• 11.10.2012
  • von Linda Huke

Die Lust an Farben und verschlüsselten Botschaften

von Linda Huke

Zwei Frauen, zwei Bildsprachen. Bilder von Gertrud Klug (l.) und Eleonore Schönrock in der Ausstellung „gemalt & gebaut“ im Kulturhaus Babelsberg. Fotos (2): Andreas Klaer

Die Malerei von Gertrud Klug und Eleonore Schönrock in der Ausstellung „gemalt & gebaut“

Und plötzlich gerät man in einen Strudel aus dunklem Braun, grauem Lila, Honiggelb und Türkisgrau. Und vor allem: aus saftigem Grün. Alle diese Farben fließen auf einen zentralen Punkt im Bild hin, an dem hellblaue und weiße Akzente aufleuchten. Fast schwindlig wird einem von diesen intensiven Farbeindrücken. Ein Gefühl, als ob man im Frühlingswald in die Baumwipfel schaut und der blaue Himmel zwischen den frisch geschlüpften, hellgrünen Blättern aufblitzt.

Auf fast allen Bildern von Gertrud Klug, die derzeit in der Ausstellung „gemalt & gebaut – Experimentelle Malerei und Grafik“ im Kulturhaus Babelsberg zu sehen sind, ist die Farbe Grün sehr präsent. Immer haftet den abstrakten Werken etwas Florales, Urwaldartiges an. Es sind die expressive Malweise und die Experimente mit verschiedensten Farbnuancen, die einen an die ungezähmte Kraft der Pflanzenwelt denken lassen.

„Ich sehne mich nach Farben! Ich habe richtige Lust, mit ihnen zu hantieren!“, sagt die Künstlerin. Dabei lässt sie sich von der bunten Vielfalt der Pflanzen in ihrem Garten inspirieren. „Und das da ist das Bus-Bild“ sagt Gertrud Klug und deutet auf ein weiteres ihrer Werke, bei dem ausnahmsweise das nackte, weiße Papier hinter den Farbschichten zu sehen ist. „Ich habe es in zehn Minuten fertig gemalt, weil ich den letzten Bus kriegen musste“, sagt die Künstlerin und lacht. „Warum er das aufgehängt hat, verstehe ich ja nicht so ganz.“

Mit „er“ ist der in Potsdam bekannte Künstler Bernd Krenkel gemeint, der den Kurs für Experimentelle Malerei an der Kunstschule Potsdam leitet, in dem Gertrud Klug seit einigen Jahren mit ihrer kraftvollen Malweise experimentiert. Arbeiten aus diesem Kurs hat Krenkel für die Ausstellung „gemalt & gebaut“ zusammengestellt. Gertrud Klug räumte er dabei besonders viel Platz ein – weil sie sich künstlerisch in den letzten Jahren stark weiter entwickelt hat, wie er sagt.

Die Fähigkeit, derart kraftvolle und ausdrucksstarke Bilder zu malen, würde nicht jeder einer 78-Jährigen zutrauen. Doch wer Gertrud Klug kennenlernt, vergisst schnell alle Vorurteile gegenüber den älteren Generationen. Mit Elan und Freude spricht sie unverblümt über ihre Kunst, die ihr so viel bedeutet: „In meinem Alter werden die Augen, die Ohren, der Körper immer schwächer und schlechter. Da ist es toll, ein Gebiet zu haben, auf dem man sich noch weiter entwickelt, auf dem man noch richtig was lernen kann!“

Meist arbeitet Klug mehrere Wochen an einem Bild. Hoch konzentriert malt und spachtelt sie mehrere Farbschichten übereinander, bis sie die richtige Kombination gefunden hat. Sollte das so gar nicht gelingen, hält sie ihre Arbeit auch gerne mal unter den Wasserhahn, um die schon aufgetragenen Farben wieder verblassen zu lassen. So experimentiert sie mit ungewöhnlichen Farbkombinationen und -anordnungen, die sie aus ihrem Garten schöpft und macht so ruhiges Dunkelblau neben gedecktem Gelb zum Hingucker, während Orangerot sich diagonal übers Bild zieht und Bewegung ins Bild bringt.

Ganz anders wirkt die Malerei Eleonore Schönrocks, die ebenfalls eine zentrale Rolle in der aktuellen Ausstellung einnimmt. Ihre Bilder sind ungleich feiner und bedachter als die Gertrud Klugs. Schönrock arbeitet vor allem mit braunen Aschepigmenten, die beim Verbrennen von Kohle entstehen, und mit rostrotem Ziegelmehl. Sie liebe das Erdige und Warme, erklärt die praktizierende Ärztin. Mit filigranen Kämmen kratzt sie grafische Muster in die noch feuchte Bildoberfläche, verschlüsselt Botschaften mit fremdartigen Schriftzeichen und bindet diese für jedermann unlesbar in ihre Kompositionen mit ein. Auf einem Bild trennte sie die Bildoberfläche in zwei Hälften und gab jeder ihren eigenen Erdton. Ein dünner, schwarzer Pinselstrich grenzt beide Hälften voneinander ab. Im ganzen Bild findet man diesen Pinselstrich wieder, überall hinterlässt er eine rätselhafte Spur. „Warum dieser Strich, warum an dieser Stelle, warum in dieser Form?“, sind die Fragen, die einem in Anbetracht von Schönrocks grafischen Kompositionen immer wieder in den Kopf kommen. Wer diese Kunst verstehen will, muss einen anderen Zugang suchen, als das bloße „Schön finden“ von Malerei. „Ich male für mich und nicht für Ausstellungen“, sagt Eleonore Schönrock. „Das Bild muss für mich eine Harmonie, ein Gefühl sein, andere erkennen das manchmal nicht.“ Ihre Liebe zu Nordafrika bringt sie mit in die Bilder. So erinnern die erdigen Farben an das schmutzige Graubraun der Betonkästen arabischer Großstädte. Auch hausähnliche Strukturen lassen sich mit viel Fantasie in den Bildern wiederfinden. Wenn man möchte. Aber so ist das mit nicht gegenständlicher Kunst: sie sagt jedem etwas anderes. Und dass sie etwas sagt, einen Eindruck, eine Stimmung hinterlässt, ist die eigentliche Leistung - die Schönrock zweifelsohne gelingt. Linda Huke

Noch heute, 10-20 Uhr im Kulturhaus Babelsberg, Karl-Liebknecht-Straße 135

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