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  • 18.12.2013
  • von Oliver Dietrich

Radikal und tanzbar

von Oliver Dietrich

Feministischer Punkrock im Kulturzentrum „Kuze“

Zugegeben, die „Riot-Grrrl“-Bewegung ist keine lokale Erfindung, und auch schon etwas älter: Die explizit feministische Abrechnung mit der männlichen Dominanz im Musikgeschäft ist in den USA Anfang der Neunziger entstanden – und seitdem nicht mehr wegzudenken. Grund genug, den „Aufruhr-Mädchen“ zur Montagskultur im studentischen Kulturzentrum „Kuze“ eine Bühne zu geben. Und da Berlin ja musikalisch viel zu bieten hat, entfiel auch die weite Anreise aus den Staaten – beide Bands kommen aus der Hauptstadt. Brechend voll wurde es diesen Montag zwar nicht, aber ein gutes Konzert in angenehm familiärer Atmosphäre.

Obwohl genau andersrum geplant, machten den Auftakt The Anna Thompsons, zwei Kanadierinnen, die sich mit einer Spanierin zusammengetan haben und von einem Schlagzeuger unterstützt werden; dit is eben ooch Berlin. Was da zunächst „beatlesk“ daherkam, hatte aber ordentlich Power im Gepäck. Wer sich im Internet vorher The Anna Thompsons angesehen und angehört hatte, erwartete mit Sicherheit eine Kokettierung mit den Sechzigern – so schlimm war es dann aber Gott sei Dank nicht: Die Hausfrauen-Optik entpuppte sich als astreine Inszenierung. Vielleicht der erste Hinweis auf den feministischen Grundgedanken? Aber da lässt sich eben auch viel reininterpretieren. Die „Riot-Grrrl“-Attitüde ließ sich jedenfalls nicht weglasern, auch wenn das Quartett schwer in eine Schublade zu pressen war. Zumindest dominierte eine Unfertigkeit, die am ehesten an den Garagensound der Postpunk-Ära erinnerte, bei der jedoch selbst das ohrenblutige Keyboard den Charme nicht wegwischen konnte.

Diese Ablehnung der Perfektion war jedoch mitreißend: „The next song is called ,Fuck You’“, hauchte die Sängerin und Bassistin ins Mikrofon – herausfordernder Augenaufschlag inklusive. Gibt es denn da eine Message? Auf Nachfrage gesteht Gitarristin Ambika Thompson schließlich, dass es einen latenten Satanismus gebe, genau wie bei den Beatles: Man müsse eben die Platte rückwärts hören, um die Botschaften zu entschlüsseln. Es sei schließlich ganz einfach, so etwas aufzunehmen.

Das Rätselraten nach der Botschaft entfiel bei der zweiten Band: Respect My Fist mussten sich eine Ersatzschlagzeugerin für das Konzert suchen, wollten es aber auch nicht ausfallen lassen: Schließlich sollte Potsdam das Jahresabschlusskonzert werden, das lässt man sich nicht durch einen Krankheitsfall nehmen. So ließ sich eine gewisse Holprigkeit zwar nicht vermeiden, aber die Entschlossenheit machte das wieder wett. Die Botschaft war eindeutig: „Wir sind politisch, feministisch, radikal – und tanzbar“, lautet das Credo der Berliner Band. Hier hat sich jemand einen Kopf gemacht, und das Ergebnis in grundehrlichen Punkrock transformiert. „Das geht raus an all die Kackscheiße, die da draußen passiert“ – wer so einen Song ankündigt, hat Wut im Bauch, eine Metamorphose aus intellektueller Propaganda und harten Klängen. Und blutig: Der Song über Menstruation wird zum Dauerbrenner und gleich zweimal gespielt. Es gebe immer mehr Menschen, die sich angesprochen fühlen, heißt es später von der Band. Und der Kampf gehe so lange weiter, bis auch der letzte sein „Für eine Frauenband seid ihr ganz gut“ stecken lässt. Oliver Dietrich

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