27.06.2016, 21°C
  • 01.09.2014
  • von Babette Kaiserkern

Erst Italien, dann Berlin

von Babette Kaiserkern

Traf den richtigen Ton. Dagmar Manzel sang, begleitet wurde sie dabei von der Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Antonello Manacorda (r.). Foto: Andreas Klaer

Der feierliche Saisonauftakt im Nikolaisaal mit Etta Scollo, Joachim Król und Dagmar Manzel

Ohne Umschweife kommt Etta Scollo auf die Bühne des Nikolaisaals, ein langes, schlichtes rosa Kleid um die zierliche Figur drapiert. Musiker an Geige, Bratsche, Cello und Bass aus den Reihen des Deutschen Filmorchesters Babelsberg sitzen im Halbkreis hinter ihr. Kaum beginnt sie ihre Ukulele zu zupfen, erscheint Joachim Król und wird mit freundlichem Beifall begrüßt. Als Comissario Brunetti und Frankfurter „Tatort“-Kommissar gehört er schließlich zur deutschen Fernsehprominenz. Nun aber wird ein unauffälliger Hochstuhl zum Austragungsort von kuriosen Begebenheiten aus dem Leben. Król liefert keinen drögen Vortrag ab, sondern lässt die Erzählungen italienischer Autoren höchst lebendig vor dem geistigen Auge der Zuhörer erstehen. Da braucht es weder Bühnenbild noch Filmleinwand, um die Vorstellungskraft zu beflügeln. So wird der Eröffnungsabend zur aktuellen Nikolaisaalsaison am Freitag mit dem Titel „Parlami d’amore“ ganz unerwartet zu einem Fest der Literatur.

Król, sonst eher bekannt für zurückhaltendes Spiel voll Understatement, liest mit sonorem, leicht rauem Bariton, der bis in bedrohliche Basstiefen reicht, gestikuliert mit Händen und weit schwingenden Armen und lockt mit prägnanten Betonungen manchen Lacher hervor. In Italo Calvinos hintergründiger Geschichte eines verklemmten Voyeurs ist es das Bonmot vom „geistigen Büstenhalter“, Ermanno Cavazzonis Geschichte vom „Selbstmord eines Liebespaars“ gerät zu einer närrischen Slapstick-Groteske. Andrea Camillieris Erzählung „Die Hure von Sciacca“ wird zu einer amüsanten Fabel aus dem seltsamen Biotop der Menschenwesen. Von Alberto Moravia, dem Altmeister der italienischen Literatur des vorigen Jahrhunderts, gibt es gleich zwei Erzählungen voll psychologischer Raffinesse zu hören.

Dazwischen weiß sich Etta Scollo mit ihrer wunderbaren Stimme zu behaupten. Ihr emotionaler Gesang mag bisweilen an die Grenzen des erträglich Sentimentalen stoßen, zumindest für norddeutsch-preußische Zuhörer, repräsentiert aber nur eine andere Dimension. Sie erfüllt die Texte mit der Glut der sizilianischen Erde, ihrer Heimat – ob sie nun fremde Lieder singt, wie die zärtliche „Canzone dell’amore perduto“ von Italiens mythischem Liedermacher Fabrizio de André, oder eigene Lieder, wie das opernhafte „Un solo bacio“ nach einem Text des altarabisch-sizilianischen Dichters Ibn At Tûbi. Für die musikalischen Arrangements des Abends zeichnet Hinrich Dageför verantwortlich, der Gitarre, Mandoline und Percussion bedient. Mit viel Spiellaune bringen die Streicher des Filmorchesters unter ihrem Konzertmeister Torsten Scholz die Lieder zum Klingen und untermalen die Texte bisweilen lautmalerisch. Großer Beifall für einen rundum gelungenen Abend. Babette Kaiserkern

Der Kammerakademie Potsdam als Hausorchester des Nikolaisaals gehörte mit dem Samstag der zweite Eröffnungsabend der neuen Spielzeit. Programmatisch galt der Fokus den Zwanzigerjahren. Chefdirigent Antonello Manacorda wählte Kompositionen aus, die in der Nazi-Zeit als entartet galten, also von Musikern, die entweder atonale Werke schrieben, sich dem Jazz zuwandten oder die Juden waren. Komponisten und Textdichter, die noch in den 20er-Jahren das kulturelle Tagesgeschehen beherrschten, oder besser gesagt: die künstlerische Vielfalt zum Keimen brachten, hatte man sie in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft totgeschwiegen, darunter Kurt Weill, Hanns Eisler, Paul Hindemith und Friedrich Hollaender. So waren Werke zu hören, die die Kammerakademie bisher selten oder gar nicht in ihrem Programm hatte. Witzig-Freches, Tragisch-Melancholisches, gedankliche Wachheit und natürlich hauptstädtischer Sound. So könnte auch das Lebensgefühl der späten 1920er-Jahre gewesen sein.

Nach dem Auftakt mit Kurt Weills schmissiger „Dreigroschenoper-Suite“, bei der die Vermischung unterschiedlicher Genres von ernster und unterhaltender Musik zum Tragen kommt, füllte die Berlinerin Dagmar Manzel mit ihrer Stimme den Saal. Man muss wohl niemandem mehr erklären, dass die prominente Schauspielerin auch eine erfolgreiche Diseuse ist. Operetten-Aufführungen an der Komischen Oper Berlin werden von ihrem Gesang und ihrer Darstellung wesentlich geprägt, Lied-Programme unterstreichen die künstlerische Vielfalt und die große Ausdruckskraft der Manzel auch in der kleinen Form. Nach Weills Song „Berlin im Licht“ sang sie Lieder von Hanns Eisler nach Texten von Bertolt Brecht. Gesellschafts- und Sozialkritik haben dabei durchaus das Sagen. Allerdings sind sie nicht nur eine musikalische Herausforderung, sondern sie bedeuten zugleich eine Auseinandersetzung mit politischem und gesellschaftlichem Zeitgeschehen.

Hanns Eisler legte großen Wert auf den richtigen Vortrag seiner Musik, beklagte er sich doch immer wieder über die „Dummheit in der Musik“, die durch falschen Vortrag unter Verkennung der gesellschaftlichen Aspekte entsteht. Die Manzel traf den richtigen Ton. Er ist deklarierend und im Vortrag erzählend. Der war auch in den Interpretationen von Friedrich Hollaenders Liedern zu erleben. Zugleich imponierten die Wandelbarkeit sowie das Differenzierungsvermögen ihrer dunkel timbrierten Stimme. Kabarettistisch fiel „Circe“ aus, berührend die sehnsuchtsvollen Lieder „Wenn ich mir was wünschen sollte“ oder „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Antonello Manacorda und die Kammerakademie begleiteten die für sie nicht alltäglichen Aufgaben souverän einfühlsam: mal kantig, mal zart, so wie die Lieder es brauchen.

Mit derartigen Kontrasten konnte das intensiv spielende Orchester auch bei der Kleinen Sinfonie op. 29 von Eisler sowie bei Paul Hindemiths Kammermusik Nr. 1 op. 24/1 aufwarten. Klangliche Herbheit und Expressivität herrscht zwar in den Werken vor, doch auch mit vielen Farbwerten werden nuancierte Stimmungen gezaubert. Besonders der dritte Satz von Hindemiths Kammermusik mit seinen lyrischen Qualitäten verbreitete magische Momente. Der Beifall des Publikums war groß. Klaus Büstrin

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!