• 12.10.2012
  • von Klaus Büstrin

Bachs Musik in ihrer Stimme

von Klaus Büstrin

Frei von aller Erdenschwere. Die Sopranistin Adele Stolte. Foto: Manfred Thomas

Adele Stolte feiert heute ihren 80. Geburtstag

Ein Sonntagvormittag: Im rbb-Kulturradio wird eine Bach-Kantate angekündigt mit Adele Stolte und dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Kurt Masur. Wie oft mag man wohl die Interpretation von „Jauchzet Gott in allen Landen“ durch die Potsdamer Sopranistin gehört haben? Ob live vor Jahrzehnten oder per Tonträger seit 1971, immer konnte und kann man sich eines musikalischen Festes von Rang erfreuen.

Die Sopranistin erfüllte ihren Solopart auch in dieser Kantate mit Bravour. Wie engelsgleich klang ihre glockenhelle Stimme. Frei von aller Erdenschwere sang sie beispielsweise das Halleluja. Es schien in die freie Luft zu entschweben, so leicht und filigran war ihre Tongebung. Nicht nur sichere Höhen waren zu hören, sondern auch leicht klingende Koloraturen und lange Bögen, darüber hinaus viel Innigkeit und im Endeffekt dann doch Schnörkellosigkeit. Adele Stolte wusste, was sie vortrug. Und so wurde ihr Singen stets ein großer Lobgesang Gottes.

Zum 80. Geburtstag am heutigen Freitag hat die Kirchengemeinde von St. Peter und Paul Berlin-Nikolskoe eine CD mit Ausschnitten von Aufnahmen der Sängerin von 1958 bis 1971 herausgebracht. Das Gotteshaus, das vor 175 Jahren einprägsam in die Berliner und Potsdamer Park- und Havellandschaft eingebunden wurde, gehört zu Adele Stoltes sakralen Lieblingsorten. Viele Erinnerungen verbindet sie mit der Kirche. Als junge Frau hat sie bereits hier solistisch gesungen, begleitet von ihrem späteren Mann, dem Kirchenmusiker Wolfram Iwer. 1961 wurde ihr Nikolskoer Musizieren durch den Bau der Mauer unterbrochen. Erst nach der Wende 1989 konnten sie dorthin wieder zurückkehren und so manche Gottesdienste und Vespermusiken mitgestalten.

Im Mittelpunkt der CD steht der große Leipziger Thomaskantor der Barockzeit, den man auch gern den „fünften Evangelisten“ nennt. Denn Adele Stolte hatte Bachs Musik im Sopran. Zahlreiche Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen sind beredte Dokumentationen von der Schönheit und Lauterkeit ihres Singens. Regelmäßig wurde sie für Aufführungen seiner Kantaten, Oratorien, Mess- und Passionsvertonungen verpflichtet, in der Leipziger Thomaskirche oder in der Dresdner Kreuzkirche, auf bedeutenden Konzertpodien in ganz Deutschland und im Ausland. Eingeladen wurde die Sängerin oftmals auch zu Konzerten nach Westdeutschland. Gern wäre sie dem Ruf des Öfteren gefolgt, hätten die DDR-Behörden ihr die Genehmigung zu Tourneen nicht hin und wieder verweigert. Man misstraute der Pfarrerstochter politisch. Aber sie kehrte immer wieder nach Potsdam zurück. Immer pflegte Adele Stolte ihre künstlerische Verbundenheit mit den Klangkörpern dieser Stadt, mit der Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche sowie mit dem Oratorienchor Potsdam intensiv. Sie gehörte neben dem Dirigenten Ud Joffe zur Gründungsinitiatorin des Neuen Kammerchors.

Man würde der Sopranistin, die zu den markanten deutschen Gesangspersönlichkeiten der 60er bis 80er Jahre gehörte – vor allem im Oratorienfach – nicht gerecht werden, wenn man ihr Wirken auf Bach reduziert. Adele Stolte hat die geistlichen Konzerte von Schütz, die Oratorien von Händel, Haydn, Mozart, Mendelssohn Bartholdy, Brahms, Honegger oder Helmut Barbe, die Lieder der großen und kleinen Meister immer mit ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit und ihrem Können musiziert. In vielen Konzerten, ob in Kirchen oder Konzertsälen, war auch ihr Mann Wolfram Iwer als sensibler Begleiter auf der Orgel und auf dem Klavier beteiligt.

Adele Stolte entdeckte aber auch ihre Liebe zum Unterrichten. An der Universität der Künste Berlin hat man sie zur Honorarprofessorin berufen. Mit großer Ernsthaftigkeit und Liebe hat sie bis vor sieben Jahren bei den Kirchenmusikstudenten die Grundlagen zum erfüllten Singen gelegt. Den stimmlichen Nachwuchs zu fördern, war und ist ihr auch heute noch ein großes Anliegen. Klaus Büstrin

Die CD mit Adele Stolte ist in der Kirche St. Peter und Paul Nikolskoe für 8 Euro erhältlich

  • Erschienen am 12.10.2012 auf Seite 27

Umfrage

Brandenburgs Wappentier war immer rot, im neuen Landtag hängt nun jedoch ein weißes Exemplar - auf Wunsch des Architekten. Sollte der weiße Adler nun durch einen roten ersetzt werden?