• 16.01.2013

„Das ist schon eine Kunst“

Frisch auf das Rad gebunden. Die Abbildung eines Scharfrichters bei seiner makaberen Tätigkeit aus dem Soester Nequambuch aus dem 14. Jahrhundert. Foto: Urania

Die Potsdamer Archäologin Marita Genesis über punktgenaues Enthaupten und sonstige Tätigkeiten des Scharfrichters

Frau Genesis, „Galgen, Rad und Scheiterhaufen. Aus dem Alltag eines Scharfrichters“ ist Ihr Vortrag überschrieben, den Sie am morgigen Donnerstag in der Urania halten. Ein sehr makaberes Thema, mit dem Sie sich da wissenschaftlich beschäftigen. Wie sind Sie ausgerechnet auf den Scharfrichter gekommen?

Das fing ganz einfach an. Es gab an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der ich studiert habe, einen Kurs zum mittelalterlichen Handwerk. Dort ging es auch um die Frage, ob ein Scharfrichter ein anerkannter Handwerker war. Hatte er eine Gesellenzunft? Wie kann man ihn im archäologischen Befund nachweisen? Jeder Handwerker hinterlässt ja etwas. Beim Töpfer findet man jede Menge Scherben. Aber was hinterlässt der Scharfrichter als Handwerker? Wo hinterlässt er was?

So ein Scharfrichter wird ja mit Sicherheit eine nicht unerhebliche Anzahl an gebrochenen Knochen und abgetrennten Gliedmaßen hinterlassen haben.

Ja, aber ich muss ganz ehrlich sagen, als ich vor etwa sieben Jahren angefangen habe, mich  damit zu beschäftigen, wurde dieses Thema in der Literatur noch recht stiefmütterlich behandelt. Zum Teil hieß es, die Prozessakten seien gut dokumentiert, da bräuchte man nicht mehr großartig bodenkundlich zu forschen. Es gäbe es also auch gar keinen Grund, nach zu graben.

Aber Sie haben angefangen zu graben?

Zuerst einmal mussten wir uns vieles aus historischen Quellen zusammensammeln, weil man die Lage der  Richtstätten anfangs nicht mehr so einfach lokalisieren konnte. Sie waren vielerorts durch die Ausbreitung des Stadtgebietes einfach überbaut worden. Es gibt natürlich Scharfrichterhäuser. Hier in der Nähe in Werder ist zum Beispiel ein ganz schönes oder das in Bernau direkt an der Stadtmauer.

Solche Scharfrichterhäuser sind erhalten, wie aber haben Sie die ehemaligen Richtstätten gefunden?

Zum Beispiel durch Flurnamen wie „Der Galgenberg“, „Das Gericht“ oder „Am Rabenstein“, die darauf hinweisen, dass hier mal eine Richtstatt war. Es gibt  verschiedene Gattungen von Richtplätzen. Zum einen innerstädtische auf zentralen Plätzen, zum anderen die die häufig vor den Städten auf erhöhten Plätzen, weit sichtbar, errichtet wurden. Als Abschreckung und Prävention für jeden. Die Leichen hingen da auch Tage bis Wochen oder waren auf die Räder geflochten. Im 19. und 20. Jahrhundert hat man auch schon während archäologischer Grabungen Richtstätten angetroffen. Aber da interessierte keinen, was oben Mittelalterliches beziehungsweise Neuzeitliches zu finden war. Die haben sich durch die abgelegten Skelette durchgegraben, um an die urgeschichtlichen, weitaus mehr begehrten Zeugnisse längst vergangener Kulturen heranzukommen. Mit anderen Worten, man hatte schon damals viel zerstört. Manche haben wenigstens noch aufgeschrieben, dass da noch seltsame Skelette waren, die ihre Köpfe zwischen den Knien hatten.

Was können Sie nach sieben Jahren Forschungen über den Alltag und den Stellenwert eines Scharfrichters in Brandenburg und vor allem in Potsdam sagen?

Potsdam ist entgegen der gängigen Vorstellung ja ein kleines Dörfchen gewesen. Erst mit dem großen Kurfürsten kam es einigermaßen zu Bedeutung. Allgemein gab es Scharfrichter nachweislich erst ab dem 13. Jahrhundert, im Jahr 1276 finden wir in Augsburg den ersten Henker. Bei uns hier in der Mark dauerte das sehr lange. In der Stadt Brandenburg finden wir zum ersten Mal im Jahr 1466 einen Hinweis darauf, dass es hier einen Henker gab. Die Stadt Ruppin „borgt“ sich hier für eine Hinrichtung einen aus.Potsdam hatte zuerst einen Abdecker. Der wohnte auf dem Kiez. Es ist bekannt, dass Potsdam sich 1571/72 einen Berliner Scharfrichter für die Tortur an einem Ehepaar und dessen Hinrichtung ausgeborgt hat. Erst ab 1713 lässt sich in Potsdam ein eigener Scharfrichter nachweisen.

