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  • 02.08.2013
  • von Oliver Dietrich

Zu den Wurzeln

von Oliver Dietrich

Die Grindcore-Legende Brutal Truth im Spartacus

Ganz schön volles Haus für einen Mittwochabend im Spartacus: Klar, dass man das Brutal Truth anrechnen muss, die nach nimmermüden Dekaden des Grindcore immer noch Publikumsmagneten sind – und natürlich der günstigen Lage des Freiland-Geländes, das auch für die zahlreichen Berliner gut mit öffentlichem Nahverkehr zu erreichen ist. Und so wurde der Laden richtig voll, so sehr, dass nicht einmal die Getränkekühlung hinterherkam und das Bier bei gefühlter Körpertemperatur ausgegeben werden musste.

Die Berliner 100000 Tonnen Kruppstahl brachten Grindcore in Pärchenformation, was zwar immer ein bisschen komisch aussieht, aber dennoch gut funktionierte. Die Ausklammerung eines Bassisten hatte hoffentlich nichts mit grundlegender Verachtung dieses Musikertyps zu tun, immerhin die klassische Zielscheibe des Musikerspotts. Trotz des rohen Gebrülls konnte man immer noch verstehen, dass es sich um deutsche Texte handelte – für alle Grindcore-Unkundigen: Die Stimme gilt als ein Instrument, das ähnlich verzerrt wie die Gitarre „gespielt“ wird. Die Gitarre war schön schwer und tief gestimmt, die Riffs hatten ausreichend Groove, lediglich die monotonen Uffta-Beats des Schlagzeugers konnten eintönig werden. Vielleicht waren die Songs auch einfach zu lang. Dennoch ein guter Konzertauftakt.

Reactory fielen mit ihrer Thrash-Darbietung erwartungsgemäß aus dem Rahmen, aber was soll man sagen: Es lebe die Unsterblichkeit! Thrash ist nun mal die elementarste Spielart des Metal. Und Reactory waren routiniert genug, ein bombastisches Thrash-Konzert zu liefern. Die Bandmitglieder sahen alle aus wie Vetter It aus der Addams Family, bei dem die Haare auch komplett ins Gesicht hängen. Nun hat Thrash ja durch den gleichen Rhythmus ein großes Potenzial zur Monotonie, Reactory ließ das jedoch kalt: leider ein viel zu kurzes Konzert.

Cyness kennt jeder, der in Potsdam mal auf einem Grind-Konzert war, ein nach vorn preschendes Kraftwerk, auf das man sich verlassen kann – auch wenn man weiß, was einen erwartet. Auf alle Fälle ein guter Co-Pilot für Brutal Truth.

Brutal Truth war schließlich genau die Dampframme, die erwartet wurde. Rein optisch war das Alter schon zu merken, der Sänger war ein graubärtiges Monster vom Typ Fernfahrer, sowieso hatte die Band den bösen Blick jahrelang trainiert. Die Unterschiede zwischen Deathmetal und Grindcore schienen zu verschwimmen, vielleicht auch deshalb, weil der Sound ein wenig zu breiig aus den Boxen drückte. Man kann den jungen Grindcore allerdings kaum noch mit dem klassischen vergleichen, was bei Brutal Truth besonders deutlich wurde – der typisch amerikanische metallische Einschlag war einfach nicht mehr zu ignorieren. Und genau da sind die unüberhörbaren Wurzeln der Band: Die 80er-Thrash-Legende Anthrax feiert ja gerade ein Comeback, jedoch ohne Gründungsmitglied Dan Lilker, der Mittwoch mit Brutal Truth auf der Bühne stand. Und sich nebenbei dem Black Metal widmet. Ausgerechnet Black Metal? Ja, meint ein ausgepowerter Lilker nach der Show: Grindcore ist eher elektrisierend, aber Black Metal sei für ihn der klassische Soundtrack zum Horrorfilm. Wenn er immer dasselbe mache, langweile er sich. Nun ja, am Mittwoch hat sich niemand gelangweilt. Oliver Dietrich

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