• 10.10.2012

„Wir wollen Perfektionismus bei jedem Bild“

Foto: h.f.ullmann

Fotograf Achim Bednorz und Herausgeber Ralf Toman über Bildermachen als dienende Aufgabe, Tage vor dem Computer und ihr Bekenntnis zur Buchkunst

Herr Bednorz, Herr Toman, wer „Gotik“ oder „Barock“, die im Potsdamer Ullmann-Verlag erschienen sind, zur Hand nimmt und nur kurz in diesen Büchern blättert, wird sehr schnell merken, dass hier die Bilder nicht einfach nur Bilder sind.

Achim Bednorz: Ja, sehen Sie einfach nur das Cover von „Gotik“. Ich hatte die Oberkirche der Sainte-Chapelle in Paris schon einmal für das Buch fotografiert. Dann sagte der Verlag, dass er diesen Raumausschnitt für das Cover haben möchte. Ich bin dann noch einmal nach Frankreich gefahren. Denn damit eine solche Fotomontage in dieser Qualität funktioniert, reichen nicht zwei Aufnahmen. Bei diesem Bild brauchte ich insgesamt neun. Das dauert dann aber noch Stunden, ehe das zusammenpasst. Allein dass die Fenster so differenziert sichtbar werden, dass alle Farben deutlich zu erkennen sind und die Streben zwischen den Scheiben, also das Maßwerk nicht in einem konturlosen Schwarz verschwimmen, das muss mittels mehrerer Ebenen kombiniert werden.

Im Grunde komponieren Sie aus mehreren Aufnahmen ein Bild. Wie muss man sich das vorstellen?

Bednorz: Ich mache von einem Raum mehrere Aufnahmen zu unterschiedlichen Tageszeiten mit unterschiedlichen Belichtungszeiten. Die werden dann am Computer so zu einem Bild zusammengefügt, dass jedes Detail sichtbar wird, jede Ecke ausgeleuchtet ist. Das ist das Arbeitsintensivste an diesem Prozess.  

 

Also ist es der technische Aufwand, der bei vielen Bildern in „Gotik“ und „Barock“ dazu führt, dass der Betrachter das Gefühl hat, er betritt einen Raum?

Bendorz: Ich wollte als Fotograf immer perfekte Bilder machen. Und als ich die ersten Aufträge bekam, Kunstgeschichte durch meine Fotografien zu zeigen, war da immer der Anspruch, alles so naturgetreu wie nur möglich zu zeigen. Sonnenuntergänge oder farbliche Veränderungen haben bei mir nichts zu suchen.

Weil das ablenkt?

Rolf Toman: Wir wollen ja keine Stimmungsbilder erzeugen. Wir verstehen das Bildermachen als eine dienende Aufgabe. Wir halten uns zurück, tun aber als Handwerker unser Bestes, um das Kunstobjekt oder die Architektur so zu inszenieren, dass im Ergebnis die ursprüngliche Idee mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Verändern Sie dafür auch die Aufnahmen?

Toman:  Natürlich restaurieren wir mittels Bildbearbeitung nicht das gezeigte Gebäude oder die Räume. Derartiges kommt bei uns nicht vor. Wenn da aber ein Schild davorsteht oder ein Papierkorb, die da achtlos hingestellt wurden, die räumen wir weg. Das war niemals so gedacht.

Aber das allein macht diese Bilder doch nicht so einzigartig?

Bednorz: Seit 2003 arbeite ich mit digitaler Technik. Das eröffnet ganz andere Möglichkeiten in meiner Arbeitsweise, noch stärker ins Detail zu gehen, alles noch deutlicher darzustellen.

Toman: Aber deine Bilder waren schon davor von besonderer Qualität.

Wie entsteht ein solches Bild für die Bücher?

Toman: Der Achim läuft die Räume ja regelrecht ab. Er tigert von einer Stelle zur anderen und guckt und guckt.

Sie entdecken diese Räume für sich?

Bednorz:  Ja, aber durch meine langjährige Erfahrung habe ich im Grunde auch schon eine Idee, wie das aussehen soll.

Toman:  Aber da hast du dich auch sehr weiterentwickelt, weil du mittlerweile ganz keck deine eigenen Raumansichten entwickelst. Früher hast du mich immer um Kopien von anderen Aufnahmen gebeten, weil da ja schon mal einer fotografiert und vielleicht schon den besten Standort gefunden hat. Jetzt entstehen mit den Aufnahmen ganz andere, ganz neue Sichtweisen.

Welcher Aufwand steckt allein in einem dieser Bildbände?

