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  • 19.05.2014
  • von Gerold Paul

Hausmusik der besonderen Art

von Gerold Paul

Das „intersonanzen“-Festival bot vielerlei gegenwärtige Tonschöpfungen und Kompositionen

„Modernes Blech, Klavierkonzert, Improvisierte Musik, Mobiles Konzert, Klangexpedition und Komponistengespräch“ waren nur einige Schwerpunkte aus einem thematischen Mega-Pack der diesjährigen „intersonanzen“ (9.-17. Mai). Schön, dass die Neue Musik seit 14 Jahren in Potsdam eine Heimstatt hat. Mit neuen Aufführungsorten bis hin nach Wiepersdorf oder Eberswalde hat sich der Brandenburgische Verein Neue Musik als Veranstalter auch über Potsdam hinaus einen Namen gemacht.

Dort sollen die Häuser oftmals voll gewesen sein, was in der Landeshauptstadt nicht so der Fall war. Vielleicht liegt es daran, dass die intersonanten Konzerte einfach genau so sein wollen wie die klassischen, obwohl sie doch „neu“ und pure Gegenwart sind. Wie auch immer, soweit man dabei war, ließ wohl keine der vielen Tonschöpfungen und Kompositionen den Hörer gleichgültig. Wie auch, erinnerte Taner Akyol doch am Freitag im Treffpunkt Freizeit mit einem imposanten Klangbild an die Tragödie von „Roboski“, bei der viele kurdische Kinder umgebracht wurden. Ein Stück für Klavier vierhändig, aufgebaut aus tiefdröhnenden Bombeneinschlägen und zitternden, hinwegeilenden Stimmen hoher Tonlagen, jene der Opfer. Es war ein Abend des Ensembles Junge Musik Berlin/Brandenburg, ein gern und oft gelittener Gast der „intersonanzen“. Sein Leiter, Helmut Zapf, stellte gleichfalls neu Komponiertes vor, „raccanto del suono per tre strumenti“ zum Beispiel, ein Stück für Akkordeon, Klarinette und Kontrabass, ein metrumfreies Parlieren dreier Stimmen, das wohl zu sehr a prima vista gespielt wurde. Zu wenig Charakter beim individuellen Ausdruck.

Was für eine Breite, welche Vielfalt. Doch man musste ja nicht alles toll finden: Steffen Schellhases „musik für klavier“ ging von der mathematischen Beschreibbarkeit eines musikalischen Materials aus, und blieb dort auch, woraus folgt, dass der Geist der Mathematik nicht auch der Geist der Musik sein kann. Martin Daske gab mit „zu: backbord ein Kolibri“ ein Beispiel für die Musique concrète, Taymur Streng schuf ein Stück für Horn und Zuspielelektronik, kompliziert für das Soloinstrument, sehr dezidiert in den Stimmen vom Band. Einfach nur Dank mit Bravo für „Schatten der Ideen 3“ von Walter Zimmermann für Knopfakkordeon solo. Gestisch, lebendig „cal’tacco“ für vier Instrumente, eine „Hausmusik der besonderen Art“ von Matthias Bauer.

Der letzte Festival-Tag am Samstag im Potsdam Museum war der Neuen Musik aus Rumänien gewidmet. Im Komponistengespräch mit renommierten Vertretern dieser Kunst, Dan Dediu, Doina Rotaru und Cornel Taranu, erfuhr man, dass es nach 1989 keinen Bruch gegeben hat. Die Ausrichtung der neuen Musik war, wie in der Literatur und beim Theater auch, stets gen Westen gerichtet, es gibt gute Förderung, sonst ist die Situation der hiesigen zu vergleichen, nur dass, so Dan Dediu, in Rumänien die minimalistische Musik gänzlich fehle. Abends dann eine Sternstunde des Festivals mit dem „Ensemble Profil“, einem Spitzenquintett des Balkanlandes. Vier wunderbare Kompositionen, viermal starker Beifall im gut besetzten Saal. Lag es vielleicht daran, dass die Tonschöpfer mit eigenem Dirigat auch den passenden Geist dazugaben? In jedem Fall waren hier endlich einmal Humor und Ironie zu erleben, vielleicht das Salz in der Suppe der Neuen.

Kunst der hohen lyrischen Art dann bei Doina Rotarus Quintett für Klarinette, Violine, Viola, Cello und Klavier, elegisch, tief, und sehr melodisch. Dan Dediu ließ alle Pierrots der Welt Pirouetten tanzen, Mihai Maniceanu komponierte mit „Crescendo“ ein Stück für Solo-Violine mit Schwierigkeitsgrad knapp unter dem Level von Paganini. Kein Hiesiger würde eine Partitur schreiben, darin der Bogen kurz mal virtuelle Fliegen verscheucht. Herrlich!

Das war ein so schönes, anregendes Festival, dass sich das Keller-Café erbot, Wein und Brezel zum Vorzugspreis anzubieten. Vielleicht kannte man Andres Segovias schönen Satz: „Musik muss wie das Leben sein: ein leidenschaftlicher Ausdruck von Freiheit.“ Gerold Paul

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