• 12.10.2012
  • von Daniel Flügel

Ein Mann der Widersprüche Jonathan Steinberg stellt Bismarck-Biografie vor

von Daniel Flügel

Foto: Archiv

Wer heutzutage eine Biografie über Otto von Bismarck schreibt, hat es sicher nicht leicht, auf Anhieb die Neugier einer Leserschaft zu wecken. Denn das Leben dieses Mannes, der wie kaum ein anderer deutscher Politiker des 19. Jahrhunderts das Schicksal seines Landes bestimmt hat und zu den bis heute meist geachteten historischen Figuren Deutschlands zählt, ist bereits in einer Fülle von Biografien und zahlreichen Studien geradezu überreichlich beschrieben worden. Nicht von ungefähr also hat der amerikanische Historiker Jonathan Steinberg in seiner Biografie „Bismarck. Magier der Macht“ (Propyläen Verlag Berlin, 29,99 Euro) sich der Person Bismarcks anders angenähert als seine vielen Vorgänger. Am Sonntag stellt Steinberg seine Biografie in Potsdam vor.

Um Bismarcks Wesen der Macht zu erklären, die stets an den jeweiligen preußischen Monarchen gebunden blieb und sich allein in Bismarcks Persönlichkeit, seinem laut Steinberg „souveränen Selbst“ begründete, hat der Autor nicht nur Briefe oder auch die Memoiren Bismarcks als Quellen herangezogen. Vor allem sind es die oftmals privaten Aufzeichnungen all jener Menschen, die, ob Freund oder Feind, die „magnetische Anziehungskraft“ von Bismarcks Persönlichkeit aus der Nähe erfahren und ihre Eindrücke, sei es in Briefen oder als Tagebuchaufzeichnungen, festgehalten haben. Etliche Aussagen von Zeitgenossen also, die Steinberg in seinem über 700 Seiten starken Buch versammelt und wie Zeugenstimmen in seine mitunter romanhaft geschriebenen Ausführungen einmontiert hat. So wird Bismarcks Lebensweg zumeist aus der Sicht von Familienmitgliedern, persönlichen Freunden, jedoch auch politischen Gegnern erzählt und dabei zugleich eine Art Charakterstudie entworfen, welche die Persönlichkeit Bismarcks in ihren vielen Widersprüchen erfasst.

Immer deutlicher schält sich im Verlauf der Lektüre die Natur eines Menschen heraus, der einerseits zur Fresssucht, Hypochondrie und regelmäßig zu Wutausbrüchen neigte, andererseits aber auch ein überaus höflicher Gastgeber und Gesprächspartner mit Charme, Humor und Herzlichkeit sein konnte. Obwohl er als junger Mann nur kurz und höchst widerstrebend in einer Reserveeinheit gedient hatte, trug Bismarck später häufig Uniformen, und ebenso merkwürdig erscheint es, dass der Mann, der seine Kontrahenten allein durch sein Auftreten einschüchtern konnte, der keinen Widerspruch duldete, keine Kompromisse einging und für den nur der Sieg über einen Gegner zählte, plötzlich demonstrativ in Depressionen verfiel und sich infantil trotzig gebärdete, wenn er sich einmal gegenüber Wilhelm I. nicht durchsetzen konnte. Besonders auf dieses Verhältnis und zwischen Monarch und Kanzler legt Steinberg in seiner Darstellung großes Augenmerk. Bereits die Umstände, die dazu führten, dass Bismarck im September 1862 von Wilhelm I. im Schloss Babelsberg zum preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister ernannt wurde, werden vom Autor klar und ausführlich beschrieben. Auf die Außenpolitik selbst, aber etwa auch auf die Sozialgesetzgebung des „Eisernen Kanzlers“ geht Steinberg vergleichsweise wenig ein. Auch wenn es dem Historiker immer wieder gelingt, mit leichter Feder komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären und die notwendigen historischen Kontexte zu zeichnen, bleibt der Fokus in seinem Buch stets auf Bismarck und seine Zeitgenossen gerichtet, wodurch dem Leser auf lebendige Weise das um eine menschliche Komponente bereicherte Bild einer historischen Überfigur vermittelt wird.Daniel Flügel

Am Sonntag stellt Jonathan Steinberg „Bismarck. Magier der Macht“ um 11Uhr in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstraße 46/47, vor. Der Eintritt kostet 7, ermäßigt 5 Euro. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 280 41 03

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