Es wurde also der Fachmann gebraucht.

Das konnte natürlich nur ein Scharfrichter sein, der, wie andere Berufe auch, eine Gesellenzeit ablegen musste, der beweisen musste, dass er die Tortur vollziehen kann, dass er Kenntnisse hat vom menschlichen Körper und die physischen und anatomischen Zusammenhänge kennt. Erst dann konnte er eine Enthauptung vor einem führenden Scharfrichter-Meister vollführen, sozusagen sein Meisterstück. War diese erfolgreich, bekam er drei Maulschellen und wurde selbst zum Scharfrichter-Meister ernannt. In einigen Quellen heißt es immer wieder, dass ein Scharfrichter ein Straffälliger war, der andere Straffällige hinrichten musste. Das ist so nicht haltbar. Alles war geordnet, man musste schon sein Wissen unter Beweis stellen.

Gesellenzeit, eine vorbildliche Enthauptung, alles vollzogen nach genauen Regeln, das klingt sehr nach einer Handwerkstradition. Wobei mancher Handwerker etwas diese Nase rümpfen wird, wenn er hört, einmal Kopf ab, schon Meister.

Unterschätzen Sie das nicht, denn eine solche Enthauptung ist schon ziemlich schwer. Wenn Sie mit der Hand hinten an ihre Halswirbel gehen, merken Sie, die sind schon recht massiv. Die Wirbelknochen sind neben den Beckenknochen die massivsten Knochen des menschlichen Körpers. Wir haben zwei Scharfrichterschwerter in Potsdam, wenn Sie sich mal eines angucken wollen. Sie sind relativ lang und recht schwer. Eines hat eine Griffangel, an der man mit beiden Händen zufassen muss. Ich hatte es schon in der Hand und es ist wirklich unglaublich schwer. Man muss aber trotzdem genau treffen. Wenn jetzt also dieses Scharfrichterschwert, welches zwar zweischneidig und sehr scharf ist, auf diesen Wirbelknochen trifft, prallt es einfach ab. Also muss der Scharfrichter wirklich zwischen die beiden Wirbel treffen. Das ist schon eine Kunst. Man liest in den Quellen ab und an mal von misslungenen Hinrichtungen. Dabei sind ganz grausige Sachen passiert. Denn das tadellose Dekapitieren immer wieder zu können bedarf schon einer gewissen Übung.

Vor der Hinrichtung aber stand die Tortur.

Ja, eine Tortur, eine sogenannte peinliche Befragung, die in drei Graden durchgeführt wurde, um ein Geständnis zu bekommen. Der erste Schritt war die Befragung und das Anlegen der Daumenschrauben und der Spanischen Stiefel, um den Delinquenten so zum Reden zu bewegen. Der erste Grad der Realterrition, also der echten Folterung, war das Zuziehen der Folterinstrumente, beim zweiten Grad wurden sie dann an Gewichten aufgehängt. Beim dritten Grad hingegen konnte der Scharfrichter seiner Fantasie freien Lauf lassen, da war alles erlaubt.

Geschah das alles an einem Tag?

Nein, da gab es Vorschriften. Jugendliche und Alte waren anders zu behandeln, als mitten im Leben stehende Delinquenten. Die hatten also eine kürzere Torturzeit. Diese Torturzeit wurde auch immer wieder für eine Stunde unterbrochen und es gab Erholungsphasen. Es gab tatsächlich Anweisungen, in welchen zeitlichen Abständen die Tortur durchzuführen ist.

Wie sah eine Ausbildung zum Scharfrichter aus?

Das wurde in der Familie weitergegeben. Die Kinder der Scharfrichter wurden ab einem Alter von zehn oder elf Jahren mit zu den Hinrichtungen genommen, wo ihnen kleine Handreichungen auferlegt wurden. Mit 16 Jahren sind sie zu den anderen Scharfrichterhöfen gezogen und haben dort ihre Gesellenjahre verbracht. Hamburg war da sehr beliebt. Da gab es einen steten Wechsel von Scharfrichtersöhnen aus ganz Deutschland, die dort ihre Gesellenjahre verbracht haben.

