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  • 12.04.2014
  • von Helen Thein

Collagen der Kaputtspiel-Phase

von Helen Thein

Eine Nische, die alle Maße zu sprengen drohte: Die Free-Jazz-Szene in der DDR tobte – etwa hier beim Open-Air-Festival im brandenburgischen Peitz am 20. Juni 1981. Foto: Matthias Creutziger

Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zeigt die subversive Kraft der DDR-Jazzszene

Ernst-Ludwig Petrowsky muss etwas klarstellen: Der Name des legendären Zentralquartetts, jener einflussreichen Jazz-Formation, in der neben ihm auch Conny Bauer, Ulrich Gumpert und Günter „Baby“ Sommer seit den 1970er-Jahren spielen, sei durchaus ernst gemeint. Der 80-Jährige ist gut gelaunt am Donnerstagabend im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, wo er zur Ausstellungseröffnung „Free Jazz in der DDR“ mit seiner Frau Uschi Brüning und dem Schlagzeuger Michael Griener auftrat. Über 200 Menschen waren gekommen, um mehr über diese Subkultur zu erfahren und einen ihrer wichtigsten Protagonisten noch einmal live zu erleben.

Der nörgelte: Free Jazz sei ja wohl kein passender Begriff für das, was da getrieben wurde: „Wir nannten es improvisierte Musik.“ Es mag eine Eigenheit der Free Jazzer sein, nicht in eine Schublade gesperrt werden zu wollen wehren, auch wenn auf ihr groß „Frei“ steht. Die Ausstellung, kuratiert von Stefanie Wahl und Albert Ecke, wird beidem gerecht, der Musikrichtung, die zu einem Markenzeichen wurde, und den Individualisten der Szene. Sie alle kommen zu Wort, Musiker, Veranstalter und Fans. Eine Stimmenvielfalt, die eindrücklich belegt, wie Einzelne sich gegen eine kollektive Enge und den normativen Wohlklang wehrten und sich gleichzeitig im gemeinsamen Spielen verwirklichten. „Die echteste und ehrlichste Variante musikalischer Zusammenarbeit“ nannte Conny Bauer 1977 das ungebundene Drauflospielen. Für den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ist es der adäquate Ausdruck für das, was er fühlt: „Ich wollte alles zerhacken, ich wollte alles neu machen, hatte aber noch keine Idee, wie.“

Aus der historischen Perspektive wirken der radikale Individualismus und die subversiven, sich ständig neu formierenden Gruppenbildungen des Krawall-Jazz genuin politisch: „Frei improvisierte Musik war für uns in hohem Grad auch als politisches Statement zu sehen, sich nicht in irgendwelche Schablonen pressen zu lassen“, erinnert sich Thomas Krüger, heute Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Das sahen damals aber weder die Musiker so noch die politischen Entscheidungsträger. Die einen wollten nur spielen, die anderen glaubten nur an das Wort – auf das der Free Jazz verzichtete. Ausnahmslos alle Musiker der Szene durften an Hochschulen studieren, gespielt haben sie am liebsten in Studentenklubs.

In den Anfangsjahren Mitte der 70er, die in der Ausstellung als „Kaputtspielphase“ bezeichnet wird, sollten alle harmonischen Erwartungen von Wohlklang und Rhythmus weggeblasen werden. „Ihr habt mir immer leidgetan“, kommentiert Petrowsky im HBPG diesen Aufbruch ins Atonale und bläst dann so kräftig in sein Saxophon, dass sich die Kinder in der ersten Reihe sofort die Ohren zuhalten, während die Mehrheit des Publikums beglückt lächelt. In der Ausstellung okkupierten die Kinder eifrig die Hörstationen, die Fotos von den berserkerhaften Männern mit ihren aufgeblasenen Backen interessierten sie ebenso wenig wie die vielen Plattencover der auch im Westen begehrten Jazz-Reihe des staatlichen Labels Amiga. Die Erwachsenen kommentierten sachkundig das Ausgestellte, ein jeder schien Zeitzeuge zu sein. Das wundert nicht, denn Free Jazz war in der DDR in einem Maße beliebt, das jede Nische zu sprengen drohte. Legendär sind die Open-Air-Festivals im brandenburgischen Städtchen Peitz: 4 000 Besucher kamen 1980 dorthin, was in etwa der Einwohnerzahl entsprach. Zwei Jahre später wurde den Organisatoren die Veranstaltungserlaubnis entzogen. Aber da gab es republikweit schon zahlreiche kleinere und größere Jazz-Klubs.

In collageartigen Clustern bietet die Wanderausstellung einen schnellen und lebendigen Einblick in eine identitätsstiftende Subkultur, die es zu einer internationalen Reputation brachte – die bis heute anhält. Das die Schau begleitende Veranstaltungsprogramm verspricht zudem noch eine ganze Reihe von Wiederbegegnungen mit Protagonisten der Szene.

Die Ausstellung „Free Jazz in der DDR – Weltniveau im Überwachungsstaat“ ist im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Schloßstraße 12, bis zum 5. Oktober zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis donnerstags von 10 bis 17 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 2 Euro

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