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  • 10.12.2013

„Wir haben unsere eigene Geschichte“

Steht dazwischen. Juliane Dietrich wurde in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Foto: Sven Gatter

Juliane Dietrich lässt die „Dritte Generation Ost“ nun auch in Gesprächsrunden in Potsdam zu Wort kommen

Frau Dietrich, seit die „Dritte Generation Ost“ sogar von Bundespräsident Joachim Gauck empfangen wurde, der lobte, dass endlich mal die Älteren den Jüngeren zuhörten, sind Sie endgültig im politischen Diskurs angekommen.

Das war ein tolles Gefühl, eingeladen zu werden: Unsere Meinungen wurden endlich anerkannt.

Wie homogen sind die?

Was uns eint, ist das Gefühl, dass wir durchaus etwas zu sagen haben. Vor allem teilen wir aber die Erfahrung, in der Transformationszeit der Wende auch die Transformation eines Kindes zum Jugendlichen und Erwachsenen erlebt zu haben. Außerdem eint uns der Anspruch, etwas in der Gesellschaft zu bewegen. Natürlich hat jeder seine eigenen Perspektiven.

Es geht also eher um das Aufwachsen in einer Umbruchzeit, in der Ihre Elterngeneration selbst stark von Veränderungen geprägt war?

Unsere Eltern beschäftigten sich mit eigenen Problemen: Werte- und Wirtschaftssysteme brachen zusammen, sie mussten sich selber finden und hatten keine Aufmerksamkeit für ihre Kinder übrig. Wir wuchsen sozusagen allein auf. Uns fehlten Vorbilder und Vertrauen, das zum Teil bis heute gestört ist. Mir geht es bei der Biografiearbeit aber auch darum, tieferzugehen und zu fragen: Wie war es wirklich in der DDR, ohne dass sich erst einmal jemand verteidigen muss, von dort zu stammen?

Wieso verteidigen?

Wenn man in einer gemischten Gruppe oder in den Medien als Ostdeutscher spricht, ist man häufig mit dem Totschlagargument konfrontiert, dass sei sowieso alles schlecht gewesen, weil man ja aus einer Diktatur kommt, und erst jetzt sei man frei. Man wird also von vornherein gar nicht erst ernst genommen. Legt man diese Schablone an, ist jeder Austausch sinnlos, weil die Wertung schon feststeht, bevor das Gespräch begonnen hat.

Beschreiben Sie mal so einen Diskurs: Was wird offen gesagt, was unterschwellig?

Ganz platt? Der Ostdeutsche ist rückständig, sieht irgendwie ostdeutsch aus, kann sich nicht gut ausdrücken, weiß nichts, hat keine Führungskompetenz, ist Nazi, arbeitslos oder ein Jammerossi.

Vor Kurzem hat Uschi Glas bei Markus Lanz gesagt, im Osten seien die Menschen zu unterqualifiziert, um einen Mindestlohn zu rechtfertigen. Sie haben inzwischen viele Erfahrungen mit Medien gesammelt. Inwiefern tragen die zu solchen Stereotypen bei?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt vom Vorbereitungsgrad der Journalisten ab. Viele überregionale Medien betrachten ja den Osten immer noch als Ausland und berichten auch so. Bei Diskussionsveranstaltungen muss häufig ein westdeutscher Professor dabei sein, der mir dann erklärt, was richtig und was falsch ist.

Thematisieren Sie das dann?

Nein. Wir haben uns ja gegründet, um eine eigene Debatte anzustoßen. Wir wollen aus dieser defensiven Rechtfertigungsposition ja heraus, und das ist es auch, was uns so erfolgreich macht.

Was haben Sie schon bewegt?

Wir haben den Mediendiskurs schon verändert. Dass überhaupt junge Leute unserer Generation zu Wort und aus ihrer Deckung kommen, ist sehr viel. Es ist ein Buch erschienen, wissenschaftliche Projekte schlossen sich an, wir organisieren Konferenzen und Workshops. Bei unseren „Rotkäppchensalons“, nach der Sektmarke benannt, stellen regelmäßig Soziologen aus Ost und West ihre Forschungsergebnisse zum Thema vor. Nächstes Jahr planen wir eine Wanderausstellung.

Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen den Ostdeutschen unserer Generation eine Stimme geben, ihnen ein neues Selbstbewusstsein verleihen. Aus diesem großen Ziel ergeben sich bei sehr unterschiedlichen Menschen ganz viele Ideen, deren Umsetzung in Projekten wir dann fördern.

Was machen Sie in einem Biografieworkshop wie am heutigen Dienstag in Potsdam?

Wir gehen auf die Suche: Wer sind wir eigentlich? Wo kommen wir her? Was sind unsere Erfahrungen? Welche spezifischen Perspektiven ergeben sich daraus? Das sind häufig ganz andere, als es der Common Sense vorgibt.

Nennen Sie ein Beispiel.

Ich zitiere ein Forschungsergebnis: Ostdeutsche Männer unserer Generation können oft nichts mit der Mentalität „erfolgreicher Geschäftsmann mit Sinn für Kinder und Ellenbogen“ anfangen, weil sie anders aufgewachsen sind. Ihre Art zu denken kommt im öffentlichen Diskurs aber gar nicht vor. Das wollen wir ändern.