Warum Hamburg?

Scharfrichter im norddeutschen Raum hatten gut zu tun. Von einem Scharfrichter dort ist überliefert, dass von ihm an einem Tag 70 Seeräuber gerichtet worden sind. Die Hamburger Scharfrichterei scheint außerdem gut geführt worden zu sein. Man schickte sie dorthin und dann gingen die Scharfrichtersöhne auf Wanderschaft, wie ein Zimmermann. Sie mussten dann natürlich ihre Prüfungen ablegen. Ab dem 18. Jahrhundert musste man in Preußen 26 Fragen beantworten, um Scharfrichter zu werden. Das war ein richtiges Scharfrichterexamen. Dann erfolgte die Prüfung und danach bekam ein Scharfrichter, wenn gerade vakant, eine Stelle zugesprochen.

Das Foltern und Hinrichten als traditioneller Familienbetrieb, gab es das auch in Brandenburg?

Da gab es beispielsweise die Familie Brandt oder die Familie Spiegel. Und die Familie Hellriegel ist ein ganz gutes Beispiel. Die haben in der Stadt Brandenburg so etwa 100 Jahre lang als Scharfrichter gewirkt und besaßen ungefähr 40 Abdeckereien, denn zu ihrem Amt gehörten Einnahmen aus  der Abdeckerei. Ein Scharfrichter durfte diese Arbeit aber nicht selber ausführen, weil er dann nicht mehr Hand an einen Delinquenten hätten legen dürfen. Das galt als unehrenhaft. Aber sie hatten Pächter und haben dann durch diese Abdeckereien viel Reichtum angesammelt, mussten natürlich aber auch sehen, dass ihre Nachkommen versorgt werden Teilweise  haben die Scharfrichter ihre Söhne auch als Abdecker eingesetzt oder mit Scharfrichterwitwen verheiratet. Hier in Potsdam ist das von der Familie Schlegel bekannt, die dadurch in eine Abdeckerei einheiratete, die später zur Scharfrichterei erhoben wurde. Die Frau war 10 Jahre älter als der Scharfrichtersohn. Er hat sie mit den Kindern geheiratet. Denn eine Frau konnte zwar die Scharfrichterei führen, aber die Tätigkeit nicht ausüben. Das war ihr nicht erlaubt, die hatten ihre Aufgaben als Scharfrichtermägde.

Was heißt Scharfrichtermagd?

Diese hatten beispielsweise dafür zu sorgen, dass Essen für die torquierten  Delinquenten vorhanden war. Die Frauen haben sich auch viel mit Pflanzen beschäftigt. Der Scharfrichter war ja auch eine Art Heiler. Denn er musste die Knochen, die offenen Wunden der torquierten Menschen wieder heilen, damit diese aufrecht zu ihren Hinrichtungen gehen und das „freiwillige“ Geständnis wiederholen konnten.

Der Scharfrichter also auch ein Kräuterexperte?

Nicht nur das.. Die Alraune, ein Nachtschattengewächs, geisterte bis zum 19. Jahrhundert hier noch in märkischen Apotheken als Allheil- und Zaubermittel herum. Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Galgenliebchen ja schon. Also, aus den ganzen Flüssigkeiten, die ein Mensch während seines Todeskampfes dort von sich gibt, wächst dieses Galgenmännchen, also die Alraune. Und nur wer mit dem Tod in Verbindung steht wie der Scharfrichter, kann sie auch ernten. Denn sonst macht sie beim Herausreißen ein Wehklagen und tödliches Geschrei. Da hatte der Scharfrichter natürlich ein unglaubliches Monopol an diesen Rübchen und die Scharfrichtermägde hatten dann eben für die Aufbereitung derselben zu sorgen. Das Wissen des Scharfrichters um den menschlichen Körper und die nötigen Heilmittel  war groß. So wurden Scharfrichter, auch in Brandenburg, auf der einen Seite mit Ekel und Abscheu betrachtet, weil sie mit dem Tod handelten. Auf der anderen Seite aber auch mit Bewunderung und Achtung, weil sie sich mit Heilungsprozessen auskannten.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Marita Genesis spricht am morgigen Donnerstag, 18 Uhr, über „Galgen, Rad und Scheiterhaufen“ in der Urania, Gutenbergstraße 71/72. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 3 Euro

Marita Genesis

hat Ur- und Frühgeschichte studiert und sich auf die Richtstättenarchäologie spezialisiert. Derzeit ist sie Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin. PNN

  • Erschienen am 16.01.2013 auf Seite 20

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