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  • 05.06.2014
  • von Daniel Flügel

Eine Leben auf der Überholspur Lesung über Zelda und Francis Scott Fitzgerald

von Daniel Flügel

Sie waren das Glamourpaar der wilden Zwanzigerjahre, galten als Inbegriff der Jazz-Ära und standen im Mittelpunkt, wo immer sie auftauchten: Zelda und Francis Scott Fitzgerald. Jung, reich und übergeschnappt, rastlos und extravagant zelebrierten sie ein Leben der Exzesse. Sie waren unzertrennlich, liebten und stritten sich und zehrten sich dabei gegenseitig aus. In ihrer lesenswerten Doppel-Biografie „Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals“ (btb Verlag, 10,99 Euro), die sie am Dienstagabend in der wie immer sehr gut besuchten Kleist-Schule vorstellte, erzählt Michaela Karl die turbulente und zugleich tragische Geschichte dieser beiden auffälligen Menschen.

Wie schon mit ihrer Biografie über die Schriftstellerin Dorothy Parker und auch mit ihrem neuesten Werk über das legendäre Verbrecherpaar Bonnie und Clyde bleibt Michaela Karl auch mit ihrer Fitzgerald-Biografie ihrem Faible für rebellische und unangepasste Figuren treu. Eine Vorliebe, die ja vielleicht der urbayrischen Eigenart der Renitenz entspringe, wie die im niederbayrischen Straubing geborene Autorin und promovierte Politologin im Gespräch mit Carsten Wist lachend meint. Von dem Ehepaar Fitzgerald sei sie jedenfalls schon immer fasziniert gewesen. Nicht nur, weil es bis heute in der Literaturszene nie wieder solche Popstars gegeben habe, sondern weil die beiden von Anfang an so überzeugt gewesen seien, dass ihnen die Welt gehöre und vor allem F. Scott Fitzgerald oft mit einer fast schon selbstironisch wirkenden Mischung aus Arroganz und Selbstüberschätzung aufgetreten sei. Dass er Karls Lieblingsautor ist und sie mehrmals die schöne Sprache in seinem bekanntesten Roman „Der große Gatsby“ (1925) rühmt, erklärt sich da fast von selbst. Und vielleicht verdankt sich dieser Begeisterung auch die Machart der Biografie, die nicht nur detail- und zitatentatenreich angefüllt und in einer sehr flüssigen und zupackenden Erzählsprache geschrieben ist, sondern stets auch sehr anschaulich den damaligen Zeitgeist vermittelt. Das gelingt Karl auch schon in jener kurzen Passage, die sie gut betont und mit glockenklarer Stimme vorliest. Der Zufall will es, dass Zeldas und Scotts Heirat im Jahr 1920 und ihr kometenhafter Aufstieg zu Stars der New Yorker High Society mit dem Beginn der berüchtigten Ära der „Roaring Twenties“ zusammenfällt. So erlebt der Leser das Amerika der Prohibition, des ungebremsten Wirtschaftsaufschwungs, der ersten Wolkenkratzer und der endlosen Partys, während er gleichzeitig teilnimmt an all den Eskapaden der Fitzgeralds und ihrem hedonistischen Leben auf der Überholspur, welches seinen Tribut fordert und beinahe schicksalhaft, mit Beginn der „Großen Depression“ im Jahr 1929, in einem düsteren Geflecht aus beruflichem Scheitern, Geldproblemen, Alkoholsucht und Ehedramen allmählich zum Erliegen kommt. F. Scott Fitzgerald stirbt 1940 als schwerer Alkoholiker nach zwei Herzinfarkten, acht Jahre später seine psychisch erkrankte Frau Zelda bei einem Brand in einer Nervenklinik.

Emotional und doch distanziert beschreibt Michaela Karl diesen Weg in den Untergang. Die dabei schon oft diskutierte Frage, wer von beiden wen zugrunde gerichtet habe, wolle sie mit ihrem Buch nicht beantworten, sagt sie. Deshalb hält sie sich darin auch mit etwa einseitigen Sympathiebekundungen oder gar Verurteilungen zurück und lässt vielmehr anhand unzähliger einmontierter Briefzitate ihre beiden Protagonisten selbst zu Wort kommen. Nur so konnte Michaela Karl die Schwierigkeit meistern, beim Schreiben ihres Buches sowohl Zelda als auch F. Scott gleichermaßen gerecht zu werden. Wie eine Zustimmung klingt denn auch der herzliche Applaus im Anschluss an die höchst unterhaltsame Lesung. Daniel Flügel

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