Bednorz: Ich habe beim Verlag für die beiden Bände 1700 bearbeitete Bilder abgeliefert. Jede dieser Bearbeitungen kostet sehr viel Zeit und ich schaffe oft pro Tag nicht mehr als fünf solcher Bearbeitungen. Allein das Cover von „Gotik“ hat mich zwei Tage gekostet. Um diese ganzen Aufnahmen zu machen, bin ich drei Jahre lang unterwegs gewesen. Wobei diese Reisen natürlich so koordiniert wurden, dass ich gleich auch weitere Aufnahmen für die Folgebände machen konnte.

Toman:  Über 600 Bilder finden sich jeweils in einem Band. Zwischen 70 und 90 Prozent davon hat Achim Bednorz aufgenommen.

Wie schon bei „Ars Sacra“ liegt auch bei den beiden großformatigen Bänden „Gotik“ und „Barock“ das Hauptaugenmerk auf der Wirkungskraft und Faszination des Bildes?

Toman: Die bessere Wahrnehmung läuft hier natürlich erst einmal über das Bild. Denn wir Menschen fühlen uns zuerst einmal visuell angesprochen. Dann kommt die ganze Haptik dieser Bücher dazu. Das große Format, die sehr gute Qualität der Bilder, diese ganze aufwendige Art und Weise, ein Buch zu gestalten. Das alles vermittelt durch diese optische Seite einen wertvollen Charakter. Wenn wir daneben schlampige oder nur schwer zu lesende Texte stellen würden, wäre dieser Bonus sofort verschenkt. Was „Ars Sacra“ und jetzt auch „Gotik“ und „Barock“ so besonders macht, ist die Einheit der optischen und inhaltlichen Elemente.

Ein klares Bekenntnis Ihrerseits nicht einfach nur zum Buch, sondern zur Buchkunst?

Bednorz: Auf jeden Fall. Wir dokumentieren die Kunstgeschichte mit kunstvollen Bildern.

Toman:  Mit der Veröffentlichung von „Ars Sacra“ vor zwei Jahren, wo wir die christliche Kunst und Architektur des Abendlandes von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigen, ist uns klar, dass wir hinter diese Qualität nicht mehr zurücktreten können. Und der damit verbundene Perfektionismus bei jedem Bild macht es einem nicht selten auch sehr schwer.

Sie meinen vom technischen Aufwand her schwer?

Toman: Nein, es geht auch um die unendliche Mühsal, die Genehmigungen für solche Aufnahmen in bestimmten Räumen zu bekommen. Gelegentlich bekommen wir auch Absagen. Das ist ein Kampf um jedes Bild.

Sie sagen, dass in Ihren Büchern die optischen und inhaltlichen Elemente eine Einheit bilden. Oft sind aber die erklärenden Texte in solchen Bildbänden ermüdend zu lesen. Ist es eigentlich schwer, Kunsthistoriker zu finden, die kurz und verständlich über die komplexen Themen schreiben können?

Toman: Das war in den 90er Jahren schwerer als heute. Das liegt auch daran, dass in den vergangenen 15 Jahren immer mehr Kunsthistoriker den Mut hatten, Bücher für eine größere Öffentlichkeit und nicht allein für ein Fachpublikum zu schreiben.

Könnten hochqualitative Bildbände wie jetzt „Gotik“ und „Barock“ den Besuch bestimmter Bauwerke überflüssig werden lassen?

Benorz: Das würden wir nie behaupten und auch nicht wollen. Aber wenn Sie in Paris die Kathedrale Notre-Dame besuchen und Hunderte von Menschen stehen und gehen da neben Ihnen, dann kann man ein solches Foto natürlich mit gewisser Ruhe genießen und viel mehr Details entdecken. Aber der Betrachter sieht ja auf dem Bild nicht etwas völlig anderes. Hier sind nur die Kontraste angeglichen, weil der Sensor in der Kamera ja anders sieht als das menschliche Auge.

Toman:  Und manches Detail wird durch die Fotografie herangeholt, das sonst dem menschlichen Auge verborgen bleiben würde.

Aber die Bibliothek der Kunstepochen bietet eine neue, in dieser Form noch nicht dagewesene Art, Kunst zu erleben?

Toman: Auf jeden Fall. Neben „Jugendstil“ ist auch ein Band über die „Romanik“ jetzt in Arbeit. Für diesen Band hat Achim Bednorz zahlreiche Kapitelle fotografiert. Und erst durch diese Aufnahme sind die Kapitelle für mich richtig interessant geworden. In den Kirchen selbst läuft man ja allzu oft an den Kapitellen vorbei. Aber da gibt es noch so viel zu entdecken.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Der Kölner Fotograf Achim Bednorz arbeitet seit über 20 Jahren zu kunsthistorischen Themen.

Er hat sich vor allem als Spezialist für Sakralräume einen Namen gemacht.

 

Rolf Toman arbeitet seit 1992 als freier Herausgeber für verschiedene international wirkende Verlagshäuser. Kunstgeschichtliche Epochenbände bilden das Zentrum seiner Arbeit.

 

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