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  • 02.11.2013
  • von Dirk Becker

Die tiefe Schönheit im Augenblick

von Dirk Becker

Faszinierendes Faltenspiel. Göran Gnaudschuns „Decke, Potsdam (Dienstag, 24.04.2007)“. Foto: Göran Gnaudschun

Die Ausstellung „Hinter den Bildern“ des Potsdamer Fotografen Göran Gnaudschun im „KunstHaus“

Bilder von Göran Gnaudschun zu betrachten hat immer etwas mit Berührungen zu tun. Sich berühren, sich anrühren lassen. Und es sind gerade die scheinbar beiläufigen Aufnahmen des Potsdamer Fotografen, die tief im Betrachter rühren können. Das lässt sich ausgezeichnet in der aktuellen Ausstellung „Hinter den Bildern“ im „KunstHaus“ erleben. Hier präsentiert Gnaudschun eine Art Werkschau in 48 Fotografien, entstanden zwischen 2006 und 2013. In vier Serien ist die Ausstellung unterteilt, darunter „Luft berühren“, eine Art Schnappschusstagebuch, das Göran Gnaudschun von 2006 bis 2012 führte.

In der dichten Hängung wirken diese Bilderseiten aus seinem Fototagebuch auf den ersten Blick verwirrend und unruhig, befremdlich und intensiv, in manchen Momenten auch banal. Doch je länger man diese Stillleben, diese Landschafts- und Detailaufnahmen betrachtet, umso mehr verdichten sich diese Motive. Das ist der Moment, in dem Gnaudschun den Betrachter sehr bewusst, sehr tief erreicht. Denn durch die Serie „Luft berühren“ erkennt man, dass die im Leben, im Alltag so unzähligen banalen und achtlosen Momenten viel mehr sind als die scheinbar monotone Wiederkehr des Ewiggleichen. Jeder Moment ist ein besonderer. Und auch wenn mancher über diese abgedroschene Kalenderblattweisheit nur noch müde lächeln kann, mit den Bildern von Göran Gnaudschun bekommt sie wieder Gewicht und eine ganz eigentümliche, eine tiefe Schönheit. Wenn man bereit ist, hinter die Bilder zu schauen.

Da genügt eine Decke auf einem schwarzen Sofa. Vor wenigen Momenten scheint noch jemand unter dieser Decke gelegen zu haben, die typischen Formen haben sich erhalten. Auch wenn etwas Kühles von diesem Bild auszugehen scheint, ist da dieses Gefühl, ein Griff unter diese Decke würde genügen und man spürt etwas von der langsam schwindenden Wärme. Und dann erkennt man in diesem Alltagsbild ein wunderbares Faltenspiel, den klassischen Faltenwurf, vielleicht auch in dieser darbietenden Komposition, dem Spiel mit Schatten und Licht Anspielungen an die niederländische Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts. „Decke, Potsdam (Dienstag, 24.04.2007)“ hat Göran Gnaudschun dieses Bild genannt.

Gnaudschuns fotografische Arbeiten pendeln zwischen dem Momenthaften im Alltag und der so feinen und scheinbar bis ins Detail durchkomponierten Kunst des Porträts und der fotografischen Landschaftsmalerei. Er hat Potsdamer Hausbesetzer besucht und die Band 44 Leningrad auf Tour begleitet. Und wie in „Luft berühren“ hat er auch hier im Schnappschusshaften wie unter einer Lupe das scheinbar Beiläufige so prägnant verdichtet. Doch am stärksten ist der 42-jährige Gnaudschun immer dann, wenn er den Menschen vor seine Kamera holt.

13 Porträts sind im „KunstHaus“ in den Serien „morgen“ und „Drei Jahre“ zu sehen. Zehn Aufnahmen in Schwarz-Weiß, drei in Farbe. Zehn Kinder und Jugendliche, drei Rentner. Ob bewusst oder Zufall, auch hier finden sich Anspielungen auf klassische Bildthemen und Motive, wenn auf faszinierende Weise Jugend und Alter gezeigt werden, wenn das Leben bildhaft durchschritten und der Mittelteil dabei einfach übersprungen wird. Wer Gnaudschuns Porträtarbeiten kennt, weiß, dass hier nie gelächelt wird. Verschlossen und distanziert, abweisend und skeptisch wirken die Fotografierten. Und gerade so gelingt es Göran Gnaudschun, die Porträtierten nicht nur abzubilden, sondern zu zeigen. Es ist, als würden nicht nur seine Bilder berühren, sondern auch seine Kamera, wenn man sich vor sie setzt. So legt Gnaudschun eine tiefe und ehrliche, gleichzeitig auch sehr verletzliche Schönheit offen. Es ist die seltene Kunst, mit einem einzigen Bild einen Menschen in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Auch wenn das vermessen klingt und ähnlich erfolgversprechend sein mag wie Luft greifen zu wollen, Göran Gnaudschun ist darin ein wahrer Meister. Glücklich schätzen darf sich, wer von ihm porträtiert wurde. Denn seine Bilder sind immer wie ein tiefer und berührender Spiegel.

Glücklich schätzen kann sich auch jeder, der diese Ausstellung mit Zeit und viel Ruhe erlebt. Der auf Gnaudschuns „Inseln“ verweilt, diesen Baumresten auf Brandenburger Äckern, die, warum auch immer, noch nicht von Axt und Pflug beseitigt wurden und wie ein letztes Aufflackern an die früheren, riesenhaften Wälder erinnern. Glücklich auch der Kunstverein, der das „KunstHaus“ betreibt und nun schon im fünften Jahr von der Credit Suisse bei den Fotografieausstellungen unterstützt wird. Aber wirklich glücklich ist der, der sich von diesen Bilder berühren lässt und mit Göran Gnaudschun das Tiefe, Anspielungs- und Facettenreiche „Hinter den Bildern“ zu entdecken vermag.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Dezember im „KunstHaus“, Ulanenweg 9, mittwochs 11-18 Uhr, donnerstags und freitags 15-18 Uhr, samstags und sonntags 12-17 Uhr

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