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  • 27.04.2013
  • von Babette Kaiserkern

Wenig erbaulich und entspannend KAPmodern lud zu „Achtung Hochspannung“

von Babette Kaiserkern

Auf einer quadratischen Platte stehen vier Stühle mit Streichinstrumenten. Erwartungsvoll sitzen an allen vier Seiten Zuhörer im Foyer des Nikolaisaals, angelockt vom Konzert mit dem Titel „Achtung Hochspannung!“ der Kammerakademie Modern. Schon eilen vier Musiker mit Geige, Bratsche und Cello herbei und legen diese erst mal vorsichtig beiseite. Stattdessen ergreifen sie die bereit liegenden Instrumente und beginnen mit den Fingern heftig darauf zu klopfen. Natürlich nicht einfach so, sondern rhythmisch ausgeklügelt auf Griffbrett und den mit Metallstreifen präparierten Saiten. „Digital“ nennt sich das Werk für Streichquartett von Elliott Sharp, das wohl besser Klopfquartett heißen müsste. Beim anschließenden Streichquartett von Peteris Vasks wechseln die Musiker, Susanne Zapf und Thomas Kretschmer, Violine, Jennifer Anschel, Viola, Ulrike Hofmann, Cello, zu ihren mitgebrachten Instrumenten. Das Werk von Vasks bildet eine Ausnahme im Programm. Die musikalischen Traditionen werden hier nicht über den Haufen geschmissen, sondern aus sich heraus erneuert und zur Bildung einer neuen Tonsprache verwendet.

Der erste Satz experimentiert mit fragmentierten Tonfetzen, wie schemenhafte Anklänge an wohlige Laute von einst, und lässt so Bilder einer zerstörten vormaligen Ganzheit entstehen. Als krasser Gegensatz erweist sich die folgende Toccata mit ihren brüsken, harschen Akkordhieben, ein einziges Schmerzgeheul ohne Erlösung.

Bei Peteris Vasks, dem litauischen Pfarrersohn, will die Musik wieder etwas aussagen, was außerhalb ihrer selbst steht. Musik als Beitrag zur Stiftung von Sinn hat ja eine lange Tradition. So diente sie dem alten Johann Sebastian Bach zum Gotteslob, dessen Sohn Carl Philipp Emanuel meinte, sie müsse vornehmlich das Herz rühren und Beethoven befand, dass Musik eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie sei. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg geriet auch die Musik in den Sog nihilistischer und antibürgerlicher Strömungen. Was im Ergebnis, anders als bei der bildenden Kunst, schmerzhafte Wirkungen, vor allem für die Ohren, haben kann. So erweist sich das acht Minuten lange Stück Roscobeck von Iannis Xenakis als höllisches Duett zwischen winselndem Cello-Gegreine und schaudernden Kontrabass-Lauten. Ein radikales, jeglicher Tonalität entkleidetes, wenn auch kunstreich gefügtes Werk und beileibe kein Ohrenschmaus. Den Gestus der Absurdität trieb der amerikanische Klangberserker John Cage am weitesten. Sein tonloses Stück 4.33 hat, wie man hörte, Musikgeschichte geschrieben, worüber Rainer O. Neugebauer, ein langer Mensch mit schwarzen Haaren und weißem Rauschebart, kundig plauderte, seines Zeichens Professor der Verwaltungswissenschaft und Musikliebhaber. Eingeleitet wurde so das nun folgende Ereignis, die Aufführung von 4.33 durch Tobias Lampelzammer und Friedemann Werzlau, der zuvor mit Steve Reichs Marimba Phase ein brillantes Solo hingelegt hatte. Schade, dass man sich oder den Zuhörern nicht zugetraut hat, dieses vorgebliche Musikstück ohne lehrerhafte Einleitung zu präsentieren. Was einst aufrührerisch war, wirkt jetzt ein bisschen fade, eine Schmunzelnummer, ein Museumsstück halt. Zum Finale tiriliert Flötistin Bettina Lange ganz fantastisch auf einem Dutzend Flöten bei einem elektronischen Duett mit sich selber, einer Komposition von Steve Reich namens Vermont Counterpoint. Dass bei so viel technischer, spielpraktischer und intellektueller Hochleistung letztlich so wenig Entspannendes und Erbauliches herauskommt, wundert nicht eigentlich. Denn darum ging es den Neutönern der Musik, wie schon der Titel des Konzerts sagte, gerade nicht.Babette Kaiserkern

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