• 12.10.2012
  • von Klaus Büstrin

Erinnerungen eines Theaterintendanten

von Klaus Büstrin

Intendant für 20 Jahre. Gero Hammer im Gespräch. Foto: Claus Dobberke

Claus Dobberke stellt seine Videogespräche mit Gero Hammer vor

Man war weitgehend unter sich. Ehemalige Mitarbeiter und Stadtpolitiker, einstige Funktionäre und Stammbesucher des Hans Otto Theaters (HOT). So füllte sich der kleine Raum der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Dienstag zusehends. Man kam, um Gero Hammer zu lauschen. Eingeladen wurde zum vierten Abend einer Veranstaltungsreihe, in der die früheren Intendanten in einem umfangreichen Videoprojekt des Defa-Regisseurs und Kulturpolitikers Claus Dobberke näher vorgestellt werden und sich zu ihrer Arbeit am Hans Otto Theater befragen ließen. Äußerer Anlass der Reihe: Vor sechs Jahrzehnten wurde dem damaligen Brandenburgischen Landestheater, das in der Zimmerstraße in einer früheren Gaststätte provisorische Unterkunft fand, der Name des Schauspielers und aktiven Gegners der Nationalsozialisten Hans Otto verliehen. Vor gut zehn Jahren entstanden die Gesprächsaufzeichnungen Dobberkes mit Ilse Weintraud-Rodenberg, Gerhard Meyer, Peter Kupke sowie Gero Hammer.

Fast jeder der Besucher an diesem Abend unterstrich wohl im Stillen die Ausführungen des Ex-Intendanten. Die Augen glänzten. Und so mancher hätte mit seinen Erlebnissen die Runde beleben können. Sicherlich auch die langjährige Chefdramaturgin Irmgard Mickisch, die als Gesprächspartnerin angekündigt war. Sie aber schwieg beharrlich, verzog keine Miene zu Hammers Auslassungen.

Der immer noch rhetorisch gewandte Gero Hammer, mittlerweile 79 Jahre alt, erzählte dem Interviewer Dobberke geradeheraus, was ihn zu seiner Potsdamer Zeit so einfiel. Und das war nicht wenig. Gero Hammer war von all seinen Kollegen am längsten Chef des Theaters. 20 Jahre lang von 1971 an. Nach Potsdam zog es ihn, weil ein neuer Theaterbau in Sicht war. Aber der VIII. Parteitag der SED 1971 vereitelte die Hoffnung auf einen Theaterneubau für die Bezirkshauptstadt. Das Wohnungsbauprogramm hatte Vorrang. Nun mussten Hammer, die Künstler, die Mitarbeiter und das Publikum mit dem Provisorium Zimmerstraße weiterhin vorlieb nehmen. Bis 1992. Auch der Ende der 80er Jahre auf den Weg gebrachte Neubau auf dem Alten Markt sank nach der politischen Wende dahin. Aber da war Hammer in Potsdam schon nicht mehr Theaterchef, man hatte ihn aus seinem Amt hinaus komplimentiert. Er wurde Intendant des Nordharzer Städtebund-Theaters.

„Meine Intendanten-Zeit in Potsdam begann mit Bauen in der Zimmerstraße. Schließlich mussten wir noch viele Jahre dort zubringen“, sagte Hammer. Es musste ein angemessener Garderobentrakt her, der Hof neu gepflastert werden, die Kneipe ein einladendes Gesicht erhalten. Vieles war in einem jämmerlichen Zustand. Aber trotz unzureichender äußerer Theaterzustände gehörte das Hans Otto Theater zu den führenden Häusern der DDR. Auch dank Hammer. Mit Peter Brähmigs Mozartopern-Zyklus im Schlosstheater im Neuen Palais konnte man international Furore machen. Über die Stücke und Inszenierungen des südamerikanischen Autors Alonso Alegria (u.a. „Der weiße Anzug“), über „Wolokolamsker Chaussee“ von Heiner Müller oder „Tinka“ von Volker Braun, über „Die Preußen kommen“ von Claus Hammel oder „Morgen war Krieg“ von Michail Schatrow sprach man nicht nur in Potsdam, sondern im ganzen Land.

Die Zuschauer saugten das Gesellschaftskritische zwischen den Zeilen aufmerksam auf. Gero Hammer, der den Spielplan der SED-Bezirksleitung zur Genehmigung vorlegen musste, war politisch ein Lavierer. Manchmal scharwänzelte er vor den Spitzen der Gesellschaft. Anderes blieb ihm wohl kaum möglich, wenn er weiterhin sein spannendes Theaterprogramm durchsetzen wollte. „Ich habe mit den Funktionären vereinbart, dass es zu keiner Zuspitzung kommt. Unser Spielplan sollte konsensfähig bleiben.“ Dann kam aber 1989 die Satire „Der Revisor oder Katze aus dem Sack“ von Jürgen Groß nach Gogol heraus. Die drei Aufführungen des mit deftigen kritischen Anmerkungen von DDR-„Unarten“ nur so gespickten Stücks erregten den Unmut des 1. Bezirkssekretärs Günter Jahn: „Du bist die längste Zeit Intendant gewesen“. In Potsdam auf alle Fälle.

Die Wende kam. Gero Hammer wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei Stasi-Spitzel gewesen. Danach fragte Dobberke an diesem Abend nicht. Doch über den Schauspieler und Schriftsteller Ralf-Günter Krolkiewicz, der in den 90er Jahren Intendant des Potsdamer Theaters wurde, kam man ins Reden. Er geriet ins Visier der Stasi, weil er nach ihrer Ansicht konterrevolutionäre Gedichte schrieb. Er wurde 1984 nach einer Märchenvorstellung inhaftiert und ein Jahr später nach Westdeutschland abgeschoben. Gero Hammer berichtete, dass er sich für die Freilassung seines Kollegen einsetzte. Jedenfalls untermauerte er seine Empörung über seine ungerechte Verurteilung mit derben Worten. Ralf-Günter Krolkiewicz, der vor vier Jahren starb, wird der Video-Protagonist der nächsten Veranstaltung sein. Klaus Büstrin

  • Erschienen am 12.10.2012 auf Seite 27

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