20.11.2017, 5°C
  • 27.02.2013
  • von Oliver Dietrich

Keine Chansons

von Oliver Dietrich

Französischer Postrock im Kuze mit Stereozor und Mr Protector

Der Abend begann mit einer Überraschung, mit der man nicht gerechnet hätte: mit Ska-Klängen aus dem Theatersaal des studentischen Kulturzentrums Kuze. Um die Potsdamer Ska-Instanz Die Ciaoceskos war es ja leider etwas ruhig geworden, weshalb dieses Lebenszeichen umso schöner war. Sieben Leute zwängten sich auf die Bühne, auf der die Sängerin Joe mit einer Stimme von rauchig-heiser bis herausfordernd-schrill ziemlich mitreißend war.

Ska als Einheizer für zwei französische Hardcore-Postrock-Bands zu bringen war auf jeden Fall gewagt, klappte aber dann doch. Und so wurde der Abend insgesamt wesentlich französischer als erwartet: Französisch war überall zu hören, ob im Theatersaal oder zwischendurch an der Bar. Die erste Band Stereozor schlug die psychedelische Richtung ein, besaß aber dabei ordentlich Durchschlagskraft. Anscheinend hat man auch in Frankreich die richtige Prise Kyuss geschnüffelt, das war Rock’n’Roll mit Stoner-Elementen, jedoch ohne den für den neuen Stonerrock typischen Geschwindigkeitsverlust, der einer Vollbremsung auf der Autobahn gleichkommt. Am intensivsten waren die A-capella-Stücke, wobei der Schlagzeuger in seiner Präzision fast ein wenig unterfordert wirkte. Und das Schlagzeug-Duett gegen Ende der Show ließ unweigerlich an Kylesa erinnern.

Mr Protector stammen aus der Geburtsstadt François Mitterrands, einer kleinen westfranzösischen Stadt namens Jarnac, was die mittlerweile seit zehn Jahren spielende Band jedoch nicht zu Chansons inspiriert hat. Nachdem sich Mr Protector zunächst in der Emo-Screamo-Ecke herumgetrieben hatte, kam die Band durch den Gitarristen Johan zu eindeutig mehr Hardcore-Einflüssen – was man durchaus auch hört, da sind Vergleiche mit Bands wie Refused absolut nicht unangebracht. Dieses erhöhte Aggressionspotenzial stand dem Verspielten der Vorband entgegen, wobei der Sound mehr in die Breite ging, was wesentlich an den zwei Gitarren und dem Verzicht auf einen Bassisten lag. Die Strukturen waren frappierend, der erwartete Break konnte auch mal ins Leere gehen: So wusste man nie, was als nächstes zu erwarten war. Die Gitarren verwickelten sich in einen Dialog, der die Brachialität unterstrich. Dennoch sei das deutsche Publikum anders als in Frankreich: „Die Deutschen sind irgendwie sehr ruhig. In Frankreich wird mehr ausgeflippt und getanzt.“ Das läuft hier wahrscheinlich innerlich. Oliver Dietrich

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