25.05.2016, 21°C
  • 15.05.2014
  • von Dirk Becker

Carlotta, Gasparo und die Leidenschaft

von Dirk Becker

Star seiner Zeit. Wie Gasparo Conti in „Der Virtuose (Il castrato)“ war auch der Italiener Farinelli ein gefeierter Kastrat. Im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1994 machte Stefano Dionisi (Bild) diesen Sänger auch einem breiten Publikum bekannt. Foto: Archiv

Mit „Der Virtuose (Il castrato)“ kommt im Theaterschiff eine außergewöhnliche Gemeinschaftsproduktion zur Premiere

Am Anfang ist er nur ein kleiner Junge wie die anderen in seinem Dorf. Ein wenig mollig, mit blassem Gesicht und beim Spielen so wild wie jeder andere Junge. Aber singen kann dieser Gasparo Conti, dass es einem die Sinne betört. Doch dann, im Alter von elf Jahren, ist Gasparo über Nacht auf Nimmerwiedersehen aus seinem Heimatdorf Croce de Carmine verschwunden.

In ihrem Roman „Der Virtuose“ aus dem Jahr 1993 erzählt Margriet de Moor vom Verschwinden und Wiederfinden Gasparo Contis aus der Sicht der Ich-Erzählerin Carlotta. Die Tochter eines verarmten Adligen ist auch in dem Dorf Croce de Carmine aufgewachsen und war, ein Jahr jünger als Gasparo, von dessen Gesangskünsten zutiefst beeindruckt. 17 Jahre später, Carlotta ist längst verheiratet und Mutter zweier Kinder, findet sie Gasparo wieder. Der ist mittlerweile ein gefeierter Kastrat und Star im Teatro San Carlo in Neapel. Carlotta, die schon als Kind von Gasparo fasziniert war, lässt sich auf eine Affäre mit dem Sänger ein. Eine Affäre, die nur einen Sommer dauert. Am kommenden Samstag hat die Geschichte von Carlotta und Gasparo in der musikalisch-szenischen Lesung „Der Virtuose (Il castrato)“ Premiere auf dem Theaterschiff.

Für Martina König, Regisseurin am Theaterschiff, ist „Der Virtuose (Il castrato)“ die erste Arbeit im musiktheatralischen Bereich. „Absolutes Neuland“, wie sie selbst sagt. Aber neben dem Musikalischen zählt in dieser Inszenierung vor allem das Zwischenmenschliche in der Beziehung von Carlotta und Gasparo. Diese Sehnsucht und Leidenschaften, das Hin und Her zwischen Mann und Frau und Grundfragen an das Dasein. „Da war ich wieder ganz bei meiner Profession als Schauspieldramaturgin“, so Martina König. Und so hat sie sich in dieses Abenteuer von „Der Virtuose (Il castrato)“ gestürzt, eine Inszenierung, die ursprünglich im Spielplan des Theaterschiffs nicht vorgesehen war.

Im Dezember hatte das Team um Martina König erfahren, dass ab 2014 die jährliche Förderung vom Land Brandenburg in Höhe von 15 000 Euro nicht mehr gezahlt wird. Fehlendes Geld, das die Existenz des bekannten und langjährigen Veranstaltungsortes gefährdete. Daraufhin sprang die Stadt ein und erhöhte die jährliche Förderung von 95 000 auf 105 000 Euro. Dieser Zuschuss von 10 000 Euro ging dann zulasten des freien Ensembles I Confidenti. „Ich bekomme ein schlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber“, sagte Martina König, als sie damals von dieser Umverteilung hörte. Aus diesem Unbehagen ist nun eine Zusammenarbeit entstanden, deren Ergebnis am Samstag mit „Der Virtuose (Il castrato)“ auf der Bühne des Theaterschiffs zu erleben ist.

Christine Jaschinsky, künstlerische Leiterin des Ensembles I Confidenti, sprach Martina König nach der Entscheidung der Stadt an und fragte, ob man aus der Not nicht eine Tugend machen wolle und gemeinsam ein Stück inszenieren könnte. „Es ist schon erstaunlich, was sich aus dieser Zwangslage entwickelt hat“, sagt Martina König. Denn nicht allein Theaterschiff und I Confidenti arbeiteten für „Der Virtuose (Il castrato)“ zusammen, sondern auch das Hans Otto Theater unterstützte die Produktion. „Da ich keinerlei Erfahrung mit dem Musiktheater hatte, sprach ich Carola Gerbert an, die trotz ihres vollen Terminkalenders sofort zusagte.“ Carola Gerbert, unter anderem als Dramaturgin für die Potsdamer Winteroper mitverantwortlich, suchte die Arien für die Inszenierung aus und half bei jeglichen musikalischen Fragen. „So ist hier in der Schiffbauergasse ein künstlerisches Miteinander entstanden, das wir auch als ein Zeichen an die Öffentlichkeit verstehen möchten“, sagt Martina König. Ein Zeichen, dass hier niemand dem anderen die Fördergelder neidet, sondern dass man zusammen einen Weg finden kann.

Die Geschichte von Carlotta und Gasparo ist auf dem Theaterschiff in einer sparsamen Inszenierung zu erleben. Der Countertenor Razek François Bitar in der Rolle von Gasparo, Andrea Brose als Contessa Carlotta und Mira Lange als Begleiterin am Cembalo, viel mehr braucht es nicht, um dieses Miteinander zu erzählen. In ihre Regiearbeit hat Martina König auch das eigene Staunen beim Entdecken dieser musikalischen Welt des 18. Jahrhunderts einfließen lassen. Auch einen offenen und im positiven Sinne naiven Blick auf die Schönheit dieser Musik und die damit verbundene Hingabe des Künstlers. „Mir war es wichtig, dass diese Hingabe und gewisse Naivität auch im Gesang wiederzuentdecken ist“, sagt Martina König. In Razek François Bitar hat sie einen Künstler gefunden, der ihre Vorstellungen mittragen und entsprechend gestalten kann.

„Dieses Gemeinschaftsprojekt war und ist noch immer eine große Herausforderung“, sagt Martina König. Allein eine überzeugende Umsetzung von Gesang und Instrumentalspiel im niedrigen Schiffsrumpf erfordert ein besonderes Feingefühl und entsprechende technische Fertigkeiten. „An den Feinheiten arbeiten wird derzeit immer noch.“ Trotz des Aufwandes ist „Der Virtuose (Il castrato)“ vorerst nur zweimal im Theaterschiff zu erleben. „Das ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass wir diese Inszenierung außerplanmäßig ins Programm genommen haben.“ Doch diese berührende Geschichte von Carlotta und Gasparo, dieses knisternde Spiel von Liebe und Leidenschaft mit musikalischer Umrahmung soll nicht nach den zwei Aufführungen für immer aus dem Programm verschwinden. So viel kann Martina König schon jetzt versichern.

Premiere von „Der Virtuose (Il castrato)“ am Samstag, dem 17. Mai, um 20 Uhr auf dem Theaterschiff in der Schiffbauergasse. Die zweite Aufführung ist am Samstag, dem 24. Mai, um 20 Uhr im Theaterschiff zu sehen. Der Einritt kostet 25, ermäßigt 20 Euro

Social Media

Umfrage

Soll das Rechenzentrum auch nach 2018 als Künstlerzentrum erhalten bleiben? Stimmen Sie ab!