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  • 24.06.2013
  • von Gerold Paul

Eine Oase, ein Labsal, ein Refugium

von Gerold Paul

Fünf Erzähler in den Jurten - Die „MittsommerZauberMärchenNacht“ im „Nomadenland“

Dass es im Volkspark von Trollen, Zwergen und anderen Fabelwesen zum Vollmond hin nur so wimmelt, ist allgemein bekannt. Man sieht sie nur deshalb fast nie, weil man nicht an sie glaubt. Der Veranstalter „Nomadenland“ machte sich diese Differenz am Freitag, also zum Sommerbeginn, zunutze, um zu einer langen Märchennacht einzuladen. Gekommen waren so viele nicht, die drei Jurten unter den steinalten Eichen am Standort Remisenpark sind nicht so leicht zu finden. Silvia Ladewig erzählt in den original kirgisischen Rundzelten aus Filz schon seit Jahren Legenden und Märchen der Welt, mal orientalisch, mal schottisch, mal erotisch, mal deutsch. In der „MittsommerZauberMärchenNacht“ sollte es aber vorwiegend keltisch zugehen. Weil zur Sommersonnenwende aber ein extra langer Abend geplant war, hatte man sich Verstärkung geholt, die Französin Margaux Richet, Edward Scheuzger als Robin Hood-Kenner und singender Musikant, sowie die mythenkundige Baumwisserin Bärbel Becker. Nachdem die weitläufige Anlage zur Abendzeit – viel Park, wenig Volk – glücklich durchwandert war, erreichte man die drei Jurten auf ihrer Sommeralm gerade zu einer Veranstaltungspause. Matthias Michel grillte als Herr dieses Mini-Auls Würstchen und Gemüsespieß, dazu gab es Biotomatenbutterbrot, Bionade und weitere Kost, ein Sprüchlein verriet, dass Geld allein nicht glücklich mache: „Trink Bier!“ In der Feuerschale brannte Holz, schon draußen an der lauen Mittsommernachtsluft war es urgemütlich.

Und drinnen erst. 28 Quadratmeter Fläche, Tierfelle als Auslegware, ein offenes Lugloch zum Himmel, und schon erzählte Silvia Ladewig in ihrer wunderbar anschaulichen Art von König Vortigern, dem jungen Merlin und den beiden Drachen. Bevor sich Margaux Richet mit zu leiser Stimme den keltischen Grundwerten Wasser und Wald zuwandte, berichtete sie von einem nachtlangen Erzählfestival in Frankreich, bei dem man nicht nur zuhören, sondern auch ungestraft einnicken durfte. „Jeder kann erzählen“, sagte sie und legte gleich los: So erfuhr man, wie weise die Kelten Wissens- und Bewahrenswertes in Legenden und Märchen zu kleiden verstanden und die magischen Grundlagen des Lebens gleich noch mitlieferten – in der Erzählung vom freundlichen Baumgeist etwa, der einem Mann mehrmals aus seiner Not hilft, dieser aber mit dessen Gaben nicht umzugehen versteht und alles wieder verliert. Rasselstab und Maultrommel begleiteten den spannenden Vortrag. Nachdem Edward Scheuzger in kurzen Hosen und schwarzem Schulterumhang von Robin Hood fabuliert hatte, holte er seine Geige „aus dem Winterschlaf“, um „Greensleeve“ und andere Weisen vorzutragen. Doch ach, das Instrument war wohl noch etwas müd. Zu fortgeschrittener Zeit erfuhr man dann noch aus dem Munde von Bärbel Becker, warum die Bäume heutzutage nicht mehr sprechen, warum die Kiefer grün und wer dereinst in einen Baum verwandelt worden ist, Baucis und Philemon zum Beispiel, vielen aus dem „Faust“ bekannt. Nur glauben muss man es eben können!

Die einzelnen Beiträge waren allesamt überschaubar und kurz, die Atmosphäre privat und gemütlich, und wenn mal etwas nicht so perfekt geriet, nun, wen kümmerte das. Wichtig sind die Pflege der mündlichen Überlieferung ohne Technik und live sowie Geselligkeit in trauter Runde. Das löst „das Nomadenland“ mit dieser „MittsommerZauberMärchenNacht“ ein. Eine Oase, ein Labsal, ein Refugium in diesen dräuenden Tagen, sehr und jedermann zu empfehlen. Gerold Paul

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