem früheren Ich in einen Dialog treten – und auch beim Singen. Wenn ihre Lieder aus dem Lautsprecher erklingen – und das tun sie immer –, singt sie manchmal mit. Zum Beispiel bei „Der Mond ist aufgegangen“. Leise macht sie das und verträumt, fast als würde sie sich selbst in den Schlaf singen wollen. An anderer Stelle wieder blickt sie fest in das Publikum und schmettert ihm ihre Liedzeilen fast entgegen. Manchmal unterbricht sie sich auch und spricht mitten in ihre noch singende Stimme hinein.

So auch bei der Überleitung zu „Nuancen in Grün“, einer Textsammlung von Christa Wolf, in der sich alles um die Natur dreht. „Wir machen jetzt einen großen Sprung“, sagt Jutta Wachowiak dabei bestimmt und erzählt, wie sie sich nach der Wende mit Christa Wolf angefreundet hatte. Als Stasi-Vorwürfe gegen Christa Wolf aufkamen und sie 1992 für mehrere Monate nach Amerika ging, suchte Jutta Wachowiak Trost in ihren Naturbeschreibungen, wie sie erzählt und wie bei der Lesung sehr deutlich wird. Wie ein Kind kauert sich die Schauspielerin auf den Tisch, schlingt ihre Jacke um die Schultern und mummelt sich immer mehr darin ein. Dann auf einmal wirft sie sie wieder zur Seite und richtet sich auf. „So richtig geholfen hat das alles nicht“, sagte sie und lächelte dabei ein wenig. „Aber ich wusste, dass ich mir Hilfe suchen musste.“ Die fand sie dann auch in „Stadt der Engel“, einem Buch, in dem Christa Wolf ihren neunmonatigen Los- Angeles-Aufenthalt beschreibt. In diesem Text fand Wachowiak ihre alte Zuneigung bestätigt und liest somit auch mit Schwung und Heiterkeit ihre ausgewählten Passagen. Mit einer Aufzählung von Liedern, welche die Protagonisten des Buches während ihres Lebens gesammelt hat und die sie in einer schlaflosen Nacht alle durchhingt, schließt sich der Kreis zu Jutta Wachowiaks Programm. Immer wieder singt sie Titel wie „Kein schöner Land in dieser Zeit“ oder „Freude schöner Götterfunken“ an, um schließlich den Abend mit dem Chanson „Die Zeit der Kirschen“ zu beenden. Zurück bleiben die liegen gebliebenen Bücher von Christa Wolf. Ein Bild, das sich nachhaltig einprägt – genau wie dieser Abend.

„Da fing ich an zu singen" läuft wieder am 15. November und am 5. Dezember jeweils um 20 Uhr. Die Karten kosten 19 Euro an der Abendkasse, 14 Euro ermäßigt.

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