Was erleben Sie in den Gesprächsrunden?

Ich bin häufig vollkommen baff. Manchmal kommen da 30-Jährige, die setzen sich auf einen Stuhl und sagen innerhalb der ersten fünf Minuten: Übrigens war mein Vater bei der Stasi, und übrigens kann ich bis heute immer noch nicht mit ihm darüber reden. Dann sitzt ihm ein Häftlingssohn gegenüber und noch einer, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Dass es möglich ist, sich diese Dinge aus unterschiedlichen Ausgangspositionen zu erzählen, ungefiltert von einer Medienöffentlichkeit, die häufig nur nach Bestätigung eines vorgefertigten Weltbildes sucht, das bewegt die Menschen ganz oft und mich auch. Das überwindet Misstrauen anderen, aber vor allem sich selbst gegenüber. Und es ist häufig der Anstoß, sich in die Gesellschaft einzubringen – und das ist ja das, was wir eigentlich wollen: dass sich niemand ins Private zurückzieht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass seine Meinung niemand hören will.

Ein bisschen klingt das ja nach Selbsthilfegruppe. Muss der Ossi auf die Couch?

Fände ich nicht so schlimm, aber durch den politischen Anspruch ist es viel mehr als eine Selbsthilfegruppe. Die Frage ist doch: Müssen alle Deutschen auf die Couch? Wir hatten auch schon Westdeutsche da, die viel zu erzählen hatten, aber meistens kommen natürlich Ostdeutsche, weil sie viel mehr Brüche erlebt haben, die zum Teil bis heute nicht verarbeitet wurden.

Wenn Sie sich so dezidiert an die Ostdeutschen wenden, tragen Sie dann nicht zur Diskriminierung bei?

Es geht doch erst mal darum, einen Raum zu schaffen, wo sie sich begegnen können, ohne sich verteidigen zu müssen. Danach geht es um Austausch zwischen Ost und West: Wie lassen sich unterschiedliche Erfahrungen nutzen? Bestenfalls arbeiten wir so lange, bis wir überflüssig sind.

Gibt es eigentlich eine vierte Generation Ost?

Ja, bei Gauck waren auch Fünftklässler, die uns fragten, warum wir das machen, denn es sei für sie kein Thema mehr. Ich denke, sie werden trotzdem geprägt von ihren Familien. Spätestens wenn sie für Ausbildung oder Studium woanders hinkommen, werden sie die Unterschiede bemerken, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ideell.

Ist es ein Vorteil der Ostdeutschen, dass sie im Zuge des Umbruchs so eine große Assimiliationsleistung vollbracht haben?

Grundsätzlich kann man das wohl nicht pauschal beantworten, aber ich glaube, die Bereitschaft, auch grundsätzliche Dinge infrage zu stellen, ist höher.

Immer noch waren 50 Prozent der Westdeutschen sehr selten, ein Fünftel noch nie im Osten. Sehen Sie da eine Bringeschuld?

Na klar! Es ist für sie an der Zeit festzustellen, dass es hier auch eine Kultur zu entdecken gibt, dass nicht alles so grau ist, wie es in der Vorstellung vielleicht sein müsste, und dass hier ein Aufbau stattgefunden hat, den alle Deutschen geleistet haben.

Mit Ihrem Generationenbus sind Sie quer durch den Osten gefahren. Wäre es nicht an der Zeit, auch mal den Westen zu besuchen?

Ja, das ist auf jeden Fall geplant.

Gibt es adäquate Organisationen im Westen?

Im gesamten Netzwerk engagieren sich auch Westdeutsche, die unsere Fragen als gesamtdeutsche Herausforderung betrachten. Sie fühlen sich betroffen, weil sie damit zu tun haben, etwa weil sie im Osten studiert haben oder einen ostdeutschen Partner haben.

Was erleben Sie an Reaktionen, abgesehen von den vermutlich polemischen Spitzen, die nicht repräsentativ sind?

Die Tendenz ist: neutral bis positiv überrascht.

Ihnen wird ja von älteren Ostdeutschen vorgeworfen, Sie könnten gar nicht mehr wissen, wie es im Osten war.

Ja, es gibt häufig diese Missverständnisse mit der Ersten und Zweiten Generation. Die Älteren haben ja ganz andere Erfahrungen gemacht und länger in dem System gelebt. Manche kommen aber auch und hören zu, um ihre eigenen Kinder verstehen zu lernen.

Warum dürfen sie nur zuhören?

Weil es eben genau darum geht, eine Generation zu Wort kommen zu lassen, der bisher immer über den Mund gefahren wurde. Die Deutungshoheit hatten immer andere. Die Haltung, alles besser zu wissen, haben Ältere ja generell Jüngeren gegenüber. Das wollten wir aufbrechen, denn wir haben unsere eigene Geschichte.

Das Gespräch führte Christian Schmidt

Der Workshop „Ostdeutsche Herkunft – ostdeutsche Perspektiven!“ findet am heutigen Dienstag von 18 bis 21 Uhr in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in der Heinrich-Mann-Allee 107, Haus 17, statt

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