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  • 22.10.2012
  • von Astrid Priebs-Tröger

Narrenfreiheit

von Astrid Priebs-Tröger

Kauzig, aber geradlinig. Lars Wild spielt den Minikus mit Schwejkscher Einfalt. Foto: Poetenpack/Hennig

Poetenpack zeigte „Die Judenbank“ im T-Werk

Mit manchen Stücken ist es wie mit guten Weinen. Während die einen lange liegen müssen, reifen die anderen, wenn sie oft und über lange Zeiträume aufgeführt werden. „Die Judenbank“ von Reinhold Massag in der Inszenierung des Theaters Poetenpack ist so ein Stück. Seit zehn Jahren verkörpert Lars Wild darin den versehrten Dorfbewohner Dominikus Schmeinta, der eines Tages nicht mehr auf seiner Lieblingsbank am Bahnhof sitzen darf, weil die nationalsozialistischen Rassengesetze dies verbieten. Am Freitagabend zeigte das Theater in der Reihe „Theater Poetenpack im T-Werk“ diese kein bisschen angestaubte, aber über die Jahre gereifte Aufführung vor etwa sechzig Besuchern.

In diesem Volksstück für einen Schauspieler, das sich in der Tradition Ödön von Horvaths verorten lässt, verkörpert Lars Wild nicht nur den etwa 35-jährigen von Muskelschwund betroffenen ehemaligen Knecht und jetzigen Pensionär, sondern noch sieben weitere Bewohner von Ottersdorf. Ein Dorf, in dem sich wie in einem Brennglas der normale Alltag des Nationalsozialismus spiegelt: Angst, Denunziantentum und Vorteilsnahme, tödliche Gewalt und stille Resignation sind nur einige Zustände, die der Zuschauer in gerade mal siebzig Minuten vorgeführt bekommt.

Doch Dominikus Schmeinta, genannt Minikus, hat die besondere Gabe, die Dinge, die um ihn herum geschehen, auf naiv-unverstellte Art zu betrachten, zu erzählen und zu befragen. Und so fragt er auch, warum in einem Dorf, in dem es keine Juden (mehr) gibt, eine Bank mit „Nur für Juden“ gekennzeichnet wird. Und weil dieser von den Zeitläufen „unverdorbene“, am Rande der Gesellschaft lebende, zudem religiöse Mensch darauf keine Antwort bekommt, beschließt er, selbst Jude zu werden, um wieder auf „seiner“ Bank sitzen zu können. Diese Konsequenz seines Denkens und Handelns setzt jedoch die bürokratische und letztendlich tödliche Maschinerie in Gang, die alles daran setzt, „Abweichler“ zu disziplinieren und/oder zu bestrafen.

Lars Wild als Solist des Abends gelingt es, diesen Minikus, der mal mit Schwejkscher Einfalt, bald mit beachtlichem Talent zur Verstellung agiert, als zwar kauzigen, aber immer geradlinigen Alltagshelden zu zeigen. Und so wird dieser im landläufigen Verständnis „Schwache“ zu einem, der mehr Rückgrat entwickelt als ein ganzes Dorf zusammen, um bis dahin geltende Werte gegen eine brutale und gleichmacherische Diktatur zu verteidigen. Lars Wild gelingt es, diesen ungemein pointierten, oft komödiantisch-doppelbödigen Theatertext bis in kleinste Winkel psychologisch auszuloten und so den dörflichen Mikrokosmos und die Beweggründe der Figuren plastisch auszuformen. Dazu benutzt er – außer beim Minikus selbst – zumeist sparsam Mimik und Gestik und auch nur wenige Requisiten, die er aus dem braunen Lederkoffer, der neben ihm auf der Bank steht, hervorholt.

Besonders eindrucksvoll sind seine Erzählungen, wie der letzte Jude, der Viehhändler Feicht, aus dem Dorf verschwindet oder wie er zusammen mit dem Neffen Hansi einen Brief an den Führer schreibt, den er bittet, um „zur Aufrechterhaltung seines bisherigen Sitzrechtes“ zum Judentum konvertieren zu dürfen. Völlig zu Recht gab es am Ende langen und sehr herzlichen Applaus, wurden doch durch das lebendige und vielschichtige Spiel von Lars Wild durchaus Parallelen ins Heute gezogen, wo sich alles nur noch ums „Goldene Kalb“ zu drehen scheint und Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit als nicht effizient und somit störend empfunden und bekämpft werden.

Astrid Priebs-Tröger

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