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  • 21.03.2013
  • von Oliver Dietrich

Ausgefeilt

von Oliver Dietrich

Sprachjongleur Paul Bokowski im Kuze

Er sei ja eigentlich Pole, betont Paul Bokowski immer wieder, dabei ist er jedoch nur „in Polen gezeugt worden“ und ansonsten durch und durch Bundesbürger, wenn man das mal nicht als Charakterisierung gelten lassen mag: Bokowski jongliert mit der deutschen Sprache und benutzt Polen dabei nur als ironisches Stigma, das immer mal wieder in seinen Texten auftaucht. Das Mitglied der Berliner Lesebühne „Brauseboys“ und Gelegenheitsautor der „Titanic“ zeigte sich am Dienstagabend ganz entzückend im Theatersaal des Kuze, um sein neues Buch „Hauptsache nichts mit Menschen“ vorzustellen. „Es geht trotzdem um Menschen“, lenkte er jedoch gleich zu Anfang ein.

Bokowski – nehmen wir mal an, dass die Namensähnlichkeit zu Bukowski rein zufällig ist – ist geradezu ein Meister absurder Dialoge, die er immer weiter auf die Spitze treibt; ganze Kapitel seines Buches sind in reiner Dialogform geschrieben. Es sind alltägliche Begebenheiten, die im Zentrum seiner Kurzgeschichten stehen und denen er absurde Komponenten hinzufügt. Das erinnert an Horst Evers, und das scheint auch nicht ganz unbeabsichtigt zu sein, lässt sich Evers doch gern für den Klappentext dieses Buches zitieren und zeigt sich als Bewunderer. Bokowski baut seine Texte geradezu mathematisch auf, schön geregelt durch Nummerierungen. Diese Regelmäßigkeiten sind der Trumpf seiner Geschichten: Das können Tagebucheinträge sein, oder eben auch der E-Mail-Verkehr mit der Berliner Schaubühne, wo er verzweifelt versucht, einen Newsletter abzubestellen und sich in immer groteskere Antworten hineinsteigert. Und in genau diesen alltäglichen Situationen liegt das humoristische Potenzial: „Nicht vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, sondern vor einem Pritschenwagen von Robben&Wientjes“, behauptet Bokowski etwa.

Genau das ist seine Spezialität: Man weiß nie genau, ob es stimmt, was er erzählt. Es könnte alles durchaus real sein, obschon es eine entlarvende Realität ist, die Bokowski da skizziert. So sind seine Texte alles andere als harmlose Sticheleien, bei denen man nur auf alles gefasst sein muss. Optisch ist Bokowski eine Karikatur der Harmlosigkeit, mit Schiebermütze und Brille – diese Harmlosigkeit konterkariert jedoch hervorragend seine kaschierten Gemeinheiten. So muss man sich wirklich zusammenreißen, nicht lauthals loszulachen, wenn er beispielsweise auf seine Homosexualität rekurriert, indem er einen Harnröhrenabstrich als Folge eines heterosexuellen Ausrutschers beschreibt. Da klingt durchaus eine gewisse Heterophobie durch. Die alltäglichen Sachen sind eben immer auch die absurdesten: „Ich wünschte, dieser Text wäre nie so passiert“, kommentiert Bokowski sich dann gleich selbst mit einem verschmitzten Lächeln.

Bokowski verfasst seine Texte mit einer gewissen Verbissenheit, die in ihrer rhetorischen Ausgefeiltheit seinesgleichen sucht. Da darf auch zum Schluss das absolute Gegenteil herauskommen, die Hauptsache ist, dass noch eine Schippe draufgelegt werden kann. Und natürlich spielt er bewusst die polnischen Stereotypen aus, wenn er die Katholiken durch den Kakao zieht, zum Beispiel in seinen "Auszügen aus dem Evangelium nach Facebook": Da teilt Jesus eben das Brot auf seiner Pinnwand, Judas gefällt das und Maria nimmt an der Veranstaltung „Unbefleckte Empfängnis“ teil. Und genau da ist Bokowski mittendrin im Leben - da verzeiht man ihm auch gern seine kleine Dativ-Akkusativ-Schwäche. Oliver Dietrich

Paul Bokowski: Hauptsache nichts mit Menschen. Satyr Verlag, Berlin, 11.90 Euro

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