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  • 19.08.2014
  • von Dirk Becker

Spuren in der Landschaft

von Dirk Becker

Katja Gragerts beeindruckende Bilderserie „Milk and Honey“ in der „Fotogalerie Potsdam“

Wenn in diesem Land je Milch und Honig geflossen sind, müssen die Zeiten weit zurückliegen. Wahrscheinlicher aber ist, dass es sich nur um eines dieser plakativen Versprechen handelt, dass jeder in diesem Landstrich sein Glück machen kann. Wenn es denn auf seiner Seite ist.

„Milk and Honey“ hat Katja Gragert ihre Serie mit Fotografien aus dem Südwesten der USA genannt. 24 dieser Aufnahmen, die während einer vierwöchigen Reise entstanden, sind derzeit in der „Fotogalerie Potsdam“ im Treffpunkt Freizeit zu sehen. Es sind verstörende und zugleich faszinierende Bilder aus einem Land, dem wir, wie es hier zu sehen ist, keine Versprechen mehr glauben können. Und sie zeigen wieder einmal, dass die Potsdamer Fotografin Katja Gragert eine Landschaftssucherin der ganz besonderen Art ist.

Katja Gragert ist im Brandenburgischen geboren und aufgewachsen. Hier hat sie zur Fotografie und zu einer eigenen, kühl-ästhetischen, immer aber berührenden Bildsprache gefunden. „Aus der anfänglichen Not heraus, einer Landschaft, die praktisch keine spektakulären Züge aufweist, interessante Bilder abzuringen, entstand über die Jahre eine ganz eigene Sicht auf die Motivwelt. Tief geprägt von der Schlichtheit und Kargheit dieser Landschaft, sind es eher die einfachen und alltäglichen Motive, die sie zur fotografischen Auseinandersetzung anregen. Die reine Natur ist für Sie dabei von geringem Interesse. Es ist der Einfluss des Menschen der sie interessiert, sowohl die Spuren, die er hinterlässt, als auch die Art, wie er die Natur formt und prägt“, heißt es auf der Internetseite der „Fotogalerie Potsdam“. Wer mit Katja Gragerts Bildern in die Landschaften eintaucht, findet dabei nie ein Idyll. Es sind Landschaften, die von den meisten Betrachtern links liegen gelassen werden. Landschaften, die uns eher weitertreiben als zum Bleiben auffordern. Doch Katja Gragert nimmt sich Zeit für diese gedemütigten Orte. Sie ist eine stille Beobachterin, die hier immer etwas Schönheit entdeckt und uns daran teilhaben lässt.

Im Februar 2013 hat sich Katja Gragert von San Francisco aus zu ihrer ersten Amerikareise auf den Weg gemacht. Zuerst Kalifornien, dann Arizona, dann New Mexico und an der Küste Kaliforniens entlang wieder zurück. „Ich kam aus dem wintergrauen Deutschland dorthin und war erst einmal überwältigt von dem Licht und der Weite“, sagt Katja Gragert. Die erste Woche ist sie nur mit dem Auto gefahren, hat Kalifornien und die eigenen Alltagsroutinen, die einengenden Alltagsgedanken hinter sich gelassen. Sie ist gefahren und hat dabei einfach nur die vorbeiziehende Landschaft auf sich wirken lassen. „Ich hatte keine klaren Vorstellungen von Motiven, die ich fotografieren wollte“, sagt sie, die sich mit dieser Reise einen langgehegten Traum erfüllte. Katja Gragert blieb geduldig. Und je mehr sie das Alltägliche abstreifen konnte, je mehr sie auf diesen stundenlangen Fahrten auf kilometerlangen, schnurgeraden Straßen wieder zu sich selbst, zum Wesentlichen fand, umso mehr sah sie, umso stärker öffnete sich die Landschaft.

Den Eindruck der ersten Tage, als das Licht auf Katja Gragert so grell wirkte, dass sie oft nicht viel sah, hat sie auf ihren Bildern erhalten. Sie hat hier mit Überbelichtung gearbeitet und die Landschaften einer Helligkeit ausgesetzt, die nichts beschönigt. Und so wirken die Bilder, auf denen keine Menschen zu sehen sind, nur deren Spuren, die sie hier hinterlassen haben, als wäre hier schon vor langer Zeit menschliches Leben verschwunden. Oft hat Katja Gragert so militärische Fahrzeuge, Kriegsgerät und Flugzeuge fotografiert, die wie zurückgelassen in der kargen Landschaft stehen. Und da die Fotografin auf jegliche Informationen zu den Aufnahmen verzichtet, bleibt es dem Betrachter frei, hier eigene Gedanken zu entwickeln. Hat Katja Gragert auf einem stillgelegten Truppenübungsplatz fotografiert? Oder vielleicht in einem Freiluftmuseum für Militärgeräte? Und handelt es sich bei den Flugzeugen hinter dem Bretterzaun um Maschinen, die nur auf den nächsten Einsatz warten oder schrottreif sind? Durch die Aufnahmen von Katja Gragert haben diese Fahrzeuge, Flugzeuge und Waffen jedoch ihr Drohpotenzial, ihren todbringenden Zweck verloren. Fast schon lächerlich wirken sie auf diesen Bildern. Hilflos und wie ein wenig geduckt, als wäre ihnen die eigene Nutzlosigkeit bewusst. Und dann ist da diese Aufnahme von einem Rummelplatz, auf dem nur ein Stand geöffnet hat. „Machinegun“ steht dort in großen Lettern. Und „Shoot out the star“.

Es sind solche Bilder, in denen Katja Gragert Ästhetik und Gesellschaftskritik in gelungenster Weise verbindet. Sie zeigt ein Land, dessen Inbesitznahme durch den weißen Mann von Waffengewalt geprägt war. Der glaubte, hier ein Paradies zu finden, in dem für jeden Milch und Honig fließen sollte. Doch was am meisten floss, war das Blut. Und noch heute gehören Waffen, gehört das Militärische zum Alltag in diesem Land. Aber so wie das Katja Gragert fotografiert hat, in dieser Beiläufigkeit, hat es nie etwas Plakatives. Im Gegenteil, es wirkt noch viel stärker.

So ist es auch bei den wenigen Bildern, auf denen Menschen zu sehen sind. Es sind groteske Situationen, die Katja Gragert hier dokumentiert hat. Da lässt sich eine Frau vor einer Palme fotografieren, die einfach nur furchtbar aussieht. Auf einem anderen steht ein Mann auf einer Düne, sein Bäuchlein wölbt sich. Vor sich einen kleinen Hund, scheint er mit seinem Mobiltelefon etwas zu fotografieren. Doch was er dort in dieser ausgeblichenen Wüste ablichtet, ist nicht zu sehen. Trotzdem ist dieses Bild eines der schönsten in der Ausstellung. Weil Katja Gragert hier nicht vorführt, sondern, wie auf allen ihren Bildern, mit sensiblem Blick beobachtet.

„Milk and Honey“ von Katja Gragert in der „Fotogalerie Potsdam“ im Foyer des Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64, noch bis zum 21. September, montags bis freitags, von 8 bis 21.30 Uhr

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