25.06.2018, 21°C
  • 21.06.2013
  • von Chantal Willers

Als wäre es einem selbst passiert

von Chantal Willers

Die Erzählerin Silvia Ladewig ist heute bei der „MittsommerZauberMärchenNacht“ zu erleben

Das Feuer knistert, ruhig schlagen die kleinen Flammen hoch. Fast wie unter Hypnose sind die Blicke auf die Bewegungen des Lichtscheins gerichtet. Doch niemand nimmt das Feuer wirklich wahr, alle sind wie entrückt. Vor dem inneren Auge entstehen Welten voller Mythen und Fabelwesen, die so unterschiedlich sein können, wie die Geschichten, die sie erzählen, und doch beginnen sie alle an einem gemeinsamen Punkt, dem „Es war einmal...“.

Am heutigen Freitag lädt das Nomadenland im Volkspark zur kürzesten Nacht des Jahres zur langen Nacht der Märchen. Mit dem Schwerpunkt auf walisischen und englischen Märchen haben sich die Erzähler Edward Scheuzger, Margaux Richet, Bärbel Becker und Silvia Ladewig dem wohl bekanntesten Märchenstoff zugewandt. Mit Robin Hood, Sir Gawain und Merlin, dem Zauberer, wird so manche Figur zu neuem Leben erweckt, die seit Jahrhunderten ihre Spuren in Büchern hinterlassen hat.

Die Potsdamer Erzählerin Silvia Ladewig, die regelmäßig zu Erzählabenden in die kirgisischen Jurten des Nomadenlands einlädt, will die Zuhörer an diesem Abend mit zwei Märchen in eine Zeit zurückführen, in der Rittertum und Magie noch nicht dem Reich der Mythen angehörten. In „Merlin & die zwei Drachen“ erzählt sie die Geschichte der Kindheit des berühmtesten Zauberers und schlägt gleichzeitig den Bogen zum Mythos des roten Drachen in der walisischen Flagge. Verbunden durch die legendäre Sage des König Artus erzählt Silvia Ladewig in ihrem zweiten Märchen die Geschichte eines der bekanntesten Ritters der Tafelrunde. In „Sir Gawain & die hässliche Alte“ treffen Themen wie Ritterlichkeit, Ehre und die Selbstbestimmung der Frau aufeinander.

„Märchen sind nicht zwangsläufig etwas für Kinder“, sagt Silvia Ladewig, die mit ihren Geschichten auch auf das erwachsenere Publikum abzielt. Dass die Märchen in die Kinderzimmer gewandert sind, sei eine noch relativ junge Erscheinung. „Nicht erst seit den Gebrüdern Grimm gibt es Märchen. Sich einander Geschichten zu erzählen gehört zu den natürlichsten Dingen der Welt. So wurden sich früher die Abende vertrieben, bevor es Fernseher gab.“ Ihre Aufgabe sieht sie aber nicht darin, die Menschen in der modernen, stark von visuellen Medien geprägten Welt von ihren Fernsehern wegzulocken. „Ohne Bilder entstehen alle Sinneseindrücke nur über das Hören. Die Märchen sind dazu gemacht, erzählt und gehört zu werden.“ Silvia Ladewig möchte einfach nur Geschichten erzählen und damit andere, aber auch sich selbst erfreuen.

Gemeinsam mit ihren Zuhörern will sie die Geschichten immer wieder neu erleben. „Ich erzähle die Märchen so, als wären mir diese Dinge selbst passiert. Das macht den Zauber aus.“ Das Besondere an ihrer Art ist dabei in ihrem freien Erzählen zu finden. Natürlich folge sie vor allem bei den bekannteren Märchen dem roten Faden. Bestimmte Handlungsabläufe und das Personenrepertoire seien einfach nicht veränderbar, aber wie sie das Drumherum ausschmückt, sei ganz ihre Sache. „Es sind die kleinen Details, die ein wirklich gelungenes Märchen ausmachen.“

Mit der gängigen Meinung, Märchen müssten unbedingt einen moralischen Aspekt haben, tut sich Silvia Ladewig eher schwer. Sie will nicht den pädagogischen Zeigefinger heben. „Wenn Rotkäppchen nicht vom Weg abgekommen wäre, hätte sie keine Chance gehabt, im Leben weiterzukommen. Für Erwachsene und Kinder heißt das, du musst dir auch mal die Finger verbrennen, wenn du dich weiterentwickeln willst.“ Die persönliche Ebene spielt gerade auch deshalb für das Erzählen von Märchen eine große Rolle. Viel kann der Erzähler selber hineinlegen, ohne dem Publikum eine Meinung aufdrücken zu wollen. Auf Augenhöhe mit den Zuhörern zu sitzen, ist dabei ganz besonderers wichtig. Das Ambiente der kirgisischen Jurten, traditioneller Nomadenzelte, bietet dafür die perfekte Umgebung. Auf Schaffellen im Feuerschein sitzend, umgeben von Holzmöbeln und dem runden Zelt wird dem Geschichtenerzählen seine Künstlichkeit genommen und ihm ein Teil seiner Natürlichkeit zurückgegeben. „Wer in der Jurte sitzt, vergisst Zeit und Raum.“ Für Silvia Ladewig macht gerade das die Magie der Märchen aus.

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