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  • 15.02.2013
  • von Astrid Priebs-Tröger

Vom Wert der Arbeit

von Astrid Priebs-Tröger

Ordentlich zupacken. Der Dokumentarfilm „Der große Irrtum“ hinterfragt die Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft. Foto: promo

Kontroverses Filmgespräch bei der Ökofilmtour

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“: Zum Glück gilt dieser biblische Satz in seiner Ausschließlichkeit in unserer Gesellschaft nicht mehr. Aber auch in der sozialen Marktwirtschaft wird der Wert eines Menschen vorrangig danach beurteilt, ob und was er arbeitet und welches Einkommen er aus dieser Tätigkeit erzielt. So haben beispielsweise Ältere oder Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Migranten sowie Menschen, die gering qualifiziert beziehungsweise langzeitarbeitslos sind einen Marktwert, der nahezu gegen Null zu gehen scheint.

Die Filmemacher Dirk Heth und Olaf Winkler haben in ihrer Dokumentation „Der große Irrtum“, die am Mittwochabend im Rahmen der diesjährigen Ökofilmtour im Filmmuseum gezeigt wurde, genau diese Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft genauer betrachtet. Ihr 2012 in Leipzig ausgezeichneter Dokumentarfilm ist leise und trotzdem subversiv, denn er stellt in Form eines filmischen Briefes an die eigenen Kinder wichtige gesellschaftliche Fragen. Die entscheidende ist: Ist der Wert eines Menschen tatsächlich marktwirtschaftlich zu bemessen?

Heth und Winkler sind ins vorpommersche Eggesin gefahren und haben an diesem ehemaligen Militärstandort Menschen getroffen, die in dieser und anderen (ost-)deutschen Transformationslandschaften nach Wegen suchen, sich nicht ausschließlich über ihren aktuellen Marktwert definieren zu lassen. So begleiten sie den ehemaligen Bürgermeister Dennis Gutgesell bei seinen Versuchen, in Eggesin Arbeit für alle zu schaffen und zu diesem Zweck eine Zeitbank zu gründen. Sie porträtieren den früheren Arbeitsmarktpolitiker Rainer Bomba, der die Idee der Bürgerarbeit bis in Regierungshandeln zu überführen versuchte.

Doch vor allem zeigen sie Menschen, sich selbst eingeschlossen, die einer nützlichen Tätigkeit für andere nachgehen wollen und daraus einen selbstbestimmten und verantworteten Wert für sich selbst ziehen: Auch wenn Aufträge rar sind, werden die Filmemacher weiter Filme machen, die selbstständige Ergotherapeutin Marion wird weiter mit Senioren und Kindern tanzen und trotzdem Hartz IV beantragen müssen und die Ein-Euro-Jobberin Irina wird nach Auslaufen der Maßnahme das Heimatmuseum ehrenamtlich am Laufen halten. Solche Beispiele können sehr kontrovers diskutiert werden, wie auch das anschließende Filmgespräch zeigte, das leider wegen der Kürze der Zeit nicht im Dialog mit dem Publikum geführt werden konnte.

Während es den Filmemachern darum geht, Anfänge selbstbestimmten Arbeitens zu zeigen und in der Folge gesellschaftliche Visionen zu entwickeln, kritisierte Norbert Müller von den Potsdamer Linken zuallererst, dass der Ertrag der momentan praktizierten Bürgerarbeit nicht zum Leben ausreicht. Macht es Sinn, jenseits des Marktes zu arbeiten? Kann man dem Marktwert entrinnen? Das fragte auch Moderator Winfried Wolf und Gutgesell befürwortete, dass öffentliche Arbeitsangebote Menschen helfen können, mit den gesundheitlichen und sozialen Folgen von strukturell bedingter Langzeitarbeitslosigkeit besser klarzukommen.

Seine Idee, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu bezahlen, erwies sich jedoch als großer Irrtum. Denn genauso wie ein bedingungsloses Grundeinkommen scheint auch die Idee der Bürgerarbeit an den Grundfesten der Marktwirtschaft zu rütteln und wird deshalb bisher nur zeitlich und zahlenmäßig begrenzt gefördert. Wie sehr Bürgerarbeit aber in strukturschwachen ost- und westdeutschen Gebieten vonnöten wäre, belegte wiederum Gutgesell. Er sagte, wenn staatlicherseits keine Mittel mehr für Bürgerarbeit aufgewendet werden, würden sich in diesen öffentlichen Leerstellen – zum Beispiel in der Kinder- und Jugendarbeit – verstärkt Menschen mit rechtsradikalem Hintergrund engagieren und durch diese Einflussnahme die Demokratie gefährden. Astrid Priebs-Tröger

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