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  • 07.05.2013
  • von Richard Rabensaat

Märchenhafte Verwirrung

von Richard Rabensaat

Vierfach. Irene Anton zeigt ihre „Quadruple“-Spiegelungen. Foto: BVBK

Spiegeleien von Horst-Werner Schneider und Irene Anton in der Galerie „M“ des BVBK

Ein Storchennest spiegelt sich im Rundbogen eines Fensters, das in eine bröckelige Backsteinwand eingelassen ist. Das Foto hängt in der Ausstellung „Mad : Stop - Pots : dam“, was immerhin ein ganz nettes Worspiel ist. Nest und Bogen sind auf der Fotomontage von Irene Anton zweifach gespiegelt und tauchen daher gleich viermal auf. „Quadruple“ hat die Künstlerin ihre Fotoserie genannt, was ungefähr „vierfach angeordnet“ bedeutet. Sie spiegelt die Realität in ihren Montagen über die Horizontale und über die Vertikale, so ergibt sich das vierfache Bild.

Der Betrachter wird ein wenig verwirrt und fragt sich, was auf dem Foto denn eigentlich zu sehen ist. Die Spiegelung, das Spiel mit der mehrfach wiederholten Realität und entsprechender Verwirrung, zieht sich als durchgängiges Motiv nicht nur durch die Fotos von Irene Anton, sondern auch durch die Kunsthistorie. Narziss, dem die Faszination angesichts seines Spiegelbildes zum Verhängnis wurde. Parmigianino, dessen „Selbstportrait im Spiegel“ den Ton für eine ganze Kunstrichtung, den Manierismus, vorgab. Daniel Buren, der mit Spiegelinstallationen vielfache Raumbrechungen bewirkte und so die Besucher seiner Ausstellungen verwirrte.

In ähnlicher Weise nutzt auch Anton die Spiegelung, um zu verunsichern. Im Untergeschoss der Galerie finden sich verschiedene Installationen mit realen Spiegeln. Ein Senklot hängt über einer spiegelnden, kreisrunden Scheibe, runde Eisenschlaufen schweben über einem Spiegel. Eine sonderbare silberne Kugel liegt auf einem Spiegel und steht innerhalb von zwei Spiegelwänden. Schrauben haben sich in das Objekt gebohrt. In seiner Stacheligkeit wirkt es ein wenig bedrohlich. „Confusion Catacombs“ hat Irene Anton ihre Installation im Untergeschoss getauft. Neben der Kugel finden sich mit gelber Signalfarbe umwickelte Äste, die wie zackige Blitze über einer viereckigen Fläche hängen. Es entsteht ein surreales Kabinett, in seiner geometrischen Anordnung durchweht von Gedanken an konkrete Kunst.

„Laubengang“, „Luftspiegelung“, „Abendlicht“ sind die Titel der Fotos und Collagen von Horst-Werner Schneider. Auch die Fotos Schneiders spielen mit dem Element der Sinnestäuschung durch die Spiegelung. Bei seinem „konvexen Objekt“ ordnet er einer feurig rot flammenden Fläche, über die sich ein eisblauer Schleier gelegt hat, eine entsprechend konvexe Spiegelfläche zu. Das ohnehin schon abstrakte Bild wird so noch einmal verzerrt. Äste, die aus einer Wasserfläche ragen. Darin scheint ein Himmel auf. Der Betrachter weiß zunächst nicht, was Spiegelung und was real ist.

Die Kombination von Objekten und Malerei erinnert ein wenig an ein Bühnenbild, was möglicherweise kein Zufall ist. Denn der 1954 im thüringischen Wasungen geborene Horst-Werner Schneider schloss sein Studium 1983 mit dem Diplom als Bühnen und Kostümbildner ab. Seitdem arbeitet der Künstler als Maler, Grafiker, Bühnen- und Kostümbildner.

Bei der 1966 geborenen Irene Anton verweisen die Verspannungen der Objekte, die sicherlich auch in einer größeren Ausführung denkbar sind, möglicherweise auf ihre Ausbildung als Textildesignerin. Nach einem weiteren Kunststudium hat Anton viele künstlerische Arbeiten im Außenraum realisiert. „Windgespinst“ hat sie eine Arbeit genannt, bei der sich weiße Fäden durch den Wald spannen, daran flatternd Papierbänder. Bei der Installation „pandemic nightmare“ lässt die Künstlerin über einem Krankenhausbett zahlreiche stachelige, leuchtende Sterne aufscheinen. Es entsteht eine sonderbare Zwischenrealität, deren Stimmung märchenhaft versponnen wirkt und nur selten von einem bedrohlichen Unterton durchzogen wird. Das trifft auch auf die Objekte in der Galerie zu. Trotz der vielen Spiegel in der Ausstellung entsteht jedoch kein klassisches Spiegelkabinett wie auf dem Jahrmarkt, in das der Betrachter hineintauchen könnte. Anders als Alice bleibt er vor dem Spiegel und schaut von außen auf die Kunstobjekte. Richard Rabensaat

Bis 19. Mai, Hermann-Elflein-Straße 18, Mittwoch bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr

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