• 12.01.2013
  • von Dirk Becker

Konzerte: Den Norden hören

von Dirk Becker

Bach auf Schwedisch. Das versprechen Lias Rydberg und Gunnar Idenstam. Foto: MPS

Blick nach Norden: Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci entdecken in diesem Jahr Skandinavien. Mehr als 60 Konzerte, Open Airs, Opern und Schiffsparteien beschäftigen sich mit Musik aus Dänemark, Schweden und Spitzbergen.

Die Dramaturgie lieferte Léonie d’Aunet. Im Jahr 1839 begleitete die 19-jährige Französin eine Expedition über Dänemark und Schweden bis nach Spitzbergen. Auf dem Rückweg kam sie sogar nach Potsdam. In ihrem Buch „Voyage d’une femme au Spitzberg“ hat Léonie d’Aunet die Eindrücke ihrer abenteuerlichen Reise festgehalten. Als Jelle Dierickx, Dramaturg der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, dieses Buch zum ersten Mal las, war er wie elektrisiert. „Léonie d’Aunet hat dieses Buch nur für uns geschrieben“, sagte Dierickx am Freitag bei der Programmvorstellung für die diesjährigen Musikfestspiele. Bei diesen offensichtlichen Gemeinsamkeiten, so Dierickx augenzwinkernd, hätte man gar nicht anders gekonnt.

Schlicht mit „Skandinavien“ sind die Musikfestspiele vom 7. bis 23. Juni überschrieben. In den Potsdamer Schlössern und Gärten sollen an 16 Tagen mehr als 60 Konzerte, Opern, Open Airs, aber auch Schiffspartien, Hausmusiken und das beliebte Fahrradkonzert stattfinden. So will man den zahlreichen musikalisch-kulturellen Beziehungen nachspüren, die die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden durch Jahrhunderte mit dem deutschsprachigen Raum und vor allem auch mit Potsdam verbinden. „Skandinavien liegt Potsdam näher als man denkt“, sagte Festspielleiterin Andrea Palent im Gemeinschaftshaus der nordischen Botschaften in Berlin. Luise Ulrike von Preußen, eine Schwester Friedrich II., die Königin von Schweden war; oder die kaiserliche Matrosenstation „Kongsnæs“. Schauspielerinnen wie Asta Nielsen, Greta Garbo und Zarah Leander, die untrennbar zum Gründermythos der UFA-Filmindustrie in Babelsberg gehören oder die Norwegen-Begeisterung des „Reisekaisers“ Wilhelm II. – Andrea Palent zählte nur einige Beispiele für diese Nähe auf. Sie dienen als Folie für ein Programm, das für frischen Wind an den Spielorten sorgen soll, so Andrea Palent. Ein frischer Wind, für den vor allem der unorthodoxe Umgang mit Genregrenzen bei skandinavischen Musikern verantwortlich ist.

„Ob Barockmusik, Jazz oder Folk, derartige Abgrenzungen interessieren dort wenig“, sagte Jelle Dierickx. Es gehe den Musikern einzig und allein darum, gute Musik zu machen. Und was die vom Deutschen so geliebte vorausschauende Planung betrifft, stieß Dierickx in den vergangenen Monaten damit bei den Skandinaviern oft auf großes Unverständnis. So bat er Inga Juuso, die sich dem traditionellen Joik-Gesang der lappländischen Samen verschrieben hat, um ein Programm für das Open Air „Folk in the garden“. Doch Inga Juuso wusste erst gar nicht so recht, was Dierickx wollte. Ein Programm? Darüber entscheide sie doch erst wenige Tage vor dem Auftritt. Und das Konzert in Potsdam sei doch erst im Juni, so ihre Antwort.

Ungewohntes werden die Musikfestspiele also in diesem Jahr bieten. Dafür steht schon das Eröffnungskonzert „Blick nach Norden“ am 7. Juni traditionsgemäß in der Friedenskirche. Die ausgewählten Werke des Ensembles Trondheim Solistene reichen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Schauspielerin Jennipher Antoni liest aus „Voyage d’une femme au Spitzberg“ von Léonie d’Aunet. Am Ende gibt es dann nicht den typischen Schlussakkord, den anschließenden Applaus und den Empfang für die mehr oder weniger Wichtigen dieser Stadt. Mit dem letzten Stück verwischt Trondheim Solistene die Grenzen zwischen den Genres, indem die Musiker spielend auf ihren Instrumenten die Kirche verlassen und im Atrium gemeinsam mit allen Zuhörern die Eröffnung der Musikfestspiele feiern.

Mit „Peters Hochzeit“ von Johann Abraham Peter Schulz und „Proserpin“ von Joseph Martin Kraus sind in diesem Jahr gleich zwei Opernpremieren zu erleben: Die vorerst letzten Inszenierungen im Schlosstheater im Neuen Palais, das nach den Musikfestspielen für umfangreiche Sanierungsarbeiten geschlossen und voraussichtlich erst wieder 2017 eröffnet wird. Zählt man „Korall, Koral“, eine Oper für Babys (siehe Interview) hinzu, die zum ersten Mal in Deutschland zu erleben ist, sind es sogar drei Opernpremieren.

Dem Paganini des Nordens, Ole Bull, ist das Open Air auf den Terrassen der Orangerie von Sanssouci gewidmet. Selten zu hörende Instrumente wie die Hardangergeige oder das Orpharion sind zu erleben, die Ensemble La Venexiana, Scherzi Musicali und Oxalys, die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, die Cembalistin Christine Schornsheim und die Komponistin Andrea Tarrodi sind eingeladen. Am 21. Juni findet eine „Trollenacht“ im Schlosspark statt, der färöische Komponist und Pianist Kristian Blak hat eigens für die Grotte an der Maulbeerallee ein „Concerto Grotto“ geschrieben. Und bei aller nordischen Verbundenheit wird auch des großen Lautenisten John Dowland gedacht, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 450. Mal jährte. An dieser Stelle soll nun nicht vorweggegriffen werden. Aber mal ganz ehrlich, das sind doch nun ganz herrliche Aussichten.

Das Programm und Karten unter www.musikfestspiele-potsdam.de

Umfrage

Die Sanssouci-Skulpturen im Innenhof des Landtags finden viele nicht schön - aber muss Kunst immer schön sein? Oder soll die Arbeit wieder verschwinden?