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  • 02.11.2013
  • von Oliver Dietrich

Das Problem mit Theater

von Oliver Dietrich

Was schwarz auf weiß in der Zeitung steht, muss doch stimmen. Oder? In ihrer Performance „Now...?“ setzen sich die Macher des Continuo Theater allgemein akzeptierten Wahrheiten auseinander. Foto: promo

Die tschechische Gruppe Continuo Theatre legte eine experimentelle Performance im Kuze hin

„Do you know what is the problem of theatre?“, fragt Alessandro La Rocca mit kräftiger Stimme und schaut dabei herausfordernd ins Publikum. Hat Theater ein Problem? Oder ist es gar das Problem? Die Prager Gruppe Continuo Theatre, die am Donnerstagabend im Kuze auftrat, schwenkt den Blick weg von der Lesart, dass Theater nur durch die Akzeptanz des Publikums lebt: Ein Asteroid soll auf die Erde knallen, so kündigen es die Zeitungen der Schauspieler an — und alle schauen erschrocken hoch in den Himmel. „Fake!“, ruft La Rocca, „Fake! Fake! Fake!“ Theater ist doch so etwas von nicht echt. Da oben ist doch die Decke vom Theatersaal und nicht der Himmel. Da kann man gar keine Asteroiden sehen.

Continuo Theatre ist eine junge, bunte Truppe, die mit Theater experimentiert – und dabei Konventionen infrage stellt. Die Gruppe will viel, aber auf keinen Fall in eine Schublade gesteckt werden. Es gab doch alles schon, und wenn man mit so viel Leidenschaft Theater spielt, dann muss man etwas Neues erschaffen. Theatralisch ist das Stück „Now…?“ auf jeden Fall, doch so richtig einig wird sich die Gruppe irgendwie nicht: Geht es um die Message? Ist das einfach nur Tanz- und Bewegungstheater? Da sind viele Elemente eingebaut, und so gut das auch gemacht ist – oftmals überschneiden sich die Absichten einfach.

Eine Bühne braucht das Ensemble nicht, die Stühle werden locker im Kreis gruppiert, und wer zum Publikum gehört und wer zum Theater – das wird zur Überraschung: Wenn die Grenze zwischen Bühne und Beobachter gekappt wird, ist jeder Teil des Spektakels. Da kann man sich in der Rolle des Beobachters nicht in Sicherheit wiegen, vielleicht bleibt es nur beim Blickkontakt, vielleicht wird man Teil des Ganzen – oder ist es längst.

Einer stringenten Handlung scheint das Stück (Regie: Pavel Štourac) nicht zu folgen. Eher schlaglichthaft reihen sich die Szenen aneinander, die können stumm sein, mit Musik begleitet, getanzt oder auch mal mit gebrülltem Sprachkauderwelsch: Diese grobkörnige Mixtur aus Englisch und Tschechisch wird zur Aufgabe ans Publikum, um das Verständnis auf eine metaphorische Ebene zu heben. Unterm Strich ist das alles ziemlich irre, mit Tendenz zu verwirrend: Das nervöse Gezappel zum Beispiel soll die Wirkung von Adrenalin symbolisieren. Ah ja. Geht es jetzt um Drogen?

Nein, es geht wohl wirklich um Theater an sich, darum, Emotionen darzustellen. Da ist es vielleicht ganz gut, dass nicht mit dem moralischen Zeigefinger gedroht wird. Was wollen wir denn heute noch vom Theater? Wenn wir eine Zeitung aufschlagen, suchen wir doch auch keine Harmonie, sondern die Katastrophen – genauso wie es das Theater macht: drei Stunden Harmonie, in einem Stück? Unmöglich. „Why must there always be a conflict in a theatre performance?“, fragt La Rocca mitten hinein — natürlich, weil wir ihn doch wollen. Und so verschanzen sich die Protagonisten wieder hinter ihren Zeitungen. Die den Asteroiden ankündigen.

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