• 14.01.2013
  • von Oliver Dietrich

Zwei in Einem

von Oliver Dietrich

Rasende Eifersucht. Leontes (rechts, Wolfgang Vogler) wird von krankhafter Eifersucht zerfressen, während er das Treiben seiner lässig-lasziven Frau Hermione (Patrizia Carlucci, hier mit Christoph Hohmann als Polixenes) verfolgt. Foto: HL Böhme

Tragödie und Musical: Shakespeares „Wintermärchen“ zerfällt in der HOT-Inszenierung in zwei Teile

Etwas fällt auf in Tobias Wellemeyers Inszenierung von Shakespeares „Das Wintermärchen“. Und zwar etwas, das eher an Fernsehsendungen des westdeutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Achtzigerjahre erinnert: Es wird unglaublich viel geraucht. Kaum eine Szene, in der sich nicht irgendjemand eine Kippe ansteckt und die Nikotinschwaden über das Publikum hinwegwabern. Nikotin wird anscheinend wieder salonfähig – und salonfähig fängt auch das Stück an- Lässig-lasziv steht Patrizia Carlucci als Hermione am Bühnenrand und singt beinahe divenhaft eine Adaption von Haroldo Lobos „Tristeza“, umzingelt von Herren, deren Outfit eher an eine Kellneroptik als an königliche Gewänder erinnern. Shakespeare ist wieder zurück im Hans Otto Theater, und für den Klassiker unter den Klassikern darf man natürlich keine traditionelle Inszenierung erwarten.

Shakespeares Stück bedient in seinen Elementen sowohl das Genre der Tragödie als auch der Komödie, und dieser Hybrid wird folgerichtig als Romanze eingeordnet. Die tragische Geschichte des sizilianischen Königs Leontes (Wolfgang Vogler), der dem Wahn der Eifersucht verfällt, alles verliert und letztlich geläutert wird, ist eine vorbildliche Parabel auf die Irrationalität der Macht, die schließlich zum Misstrauen führt. Und es wurde auch wieder der Spagat, der von einem Klassiker erwartet werden darf: Wie bringt man den shakespeareschen Duktus auf ein geeignetes Maß im Einklang mit der scheinbar erforderlichen Modernität? Eine Interpretation ist doch nur eine Assimilierung, niemand würde heute noch eine klassische Inszenierung auf die Bühne bringen.

Und da bedient sich auch Intendant Wellemeyer Anachronismen, Leontes spricht vom Dolch, wenn er seinem Sohn einen Revolver in die Hand drückt, und auch das Vokabular ist stellenweise aufgepeppt und entspricht nicht mehr ganz der gestelzten Ausdrucksweise des alten Engländers. Das ist sicherlich notwendig, erleichtert das Verständnis aber nicht unbedingt. Besonders die Vulgarismen liegen da etwas quer im Raum, wirken oftmals gar schwer verdaulich.

Das Stück selbst findet in zwei Szenarien statt, die allerdings in ihrer Erscheinung unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste Hälfte steht dabei sowohl in ihrer Langatmigkeit als auch in ihrer recht zähflüssigen Fokussierung auf den Text im Kontrast zu der Inszenierung, die einen nach der Pause erwartete. Das liegt zum großen Teil am nahezu bedrohlich wirkenden Bühnenbild (Matthias Müller), eine eiserne Wand, die die handelnden Personen brachial ausgrenzt und die Handlung an den Bühnenrand aussperrt. Das ist im Falle des Leontes auch zwingend, unterstreicht diese Ausgeschlossenheit doch die psychopathische Metamorphose eindringlich. Wolfgang Vogler gibt dem wahnsinnigen König eine nervös-exzessive Komponente, die ihn streckenweise sehr glaubwürdig erscheinen lässt, allerdings wirkt sein bis zur Heiserkeit getriebenes Schreien irgendwann strapazierend. Leontes wütet, als ob er eine pathologische Hyperaktivität konterkarieren wollte. Diesem Charakter steht die Figur des Camillo (Michael Schrodt) geradezu wohltuend gegenüber, verkörpert er doch die Sprachlosigkeit, die bald an ablehnenden Ekel grenzt. Leontes dagegen bleibt in seiner Eifersucht unnahbar, schreit alles und jeden weg, während diejenigen, die ihn aufhalten wollen, zu Mittätern werden. In der Ausgeschlossenheit des Bühnenbildes kommt es jedoch weniger zu einer verdichtenden Fokussierung auf den Text als zu einer bloßen Rezitation.

Selbstverständlich folgt die Katastrophe: Das Orakel von Delphi richtet schließlich, indem es die Wahrheit kundtut. Leontes tötet den Boten, und die Strafe folgt augenblicklich: Sein Sohn Mamilius stirbt aus Kummer, und Hermione segnet bei dieser Gelegenheit auch gleich das Zeitliche. Nun ja, bei Shakespeare wurde überhaupt gern gestorben. Mit dem reuigen Psychopathen am Boden ging es nun also in die Pause.

Der Zeitsprung wurde aber gleich ein Sprung in ein anderes Genre: Die Tragödie wurde derart grotesk durch ein Musical ersetzt, dass man sich in ein anderes Stück teleportiert fühlte. Roland Kuchenbuch als Schäfer wirkte gleich zum Anfang so befreiend komisch, dass er eine Überzeichnung gar nicht benötigte. Und wer dachte, dass der Anachronismen genug sein dürfte, wurde von der Gypsy-Romantik des Bühnenbildes fast erschlagen: Ein Wolga war dort geparkt, und hinter weiteren Autowracks stand ein Wohnwagen – da wurde ein Böhmen präsentiert, das mit zoniger Dekoration und saftigen Balkan-Beats aufwartete.

Während Patrizia Carlucci die Doppelbelastung als Hermione und deren verlorene Tochter Perdita spielend meisterte, zog Raphael Rubino als singender Spitzbube Autolycus in rosa Jogginghosen ganz die Aufmerksamkeit auf sich. War das überhaupt noch dasselbe Stück? Drohte der erste Teil noch in textschwangerer Lethargie zu stranden, wurde einem nun eine Schmissigkeit um die Ohren gehauen, dass man fast den Faden verlor. Aber genau diese Gefahr bestand: Der Unterhaltungsfaktor war hoch, allerdings bedurfte es nun schon einem Höchstmaß an Konzentration, der Handlung zu folgen – wer das Stück nicht genau kannte, dürfte hier wohl ausgestiegen sein.

Doch in seiner Auflösung bleibt das „Wintermärchen“ schließlich ein waschechter Shakespeare: Der Dramatiker zog die Fäden, vereinte alle und ließ sogar die versteinerte Hermione wieder zum Leben erwecken. Nun ja, gegen ein derart schmachtendes Ende kann auch das beste Ensemble nichts ausrichten. In schwülstigem Kitsch hatten sich zum Ende alle wieder lieb. Es ist eben doch nur ein Märchen.

  • Erschienen am 14.01.2013 auf Seite 20

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