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  • 12.03.2014
  • von Dirk Becker

Potsdamer Komposition: Ein Gefühl von Glück

von Dirk Becker

Ein Zeichen für das Unvergängliche, das Ewige. Für den Luxemburger Pianisten David Ianni steht der Heilige See für das Zeitlose. Entdeckt hat er das Gewässer durch die Fotografien der Potsdamerin Monika Schulz-Fieguth und sich vom See und den Bildern zu seinen Kompositionen inspirieren lassen. Foto: Andreas Klaer

Der Pianist David Ianni hat seine Kompositionen über den Heiligen See veröffentlicht

Angefangen hat es mit den Bildern von Monika Schulz-Fieguth. Mit ihrer Liebeserklärung an den Heiligen See. Vor über sechs Jahren hatte die Potsdamer Fotografin ihren exklusiven, großformatigen Bildband „Der Heilige See am Neuen Garten in Potsdam“ herausgebracht. Traumschöne Bilder von dem See, in dessen direkter Nachbarschaft sie damals schon über 30 Jahre lebte. Bilder vom Heiligen See zu den unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten, die einen mehr sehen ließen als bei einem Spaziergang entlang des stillen Wassers. Denn der Blick von Monika Schulz-Fieguth hatte sich über die Jahre geschärft und es war ihr in den Bildern gelungen, die Faszination dieses Gewässers und die umgebende Landschaft wie unter einem Brennglas zu bündeln.

Der Luxemburger Pianist David Ianni hat durch diesen Bildband den Heiligen See für sich entdeckt. Kennengelernt hatte er Monika Schulz-Fieguth durch ihre Fotografien aus dem Kloster Stift Heiligenkreuz. Dann sah er den Bildband über den Heiligen See. „Diese Bilder von Monika Schulz-Fieguth haben wirklich nach Musik gerufen, ich habe den Klang regelrecht in mir gehört und angefangen, ein Stück zu schreiben. Daraus sind dann fünf ziemlich ausgedehnte Stücke geworden, die sich auf die Hauptbilder von ,Der Heilige See am Neuen Garten’ beziehen, die wiederum Bezug auf die Jahreszeiten nehmen“, sagte David Ianni vor zwei Jahren in einem PNN-Interview, wenige Tage bevor er seine Kompositionen in Potsdam vorstellte. Nun ist bei Oehms Classics das Album „Prayers of Silence“ von David Ianni erschienen, auf dem er auch den Zyklus zum Heiligen See eingespielt hat. Es sind insgesamt fünf Kompositionen, die sich an den Jahreszeitenbildern der Potsdamer Fotografin orientieren. „Fünf Kompositionen für fünf Jahreszeiten. Monika Schulz-Fieguth hat das sehr interessant gemacht. Sie hat Frühling, Sommer, Herbst und Winter am Heiligen See fotografiert und dem November hat sie dann ein eigenes Bild gewidmet. Der November als eine Jahreszeit im Übergang. Es ist nicht mehr Herbst, aber auch noch nicht Winter. Das hat etwas ganz Eigenes. Das hat mich einfach so beeindruckt, dass daraus eine fünfte, musikalische Jahreszeit entstanden ist“, so David Ianni in dem Interview.

David Iannis Kompositionen wirken wie die Bilder von Monika Schulz-Fieguth. Auf den ersten Blick ganz klar in der Aufteilung, doch je länger der Betrachter hinschaut, umso mehr geben sie an Details und Stimmungen preis. Es ist ein einfaches Thema, das der Pianist jedem einzelnen Jahreszeitenzyklus zugrunde legt. Und wie in der Minimal Music beschränkt sich David Ianni auch auf die Wiederholung und leichten Variationen dieses Themas. Er umspielt es und verziert es nur ganz leicht. Und je länger man Ianni dabei zuhört, umso tiefer taucht man in seine Musik ein, offenbart sich eine Schönheit, die mit ihrer Schlichtheit überwältigt. Musik wie ein Gebet, wie ein Innehalten, wie eine Innenschau, durch die sich auch etwas offenbaren kann. Denn David Ianni hat schon sehr früh erkannt, „dass man mit Musik Dinge zum Ausdruck bringen kann, die Worte nicht vermögen. Eine Art Sehnsucht, die das Transzendente berührt“.

Für Ianni steht der Heilige See für das Unvergängliche, Zeitlose, für das Ewige, an dem die Jahreszeiten vorübergehen, ohne irgendwelche sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Das sich ständig wiederholende musikalische Thema symbolisiert die tiefe Ruhe und Gelassenheit des Sees, dessen Unberührtsein von den Zeitläuften, das Ewige. In den kleinen umspielenden Melodien, den Verzierungen lässt er die Natur in ihrer Wechselhaftigkeit und Schnelllebigkeit auftreten, die Unrast des Vergänglichen. Und gerade darin liegt das Wertvolle in dem Heiliger-See-Zyklus von David Ianni: Er hält, wie in den Bildern von Monika Schulz-Fieguth, die flüchtige Schönheit des Vergänglichen fest und gibt dieser etwas von Ewigkeit. So entsteht im Kopf des Zuhörers über die Jahreszeiten „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“, „November“ und „Winter“ ein Panorama, eine musikalische Wanderung durch die Witterungen, durch das sich immer wiederholende Spiel der Jahreszeiten. Eine Musik, die ganz bewusst erlebt werden will. Ohne Ablenkungen, ohne Unterbrechungen, im Idealfall unter dem Kopfhörer. Wer will, der schließt dann einfach nur die Augen und erlebt über 30 Minuten lang ein zurückhaltendes Spiel, ein regelrechtes Atmen von Tönen und Themen, ein so luftig und leichtes Entfalten von Schönheit, eine regelrechte Meditation wie beim langen Betrachten der Oberfläche eines ruhigen Sees. Wirkungsvoller aber ist der Zyklus, im Grunde das ganze Album, das von einer starken Tiefe geprägt ist, direkt am Heiligen See zu erleben. Es dauert nicht lange, und mit dem Blick auf den See, die ihn umgebende Landschaft und der Musik von David Ianni über den Kopfhörer stellt sich eine erstaunliche Ruhe und Gelassenheit ein. Ein Gefühl von Glück, das nicht so flüchtig, sondern fassbarer wird. Etwas Schöneres lässt sich an diesen sonnenhellen Tagen am Heiligen See wohl kaum erleben.

David Ianni „Prayers of Silence“, Oehms Classics 2014

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