26.04.2017, 10°C
  • 27.05.2014
  • von Oliver Dietrich

Im Strudel der Absurditäten

von Oliver Dietrich

Tania Witte las aus ihrer Trilogie im „KuZe“

 

Demnächst hat Tania Witte den Auftrag, für das „Zeit-Magazin“ den Lesern das lesbische Leben zu erklären. Den Gedanken findet sie zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber sie tut es: Jemand muss ja als Expertin für den Umgang mit dem queeren Leben herhalten – und das kann sie hervorragend. Am Montag war Tania Witte – Buchautorin, Journalistin, Kritikerin und Spoken-Word-Akteurin – zur Montagskultur im Studentischen Kulturzentrum „KuZe“ zu Gast, begleitet von ihren ersten beiden Büchern der Trilogie: „beziehungsweise liebe“ und „leben nebenbei“ – das Manuskript des dritten und letzten Buches der Reihe mit dem Titel „bestenfalls alles“ hatte sie am Morgen erst ihrem Verlag gegeben, im September soll es erscheinen. „Ich würde nie ein Buch kaufen, auf dem Liebe steht“, sagt Tania Witte gleich zu Anfang der Lesung, die – Frühsommer sei Dank – gleich auf dem Hof stattfindet.

Während sie vorher noch mit den ganzen Charakteren aus dem Buch allein gewesen sei, kennen ihre Leser diese mittlerweile in- und auswendig. „Das Buch sei so schwierig, weil es aus fünf Perspektiven geschrieben sei“, war eines der ersten Feedback. „Also habe ich sechs draus gemacht.“ Und was für welche: Aus dem Tenor der Beiläufigkeit skizziert Tania Witte Charaktere, die sie mit bissigen Pointen schleift. Damit gelingt ihr eine derart kraftvolle Beschreibung des Durchschnittsdeutschen, dass ihr Sujet – die schwierige Kunst des lesbischen Zusammenlebens – oftmals ganz unprätentiös aus dem Zentrum verschwindet. Bei Tania Witte ist jeder Satz ein Treffer im temporeichen Strudel der Absurditäten, sie dekonstruiert ihre Figuren mit einem liebevollen Fingerspitzengefühl, das einfach nur Spaß macht.

Frau Schäfer ist eine dieser Figuren: Sie poliert anderer Leute Leben als gut riechende Putzfrau, die sich zu Fußballspielen schwarz-rot-goldene Farben ins Gesicht schmiert und findet, dass das Erfüllen von Klischees das Gruppengefühl erhöhe. Oder etwa Marte, eine Computerspiel-Designerin mit Kinderwunsch, deren Beziehung zu Tekgül scheitert: Diese ist halb Irin, halb Türkin, eine modelnde Feministin, die eigentlich Street-Art-Künstlerin werden will. Dumm für Marte, dass Tekgül von einer Berlin-Mitte-Karrieristin abgeschleppt wird, eine koksende, reiche Upper-Class-Lesbe, die es in eine Plattenhaussiedlung in einem Vorort von Johannesburg verschlägt. Oder Clemens: ein Hetero, der nicht an Liebe glaubt, aber unbedingt ein Kind will – und sich deshalb mit Marte zusammentut. Währenddessen trauert seine Mutter, dass er nicht schwul ist, weil sie sich so einer Selbsthilfegruppe anschließen könnte. Tania Witte scheut vor nichts zurück, doch sogar die Sex-Szenen gelingen ihr so witzig und unpeinlich, dass sie fast zu philosophischen Exkursen werden.

Der Fokus liegt natürlich auf der Verlogenheit zwischenmenschlicher Beziehungen – ohne diese verurteilen zu wollen. Während andere das heteronormative Selbstverständnis attackieren, setzt Tania Witte das lieber in einen ironischen Kontext. Alle Charaktere seien frei erfunden, beteuert sie – auch wenn schon eine Leserin zu ihr kam und überzeugt war, sie habe astrein über deren Freundin geschrieben. Dabei handele es sich doch nur um Stereotype. „Das Schöne ist, dass ich kein lyrisches Ich habe“, sagt Tania Witte. „Ich stecke in jeder der Figuren, auch in Clemens. Oder dem Hund. Sogar in der Schildkröte namens Fräulein Rottenmeier.“ Oliver Dietrich

Social Media

Umfrage

Sollten die Mund-Pissoirs in einem neuen Potsdamer Club abgerissen werden? Stimmen Sie ab!