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  • 17.05.2013

Interview mit Potsdamer Richterin und Autorin: „Was macht eigentlich eine Staatsanwältin?“

Die Richterin und Autorin Susanne Rüster über die „Mörderischen Schwestern“ und ihre 1. Lesung bei den Ostdeutschen Krimitagen "Mord Ost" im Waschhaus.

Frau Rüster, Sie arbeiten als Richterin. Gibt es nicht einen entspannteren Ausgleich, als sich auch noch in der Freizeit mit Mord und Totschlag herumzuplagen?

Die Zeit, dass ich mit Leichen in Kontakt kam, ist vorbei. Das war in meiner Zeit als Staatsanwältin. Inzwischen arbeite ich beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg in Potsdam und habe derzeit mit Rente und Unfallversicherung zu tun, also nichts mehr mit Straftaten. Jetzt geht es häufig um medizinische Fragen.

In Ihrem Roman „Der letzte Tanz“, den Sie anlässlich des „Mord-Ost-Festivals“ im Waschhaus vorstellen, lassen Sie aber nichts aus, was am Seziertisch passiert.

Als Staatsanwältin war ich oft bei der Sektion der Leichen dabei.


Susanne Rüster, geboren 1954 in Berlin, war acht Jahre Staatsanwältin im Kriminalgericht Berlin, seit 2006 Richterin am Landessozialgericht Berlin-Brandenburg in Potsdam


Sodass Sie jetzt bei der Beschreibung von Eingriffen in den Körper aus dem Vollen schöpfen konnten.

Ja, mein Buch lebt auch vom Detail des strafrechtlichen Ermittlungsalltags und das ist ja auch ein Pfund, mit dem ich wuchern kann. Die heutigen Lesererwartungen sind geprägt durch die Vielzahl von Krimis auf dem Markt, wie die Bücher der forensischen Anthropologin Kathy Reichs. Auch Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Boerne im „Tatort“ nährt Erwartungen. Ich bemühe mich vor allem um Realitätsnähe, weiß allerdings auch, dass sich niemand dafür interessiert, wenn der Kommissar oder der Staatsanwalt stundenlang am PC sitzt. Damit lässt sich weder ein „Tatort“ noch ein Krimi spannend gestalten.

Die Staatsanwälte im Fernsehkrimi sind öfter Frauen, etwas einfältig, trinken gern und stehen dem Kommissar eigentlich nur nervend im Wege.

Da wollte ich etwas dagegensetzen ...

Ihre Staatsanwältin Kaiser in „Der letzte Tanz“ ist ehrgeizig und beflissen. Sie bringt sich intensiv am Tatort in die Ermittlungen um einen Mord ein. Getötet wurde bei einer Gasexplosion eine Tänzerin, die mit ihrer Company ein Fabrikgebäude besetzt hielt, das von einem Immobilienunternehmer saniert werden soll. Das wiederum brachte die kämpferische Kiezaktivistin vom Kreuzberger Spreeufer auf den Plan. Wie wichtig ist die Politik in Ihren Krimis?

Mir ist sie sehr wichtig und in Krimis lassen sich solche Themen schön spannend verpacken. Die Modernisierung von Wohnraum ist ja ein Riesenthema, in Berlin ebenso wie in Potsdam. Alte Häuser werden aufgekauft und modernisiert und eine andere Klientel zieht anschließend ein. Die Gebäude werden zwar schöner, aber es gibt nicht mehr die typische Durchmischung in der Bevölkerung. Der Prenzlauer Berg hat sich total verändert. Und auch in Babelsberg, wo ich arbeite, sieht man, wie sich das Bild und die Einwohnerschaft wandeln. Ich habe für meine Projekte immer erst das Thema, das mich umtreibt, und stricke dann die Krimihandlung drum herum. Ich schreibe ja nebenbei und das dauert dann so drei, vier Jahre, bis ein Buch fertig ist. Dann muss es sich schon um einen „Aufreger“ handeln, der mich wirklich packt.

Im „Letzten Tanz“ stehen sich sehr verschiedene Leute gegenüber: so der Immobilienunternehmer und die Kiezaktivistin. Sie versuchen aber, Ihre Sympathien und Aversionen zurückzuhalten.

Mir geht es darum, die Figuren von allen Seiten zu beleuchten, und nicht um den erhobenen Zeigefinger.

Was man ja bei dem profitheischenden Immobilienunternehmer schnell tun könnte.

Als Staatsanwalt muss man sich ja auch objektiv verhalten und sich von seinen Vorurteilen lösen können. Der Staatsanwalt ist zwar der Ankläger, aber er muss auch die zugunsten des Angeklagten sprechenden Umstände würdigen. Man lässt sich gerade als Anfänger leicht blenden von Leuten, die besonders eloquent sind.

