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  • 16.10.2013
  • von Oliver Dietrich

Kriminell, kapitalistisch oder Kunst? Ein Vortrag im Kuze zum Wert von Graffiti

von Oliver Dietrich

Erst Street Art, jetzt Kunst. Die Madonna des Sprayers Blek le Rat. Foto: dpa

Haben Graffiti einen kulturellen Wert? Der Buchautor KP Flügel hat sich in mehreren Publikationen und Interviews mit Künstlern intensiv damit auseinandergesetzt. Herausgekommen ist dabei ein Vortrag, den er am Montagabend im bis auf den letzten Platz gefüllten Theatersaal des studentischen Kulturzentrums „Kuze“ hielt. Dabei ging es nicht nur um Künstler wie Banksy, die sich einer Kommerzialisierung ihrer Werke erwehren.

Das Thema Street Art im öffentlichen Raum platzt dabei fast vor Interpretationsansätzen. Wo fängt Kunst an und wo ist ein Graffito nicht mehr als eine Sachbeschädigung? Flügel legte den Fokus dabei auf zwei Künstler, die für ihre Verzierungen einen gewissen Berühmtheitsstatus erlangt haben: Frank W., bekannt unter dem Pseudonym OZ, und Miss.Tic aus Paris. Mit beiden führte er Interviews, außerdem mit Weggefährten und Verteidigern der Künstler.

Der Fall OZ ist mittlerweile ein Medienphänomen: Der 62-jährige Sprayer ist zu einem Synonym für den interpretativen Kampf zwischen dem Grundrecht auf künstlerische Freiheit und dem Grundrecht auf Eigentum geworden. Bis zum Jahr 2007 verbrachte OZ acht Jahre wegen Sachbeschädigung im Gefängnis, von den Kosten der Unterbringung „hätte man ihm eine Villa bauen können“. Sicherlich, die Omnipräsenz von Graffiti kann durchaus mit einem kulturellen Overload verglichen werden, niemand anders prägte aber so nachhaltig das Hamburger Stadtbild wie OZ: Sein Tag, also Signaturkürzel, soll mehr als 120 000-mal in Hamburg verbreitet worden sein.

Geht Kunstfreiheit aber nicht vor? Die Hamburger Richter gaben im Prozess dem Recht auf Eigentum den Vorrang, die Veränderung eines äußeren Erscheinungsbildes könne als Sachbeschädigung interpretiert werden. OZ allerdings musste jeden Abend raus auf die Straße, wurde sogar therapiert, schob aber alles auf eine angebliche schwere Kindheit. Und dieser Konflikt ist gleichsam Auslöser für sein zwanghaftes Verhalten: „Wäre er nicht festgenommen worden, hätte er vielleicht irgendwann das Interesse verloren“, konstatiert KP Flügel. So trifft ihn aber die Verhinderungsmaschinerie mit voller Wucht: 1999 wurde er von Mitarbeitern der Hamburger S-Bahn-Wache so schwer misshandelt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Für seine Recherchen versuchte Flügel, Kontakt zu Künstlern wie Daniel Richter, Jonathan Meese oder Harald Nägeli aufzunehmen – die lehnten jedoch ab. „Seltsam“, so Flügel, „Künstler, die selbst von Repressionen bedroht waren oder sind, lehnen explizit die Solidarität ab.“

Für die französische Street-Art-Künstlerin Miss.Tic ist Poesie ein Extremsport: Das Atelier sei auf der Straße, sie lasse sich nicht einsperren. Für sie erzeuge der öffentliche Raum ein extremes Gefühl von Freiheit. Dennoch nimmt sie Aufträge an, um sich finanzieren zu können – das bringt ihr reichlich Kritik ein: Ist es denn opportunistisch, öffentliche Aufträge anzunehmen? Verrät sie sich da im Sinne der l’art pour l’art? Im Kern geht es um den Karrieresprung einer Straffälligen zum Status einer Künstlerin. Den Klarnamen der Künstlerin kennen nach eigenen Angaben jedoch nur „die Bullen und der Fiskus“.

„Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, Kunst hat sich verändert“, sagt KP Flügel. „Der Kapitalismus kann aus dem Protest von gestern das Produkt von morgen machen.“ Die Leipziger Madonna des Grafittistars Blek le Rat beispielsweise, die seit 20 Jahren mehr oder weniger unbeachtet an einem Haussockel prangte, kam jetzt als Kunstwerk hinter Plexiglas. „Das wäre doch perfide, wenn das in Hamburg mit OZ geschehen würde.“ Oliver Dietrich

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