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  • 19.09.2014
  • von Daniel Flügel

Mein Vater, der Stasi-Spitzel Grit Poppe las aus ihrem Jugendroman „Schuld“

von Daniel Flügel

Bis auf den letzten Platz war die Villa Quandt am Mittwochabend besetzt, als Grit Poppe dort ihren neuen Jugendroman „Schuld“ vorstellte. Dabei kam sie nicht allein, sondern in Begleitung von Thomas Jonscher und Stefan Lauter, zwei Zeitzeugen, die manches über Stasi-Mitarbeiter innerhalb der eigenen Familie, besonders aber über den Alltag im sogenannten Jugendhaus Halle, einer berüchtigten Jugendstrafvollzugsanstalt in der DDR, zu erzählen wussten. Diese beiden weitgehend unbekannten Kapitel der DDR-Geschichte hat Grit Poppe authentisch, detailgetreu und schonungslos, lebendig und auf angenehme Weise spannend in ihrem neuen Buch verarbeitet und dabei auch die Erfahrungen von Jonscher und Lauter mit einfließen lassen.

In „Schuld“ erzählt die Potsdamer Autorin die 1988 in Ostberlin spielende Geschichte einer zarten Beziehung zwischen der jugendlichen, sensiblen Bonzentochter Jana und Jacob, einem rebellischen Jungen, der von seinen Lehrern als „negativ dekadent“ eingestuft wird und dessen Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben. Sehr gut zeigt die längere Passage, die Poppe vorliest, die Verunsicherungen und inneren Kämpfe, die diese beiden jungen Menschen aus so konträren Elternhäusern erst überwinden müssen, bevor sie einander vertrauen. Doch weiß Jana noch nicht, dass ihr eigener Vater sie als IM ausspioniert, und Jacob somit ins Visier der Stasi gerät. Denn: Er hat heimlich Flugblätter gegen die Berliner Mauer verteilt und wird zunächst der Schule verwiesen.

Auch Thomas Jonscher wurde damals von seinem Vater, der für die Stasi tätig war, verraten. Weil er eine Wandzeitung mit Schriftstellerzitaten aufgehängt habe, sei er wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden, die er größtenteils im Jugendhaus Halle absitzen musste, erzählt der Mann mit ruhiger Stimme. So ergeht es auch der Romanfigur Jacob, in dessen Zimmer die Stasi einen Aufruf zu einer Friedensdemo entdeckt. Der Junge kommt in Untersuchungshaft, wird verurteilt und ein Jahr lang in das Hallenser Jugendgefängnis gesperrt. Beklemmend die von Grit Poppe vorgelesene Szene, in der Jacob in einer stockdunklen Einzelzelle liegt und plötzlich Besuch von einer Ratte bekommt.

Auch Hunderte Kakerlaken habe es in dieser „Tigerkäfig“ genannten Einzelzelle gegeben und er sei sogar mit dem Gummiknüppel dort hineingeprügelt worden, berichtet Stefan Lauter, der von 1983 bis 1984 ebenfalls in Halle eine Jugendhaftstrafe absitzen musste. Dazu hat er mehrere dieser einst dort gebräuchlichen, originalen Schlagwaffen mitgebracht und hält sie in die Runde. Regelrecht bedrückend sind jedoch erst seine Alltagsschilderungen – ein Alltag, der geprägt war von Gewalt, Diebstahl, Erpressung, Vergewaltigung und den Launen sadistischer sogenannter Schließer. Entsprechend dankbar sind Stefan Lauter und Thomas Jonscher, dass Grit Poppe in ihrem neuen Roman die schier vergessene Thematik des DDR-Jugendstrafvollzugs beleuchtet und literarisch verarbeitet.

Wie gut Grit Poppe den Lesern DDR-Geschichte vermitteln kann, zeigte bereits das besonders in den alten Bundesländern sehr große Feedback auf ihre beiden Vorgängerromane. In „Schuld“ gelingt es ihr abermals mit Bravour, abseits schulisch vermittelter Fakten emotional an die Thematik heranzuführen. Daniel Flügel

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