Ihr schreibender Kollege Ferdinand von Schirach ist in seinen Krimis da weniger objektiv als Sie.

Herr von Schirach ist ein Großer der Krimi und Gerichtsstorys schreibenden Zunft, aber als Strafverteidiger hat er einen anderen Blickwinkel. Da kann er ein bisschen mehr Partei ergreifen.

Was interessiert Sie besonders an diesem Metier von Kleinkriminellen, Vergewaltigern und Mördern?

Die dunklen Seiten des Menschen. Deshalb ist es mir auch wichtig, das Tatmotiv und die Logik des Geschehens herauszuarbeiten. Das fehlt manchmal in den Fernsehkrimis, wo es nur um Spannung und Action geht.

Schauen Sie oft Krimis?

„Tatort“ meist schon, ansonsten wenig. Oft arbeite ich abends, und die Familie braucht auch ihre Zeit.

Sie gehen jetzt das erste Mal in Potsdam mit Ihren Krimis in die Öffentlichkeit. Lesen ist ja noch mal etwas anderes als Schreiben. Sind Sie aufgeregt?

Ich habe schon oft gelesen und mache das ausgesprochen gern, vor allem auch in der Gruppe wie jetzt im Waschhaus. Ich gehöre seit Jahren zu den „Mörderischen Schwestern“, dem Verein deutschsprachiger Krimi-Autorinnen, die sich vor etwa 15 Jahren zusammengeschlossen haben, um Krimi schreibenden Frauen zu mehr Durchbruch zu verhelfen. Wir haben oft Lesungen und ein großes Netzwerk, mit dem wir uns gegenseitig unter anderem in der Recherche unterstützen.

In welchen Fällen?

Wenn eine von uns Fragen hat, stellt sie diese in unserer Mailing-Liste und eine andere kann sie dann vielleicht beantworten. Zum Beispiel: Wie sieht eine Leiche aus, die über einen heißen Sommer im See lag? Ich fragte für meinen Roman nach, wie es in kurzer Zeit möglich ist, in einem Mercedes eine Autobombe zu platzieren. Wir „Mörderischen Schwestern“ von der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg treffen uns jeden 13. des Monats im Wirtshaus „Max und Moritz“ in Berlin Kreuzberg. Da gibt es oft auch Vorträge von Experten wie Kriminaltechnikern, die uns hilfreich sind. Es ist uns wichtig, dass beim Schreiben alles bis ins Detail stimmt und ein Fachmann nicht den Kopf schüttelt, wenn er unsere Bücher liest.

Was steckt nun hinter Ihrer „Mord-Ost“-Lesung im Waschhaus?

Im Westen gibt es ja schon seit Jahrzehnten Krimifestivals, etwa die „Criminale“ des Syndikats. In Sachsen werden seit nunmehr acht Jahren die Ostdeutschen Krimitage veranstaltet. Wir Berlin-Brandenburger „Schwestern“ hatten nun die Idee, diese Lesereihe auch nach Potsdam und Umgebung zu bringen. In Brandenburg ist „krimimäßig“ noch nicht so viel los, wie wir aus der Resonanz unserer Zuhörer wissen.

Sie treten im Waschhaus mit zwei weiteren Autorinnen auf: „Drei mörderische Schwestern tischen auf“. Mit welchen „Täterinnen“ bekommt man es da noch zu tun?

Maria Kolenda, eine gebürtige Weißrussin und in Polen aufgewachsen mit wunderbarem Akzent wandelt in ihrem „Liebesleben der Stechpalme“ als private Ermittlerin auf alten Pfaden in Polen. In Ria Klugs „Lausige Mauscheleien“ geht es in ihrem typischen „rücksichtslosen Sprachgebrauch“, wie sie das nennt, um kriminelle Praktiken in Krankenhäusern.

Sicher werden die Zuschauer auch nachhaken. Welche Fragen werden Ihnen immer wieder gestellt?

Oft wird gefragt: Was macht eigentlich ein Staatsanwalt und wofür braucht man ihn, wenn’s doch schon den Kommissar gibt? Oder: Haben Sie das alles selbst erlebt? Gibt es ein reales Vorbild für eine bestimmte Figur? Reagieren Sie sich beim Schreiben von Krimis ab – nach dem Motto, da kann ich ja ungestraft morden?

Sind Sie erst durch Ihren Beruf zum Schreiben gekommen?

Nein, ich habe schon immer gern geschrieben, erst in der Schülerzeitung, dann Reisereportagen, und als meine Tochter geboren wurde, Mutter-Kind-Glossen. Ja, und inzwischen sind es halt Krimis.

Das Gespräch führte Heidi Jäger


Lesung am Donnerstag, dem 30. Mai, um 20 Uhr, beim Festival „Mord-Ost“, im Waschhaus, Schiffbauergasse, Eintritt 7 Euro


 

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