• 15.01.2013
  • von Daniel Flügel

Unser phrasenhafter Sprachschatz Wiglaf Droste liest im Waschhaus

von Daniel Flügel

Wider den Hülsen-und-Phrasen-Mumpitz. Der Satiriker Wiglaf Droste. Foto: pr

Wiglaf Droste kann ihn kaum noch ertragen, diesen schwammig-phrasenhaften Sprachschatz aus der Welt der Politik, der Medien oder auch der Werbung, all die aufgebauschten, meist deplatzierten oder grundlosen Redewendungen und Formulierungen, von denen viele auch in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind und dort ihr Unwesen treiben. Längst fühlen sich Schlaumeier wie Bastian Sick berufen, dem ganzen Land Deutschunterricht zu erteilen und dazu auch noch als Entertainer aufzutreten. Auch Wiglaf Droste schaut gern dem Volk aufs Maul und singt bisweilen Lieder, doch will er nicht belehren. Seine Sprachkritik schürft tiefer und ist dabei ehrlich, agil und unverkrampft. Ihm fehlt die Steifheit des Dozenten, der sich in Glitzeranzüge zwängt.

In seinem aktuellen Buch „Sprichst du noch oder kommunizierst du schon?“ (Edition Tiamat, 14 Euro), einer Sammlung von insgesamt 90 Sprachglossen, aus der er am Donnerstagabend im Waschhaus lesen wird, geht es Droste darum, „Gehirn und Gehör zu schärfen, ohne dabei den Humor zu verlieren.“ Und sein Humor hat wirklich Saft, ist lebensprall, ironiegesättigt und trotz der vielen bitterbösen Pfeile am Ende doch meist versöhnlich. Der berüchtigte Satiriker und emsige Kolumnist beobachtet die deutsche Sprache genau und hinterfragt auf entlarvende Weise das „Einschüchterungsvokabular“ und die „Luftpumpenrhetorik“, all den Hülsen-und-Phrasen-Mumpitz also, den beispielsweise Politiker so gern von sich geben, wenn sie davon reden, „die Menschen mitnehmen“ zu wollen und „zeitnah“ oder „zielführend“ zu handeln, ein „kalkulierbares Restrisiko“ in Kauf zu nehmen oder „im Vorfeld“ „gut aufgestellt“ zu sein. Hinzu treten zum Brüllen komische Überlegungen über das plötzliche Auftauchen von „Schnittstellen“ allenthalben oder die Frage, weshalb öffentliche Gelder eigens im Plural geschrieben werden und offenbar recht altmodisch noch in „Töpfen“ aufbewahrt werden und wie man es sich denn vorzustellen hat, wenn nicht nur Kunden, sondern sogar ganze Identitäten „wegbrechen“.

Selbstverständlich lässt es sich der alte Provokateur Droste aber auch nicht nehmen, etwa über die „neurotische Rechthaberei und das armselige Fäustchenballen“ eines Guido Westerwelle oder den „Betroffenheitsprofi“ Herbert Grönemeyer zu lästern. Abgerundet wird die Politiker- und Medienschelte mit der üblichen Anglizismen-Klatsche, dem fast schon obligatorischen Imitieren des Berliner Dialekts und allerlei Momentaufnahmen aus dem alltäglichen Lifestyle, einer Welt, in der „Multitasking im Rollkofferkrieg“ zelebriert wird, in der es „Servicepaletten“ gibt und Hausmeister „Facility Manager“ heißen. Doch sind längst nicht alle Glossen in diesem Buch gelungen, ja, mitunter sogar erschreckend schlecht ausgefallen. Hie und da kalauert es gewaltig, wirken Witze, wie der über Knirschschienen oder das Loblied auf den Hodensack, einfach nur flach, überdehnt oder peinlich infantil.

Doch verzeiht man einem Vielschreiber wie Wiglaf Droste solche Aussetzer, überzeugt seine Glossensammlung im Großen und Ganzen doch als überaus kurzweilige Lektüre. Indem hier all die „sprachlichen Flatulenzen“ auf ihre jeweiligen Motive zurückgeführt werden und dabei, dem Genre der Glosse gemäß, die typischen Marotten des Alltags in kurzen Texten aufs Korn genommen, bissig kommentiert oder ins lachhaft Absurde gesteigert werden, gerät die Sprachbeobachtung so auch zu einem Stück Sittenporträt. Wiglaf Droste geht es also nicht um Berichtigung, nicht um geschleimte Besserwisserei, nicht ums „Doktor spielen“. Denn „das sind Leute, die sogar im Schlaf Plateauschuhe tragen“. Daniel Flügel

Wiglaf Droste ist zusammen mit der Tünseltown Rebellion Band am Donnerstag, dem 17. Januar, um 20 Uhr im Waschhaus in der Schiffbauergasse zu erleben. Der Eintritt kostet im Vorverkauf 10, an der Abendkasse 12 Euro

  • Erschienen am 15.01.2013 auf Seite 20

Umfrage

Brandenburgs Wappentier war immer rot, im neuen Landtag hängt nun jedoch ein weißes Exemplar - auf Wunsch des Architekten. Sollte der weiße Adler nun durch einen roten ersetzt werden?