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  • 01.11.2013
  • von Steffi Pyanoe

Schundfilme und Sparkassenwerbung

von Steffi Pyanoe

Sommerfilmtage 1969. Die Filme wurden im Thälmann-Stadion gezeigt. Foto: Reißmann

Kino und Kindheit im 20. Jahrhundert – das Thalia zeigt dazu ab heute eine Ausstellung

Männer und Frauen zusammen in dunklen Kinosälen, auf der Leinwand Filme mit fragwürdigen Inhalten – Kinokritiker befürchteten Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur Augenschäden bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch moralische Verrohungen. Seit mehr als 100 Jahren ist das Kino ständiger Begleiter heranwachsender Generationen. In der Anfangszeit des neuen Mediums wurden jedoch mancherlei Bedenken geäußert, sagt Jeanette Toussaint, Soziologin und Ethnologin aus Potsdam. „Vorhang auf – Film ab. Kino und Kindheit im 20. Jahrhundert“ heißt die Ausstellung zu ihrem Forschungsprojekt, die ab heute bis 31. Januar im Foyer des Babelsberger Kino Thalia zu sehen ist.

Toussaint ist selbst leidenschaftliche Kinogängerin, die 49-Jährige erinnert sich noch gut an das jetzt verfallene Kino Charlott in Potsdam-West. Im vergangenen Jahr beschäftigte sie sich intensiv mit der Geschichte des Thalias, Potsdams ältestem, fast durchgehend betriebenem Kino, das seit 1917 existiert. Im Kulturland- Brandenburg-Themenjahr „Kindheit in Brandenburg“ hat sie jetzt recherchiert, wie sich Kino und Kindheit gegenseitig beeinflussten: Vom Auftauchen der ersten Wanderkinos Anfang des vergangenen Jahrhunderts bis 1990. Dazu sichtete sie Material im Landeshauptarchiv, in Bilddatenbanken, im Potsdamer Filmmuseum. Sie stieß dabei immer wieder auf Schriftwechsel, in denen auf Gefahren des Kinos für Kinder und Jugendliche hingewiesen werden – vor allem aus den Jahren vor 1920, als es noch kein reichsweites Jugendschutzgesetz gab. Immerhin habe es 1912 bereits in Brandenburg eine Altersbeschränkung gegeben. Jugendliche unter 16 Jahren durften nur in Kindervorstellungen, die bis 21 Uhr endeten, Kinder unter sechs Jahren überhaupt nicht. Man wollte nicht mehr, dass ganze Familien mit Kleinkindern noch spätabends in den verrauchten Sälen saßen. Toussaint hat auch Beschwerdebriefe von Schuldirektoren gefunden: Es würden zu viele Schundfilme gezeigt: „Filme mit kriminellen Szenen, Einbrüche, Diebstahl, erotische Szenen, oder mal ein Boxkampf – wir fänden das heute harmlos“, sagt Toussaint.

Aus Kindern wurden Kunden, bald entdeckte auch die Werbebranche diese Zielgruppe, bis in die 70er lief sogar in der DDR Sparkassenwerbung für Kinder, Filme, die Toussaint in der Ausstellung auch zeigt. Doch hauptsächlich verstand man in der DDR das Kino als sanftes Bildungsmedium: Es wurden, wie das Potsdamer Charlott, einige Kinos direkt als Kinder- und Jugendfilmtheater deklariert, mit besonderem Spielplan und zusätzlichen Angeboten, Diskos und Filmgesprächen. „In den 1950er-Jahren dominierten die heldenhaften Pioniere, in den 80ern unangepasste Mädchen wie in dem Film ,Die dicke Tilla’ und man zeigte auch mal Geschichten über Alltagsprobleme in Familie und Schule“, sagt Toussaint über die Inhalte der Kinderfilme.

Doch auch in der DDR hatte seit den 60er-Jahren bald jeder einen Fernseher. In manchen Familien gab es außerdem das sogenannte Heimkino, mit dem private Aufnahmen und tonlose Filme abgespielt wurden. Das Kino überlebte, auch dank staatlicher Subventionen, Kinokarten waren billig, Kindervorstellungen für 25 Pfennig zu haben. Ganze Schulklassen blockierten manchmal die Säle, sodass sich Kinobetreiber über das Verlustgeschäft beschwerten, sagt Toussaint. Seit 1962 sollten die jährlichen Sommerfilmtage Lust auf Kino machen – mit einem republikweit einheitlichem Programm, identitätsstiftend und familienfreundlich. Als Auftakt sei meist ein neuer Defa-Indianerfilm gelaufen, sagt Toussaint: „Das kam gut an im Sommer.“ Steffi Pyanoe

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