• 17.01.2013
  • von Heidi Jäger

Wie Herr und Hund

von Heidi Jäger

Manchmal ist es nicht zum Hinschauen. George (Axel Sichrovsky) und Lennie (Florian Schmidtke, r.) aus John Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“ sind ein äußerst gegensätzliches Paar. Doch verbindet sie eine außergewöhnliche Freundschaft. Foto: HL Böhme

In der morgigen Premiere „Von Menschen und Mäusen“ ist Axel Sichrovsky als George zu erleben

Ein wenig hört man seinen Wiener Dialekt noch heraus, obwohl er schon 20 Jahre in Deutschland lebt. Ein charmanter weicher Klang. Auch das von seinem Dreitagebart überstoppelte schmale Gesicht trägt weiche Züge. Wenn Axel Sichrovsky die dunkle kantige Hornbrille absetzt und mit leiser Stimme in der Kantine über seine Arbeit am Hans Otto Theater redet, fällt es schwer, in ihm den geschniegelten, machtbeflissenen und rationalen Bürgermeister zu finden, den er im „Volksfeind“ auf die Bühne bringt. Eine Rolle, die aber durchaus in ihrer Organisiertheit etwas mit ihm zu tun hat, wie Ensemble-Neuling Axel Sichrovsky sagt. Ebenso wie die Figur des George in John Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“, die er am morgigen Freitag in der Reithalle spielen wird.

„Beide Figuren sind ein bisschen die Alphatierchen, die Machertypen. Der Bürgermeister ist ein Bürokrat, ein sehr analytischer Typ. Georg ist genau das Gegenteil: impulsiv, emotional. Und er gehört zur untersten Schicht der Gesellschaft“, sagt Sichrovsky. Auf der Bühne ist ihm der George näher, einfach weil er lebendiger ist. Gerade dieses Irrationale dieser Figur zu spielen, macht dem Schauspieler mit dem graumelierten Lockenkopf großen Spaß. Zugleich ist im Gespräch zu spüren, wie ihn dieses Stück bewegt, das so viel auch über heutige soziale Missstände erzählt und über das Ausgrenzen von Menschen, die scheinbar nicht der Norm entsprechen.

Steinbecks im Jahr 1937 erschienene Novelle, die von vornherein auch als Schauspiel und Drehbuch konzipiert war, ist in einer ganz einfachen, fast kargen Sprache geschrieben. Aber sie trägt eine emotionale Wucht in sich, die von Anfang an die drohende Katastrophe fühlbar werden lässt. Erzählt wird über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft während der Großen Depression in den 1930er Jahren in Amerika. In Scharen ziehen heimatlose Menschen auf der Suche nach Arbeit umher, so wie die beiden Landarbeiter George und Lennie. Sie sind ein ungleiches Paar, denn Lennie ist geistig zurückgeblieben. „An seiner Seite kann sich George als der Schlaue und Coole darstellen und sich gut profilieren“, sagt Axel Sichrovsky über diesen Mann, der zugleich von der unbändigen Kraft Lennies profitiert, die auch George Sicherheit gibt. Doch wird diese Stärke für die Freunde zum Verhängnis, wenn Lennie ungelenk zerstört, was er eigentlich liebt. „Es ist mit den beiden so, als wenn George einen Dobermann dabei hat.“

Dieser etwas grob klingende Vergleich liegt indes auf der Hand, denn das Motiv des Hundes durchzieht die ganze Geschichte: Von dem gebrechlichen Hund, der den Gnadenschuss erhält, bis zum Welpen, den Lennie so liebevoll streichelt. „Lennie hat selbst etwas wie ein Hund, etwas sehr Treues. Und George kümmert sich um ihn“, sagt Axel Sichrovsky. Nach außen gibt sein George indes stets den Unverletzlichen, denn in dieser Männerwelt der Farmer zeigt man keine Schwächen. „Diese Energie, etwas wegzudrücken, was man nicht offenbaren soll, gerade darüber kann man als Schauspieler viel erzählen. Man zeigt viel mehr, wenn man das Heulen unterdrückt, als wenn man wirklich heult.“

Axel Sichrovsky hat an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelsohn-Bartholdy“ in Leipzig Leipzig studiert. Auch an einer Clownsschule hat er Unterricht genommen und dort vor allem das Spontane und die komischen Elemente ausprobiert. Die bringt er jetzt auch in die Probenarbeit mit Regisseur Niklas Ritter mit ein, denn dieser George habe durchaus eine komische Seite. Wenn er mit Lennie allein ist, redet er ungeniert über seine Sehnsucht, seine Hoffnung. Er möchte nicht immer nur schuften, sondern eine Frau haben, Sex und Erotik. Ja, und auch eine Farm. Dieser Illusion gibt er sich hin, „vielleicht wie in einer netten Spinnerei“, so Axel Sichrovsky. Vielleicht aber gibt es ja tatsächlich auch für diese beiden Männer von ganz unten eine Chance. Der Leser der anrührenden Geschichte „Von Mäusen und Menschen“, die immer wieder verfilmt wurde, hofft es bis zum Schluss - gemeinsam mit diesem so liebenswert verschiedenen Männergespann.

Axel Sichrovsky, der in einem Frauenhaushalt mit Mutter und Schwester groß geworden ist, hatte nie diese Männerleitfiguren. Er konnte sich bei den Proben aber dennoch gut in die Fürsorgepflicht von George gegenüber Lennie hineinversetzen. Als Vater kennt er das Gefühl des Verantwortlichseins für jemanden, den man liebt, der aber auch mal nervt. Der Schauspieler, der bereits an zahlreichen Bühnen in Deutschland arbeitete, am Deutschen Nationaltheater Weimar ebenso wie am Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Wien oder Stadttheater Chemnitz, ist ganz der Familienmensch. Entscheidend für seine zahlreichen festen und freien Engagements war immer wieder, so dicht wie möglich an die in Berlin lebende Familie rücken zu können. Da erweist sich das vorerst zweijährige Engagement in Potsdam jetzt geradezu als Glücksfall. Auch wenn ihm hier die Berge fehlen.

Manchmal muss er sie einfach besteigen, um Abstand zu finden und klarer zu sehen. Schon als Kind kraxelte er mit den Großeltern durchs Gebirge, das auf andere oft bedrohlich wirkt. Er fühlt sich indes geborgen und frei, wenn er heute mit Freunden oder mit der Frau und den beiden Kindern aufsteigt und das Tal hinter sich lässt. „Ich finde es wunderbar, dass die Zivilisation da aufhört und anscheinend nichts mehr von Menschen beeinflusst wird.“ Ein Schauspieler ist viel von der äußeren Wirkung abhängig. Gerade deshalb braucht Axel Sichrovsky Zeiten, wo das keine Bedeutung hat.

Aber dann gibt es wieder den anderen Pol in ihm: möglichst viel Trubel und Kommunikation um sich herum zu spüren. So wie George, wenn er seiner Fürsorgepflicht für Lennie mal entkommen und einfach nur Spaß haben will.

Premiere „Von Menschen und Mäusen“ am morgigen Freitag um 19.30 Uhr in der Reithalle in der Schiffbauergasse

  • Erschienen am 17.01.2013 auf Seite 24

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