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  • 20.04.2013

„Sie haben sich gegenseitig belastet“

Rudolf Brazda Foto: Campus Verlag

Alexander Zinn über Homosexualität im Dritten Reich

Herr Zinn, in Ihrem Buch „Das Glück kam immer zu mir“ beschreiben Sie das Überleben des homosexuellen Häftlings Rudolf Brazda im Dritten Reich. Sie haben Brazda, der 2011 im Alter von 98 Jahren gestorben ist, noch persönlich kennengelernt. Was hat er über seine Zeit im Konzentrationslager Buchenwald erzählt?

Wie viele Überlebende begleitete auch ihn die Scham, dass er mit heiler Haut davongekommen ist, während so viele andere sterben mussten. Er erzählte also vor allem über die Pein der anderen. Erst als er Vertrauen zu mir gefasst hatte, kamen am Rande auch Bemerkungen zu seinen eigenen Erlebnissen.

Sie schreiben, dass er sich sexuell mit Funktionshäftlingen, die Kapos genannt wurden, eingelassen hat, um die Zeit zu überstehen. Hatten die Kapos nicht Angst, selbst angeschwärzt zu werden?

Homosexualität war zwar verboten, aber gängige Praxis in den Konzentrationslagern. Sie eignete sich aber auch wunderbar, um andere zu erpressen, wenn sie einem politisch nicht in den Kram passten. In Buchenwald wurden zwei Lagerälteste wegen homosexuellen Vergehens an die SS ausgeliefert.

Alle Inhaftierten mussten auf dem Arm einen Winkel tragen, deren Farbe sie einordnete. Die Homosexuellen trugen rosa Winkel. Wo standen diese Männer in der KZ-Hierarchie?

Am untersten Ende, dort wo die Juden und die Sinti waren. Die Homosexuellen übten aber untereinander keine Solidarität. Das liegt in der Vereinzelung der Biografien. Viele fühlten sich stigmatisiert und trugen mit sich selbst ein schlechtes Gewissen herum. Außerdem waren sie so wenig, dass sie kaum auf andere Häftlinge gestoßen sind. Auf die rund 40 000 Häftlinge, die in den letzten Jahren gleichzeitig in Buchenwald waren, kamen etwa 50 bis 100 mit rosa Winkel. In Sachsenhausen wurden sie indes von Lagerleiter Rudolf Höß in einer Baracke konzentriert.

Warum?

Er schrieb in seinen Erinnerungen, dass sich die „Seuche der Homosexualität“ nicht ausbreiten sollte. Doch wo tausende Männer zusammengepfercht sind, kommt es automatisch zu homosexuellen Beziehungen, auch wenn die meisten nach der Befreiung darüber nicht mehr reden wollten. Jedenfalls galten Häftlinge mit rosa Winkel als besonders verachtens- und vernichtungswert. Zwischen den politischen Häftlingen und der SS herrschte indes ein gewisses Verständnis, die Kommunisten hatten die größte Macht in der Häftlingsverwaltung und paktierten notgedrungen mit der Mordmaschinerie. Brazda war einer den wenigen, der es von der untersten Stufe aus geschafft hat, in dieser Hierarchie aufzusteigen.

Was zeichnete ihn aus?

Er hatte die Begabung, auf Menschen zuzugehen und war immer optimistisch. Zudem war er jung und attraktiv und notfalls bereit, mit einem Kapo sexuelle Kontakte einzugehen. Und als Dachdecker besaß er handwerkliche Fähigkeiten. So schaffte er es, drei Jahre KZ zu überleben.

Was ließ ihn so lebensfroh bleiben, schließlich hatte er ja vor Buchenwald schon zwei Aufenthalte im Gefängnis hinter sich?

Rudolf Brazda ist nahe von Meuselwitz im Altenburger Land mit acht Geschwistern aufgewachsen. Sein Vater blieb im Ersten Weltkrieg. Der Sohn lernte frühzeitig, sich durchzusetzen. Er führte für die damalige Zeit ein ungemein selbstbewusstes Leben. Selbst nach 1933 ging er noch ungeniert Händchen haltend mit seinem Freund durchs Dorf, tanzte und küsste sich mit ihm in der Öffentlichkeit und lebte auch mit ihm zusammen.

Wurde er angezeigt?

Nein. Es heißt zwar immer, dass kleine Orte das Schlimmste für Homosexuelle sind und sie besser in der Großstadt untertauchen sollten. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Homosexualität wurde in den Dörfern gar nicht groß thematisiert und die Polizisten wussten durch mangelnde Erfahrung auch nicht, damit umzugehen. Es galt zwar seit 1871 der Paragraph 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, aber bis 1937 gab es auch kaum Anschwärzungen. Ich schreibe gerade meine Doktorarbeit zur Homosexuellenverfolgung in Thüringen und bin bei meinen Recherchen kaum auf Denunziationen gestoßen.

Wie kam es dennoch zu Verhaftungen?

Die Polizei hat sich Homosexuelle so lange einzeln vorgenommen, bis sie unter Druck ihre Sexpartner preisgegeben haben. Sie haben sich gegenseitig belastet. Das ist eine der bitteren Erkenntnisse. Es zeigt, dass ihr Selbstbewusstsein nicht sehr ausgeprägt war. Sie litten oft unter Selbstzweifeln.

Hat Brazda auch andere mit reingerissen?

Nein, aber er wurde selbst von einem Freund verraten. Es gab ein Foto von einer Radtour mit Freunden, wo er mit drauf war. Und irgendeiner hat seinen Namen genannt. Nach drei Wochen Untersuchungshaft hat er dann alles gestanden und bekam sechs Monate Gefängnis. Nach seiner Entlassung musste er Deutschland verlassen, da seine Eltern aus Österreich-Ungarn zugewandert waren und er keine deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Er wurde ausgewiesen und ging in die Tschechei, ohne die Sprache zu sprechen. Er schlug sich als Seifenverkäufer durch und tanzte angelehnt an die schwarze Nackttänzerin Josephine Baker in Karlsbad auf der Straße. Seine schönste Zeit, wie er sagte. Er konnte davon auch leben. Schließlich lernte er eine jüdische Theatertruppe kennen und zog mit ihr durchs Sudetenland.

Bis dort die Deutschen einmarschierten.

Ja, er lebte also wieder im „Dritten Reich“. 1941 kam er als rückfällig gewordener Wiederholungstäter erneut ins Gefängnis. Und schließlich ins Konzentrationslager. Dort arbeitete er wie alle anderen zunächst im Steinbruch, bis der dortige Kapo ihm Avancen machte und half, dieser Hölle zu entkommen. So wie später auch andere Kapos.

Wie viele Homosexuelle sind in Buchenwald gewesen?

Bekannt sind 697 Namen. Die Todesrate homosexueller KZ-Häftlinge lag bei etwa 60 Prozent, so ist der letzte Stand der Forschung. Es gibt nur wenig Studien dazu, nach dem Krieg wurde diese Häftlingsgruppe lange ignoriert. Der Paragraph 175 blieb ja bis 1969 in Kraft. Erst seit den 80er-Jahren wird das Thema allmählich aufgearbeitet.

Das Gespräch führte Heidi Jäger.

Lesung am Montag, 22. April, um 20 Uhr, im „Victoriagarten“, Geschwister-Scholl-Straße 10, Eintritt frei

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