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  • 27.06.2014
  • von Babette Kaiserkern

Rasant und erfrischend

von Babette Kaiserkern

Das Ensemble La Ritirata spielt Boccherini

Schnell waren alle vier Boccherini-Konzerte bei den Musikfestspielen Sanssouci ausverkauft. Da zeigte sich doch endlich wieder einmal reges Interesse an dem lange halbvergessenen Komponisten, der einst in Potsdam und ganz Europa hoch geschätzt wurde. Gleich zwei der Konzerte bestreitet das spanische Ensemble La Ritirata. Bei beiden stehen folkloristische Elemente im Vordergrund. Das ist angesichts der Herkunft der Musiker und des diesjährigen Festspielmottos „Mittelmeer zwischen Traum und Wirklichkeit“ zwar verständlich, doch bildet es nur einen kleinen Aspekt von Boccherinis reichhaltigem Œuvre ab.

Im Raffaelsaal der Orangerie Sanssouci erklingt am Donnerstag unter dem Motto „Von Lucca nach Madrid“ zuerst das Streichquintett Op. 39/1 in B-Dur. Es gehört nicht zu den Quintetten für zwei Violoncelli, die Boccherinis Ruhm begründet haben, sondern zu der einmalig gebliebenen Serie von drei Streichquintetten mit Kontrabass aus dem Jahr 1787. Von diesen fand nur das dritte besonderes Gefallen von Friedrich Wilhelm II, langjähriger Mäzen des Italieners. Das Quintett daraus erweist sich als freundlich-unterhaltsames Stückchen, in dem Boccherini, der sein ganzes Erwachsenenleben in Spanien verbrachte, mit den Formen von Menuett und Rondo jenseits klassischer Normen experimentiert, doch sonst wenig Charakter aufweist. Der zeigt sich speziell in den Werken für Violoncello. Erst Boccherini hat seinem Instrument einen mit der Violine vergleichbaren Rang gegeben. Zwei seiner frühen Cellosonaten nehmen die sieben Musiker von Ritirata zum Anlass für ausgelassene, virtuose Neuversionen, die nicht knochentrocken und werkgetreu, sondern erfrischend modern ausfallen.

Am barocken Cello wirbelt Josetxu Obregón die Saiten hinauf und hinunter, lässt hohe Flötentöne und tiefdunkle Register erklingen. Auf der Violine triumphiert Lina Tur Bonet mit waghalsigen, doch stets kontrollierten Passagen. Sie lässt auch das kleine Menuett, quasi Boccherinis Markenzeichen heute, in neuem Glanz erstrahlen. Neben zweiter Violine (Miren Zeberio), Bratsche (Daniel Lorenzo) und Kontrabass (Vega Montero) sorgen der fantastische Gitarrist Enrike Solinís und der ausdrucksstarke Perkussionist Daniel Garay an Tambourin, Trommel und Kastagnetten für genuin spanische Klänge. Der kraftvolle, musikantische Zugriff belebt die „Nächtliche Musik auf den Straßen von Madrid“ ungemein. Kaum zu glauben, dass Boccherini einst davor scheute, dieses Quintettino zu publizieren, da es doch allen Kompositionsregeln zuwiderlief, wie er an seinen Pariser Verleger schrieb. In der rasanten Interpretation des Ensembles La Ritirata wird daraus eine zeitlos-moderne Suite. Wie in einem Film ziehen nächtliche Szenen aus der spanischen Metropole vorbei – mit flotten Gitarristen, blinden Sängern und Tänzern, frommen Betern, bis die Soldaten den Zapfenstreich spielen. Dem begeisterten Beifall im Raffaelsaal wird mit dem pittoresken zweiten Satz aus Boccherinis Streichquintett Op. 11/6 „Das Vogelhaus“ gedankt. Babette Kaiserkern

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