• 09.10.2012
  • von Linda Huke

Wenn die Zeit stehen bleibt

von Linda Huke

Auf einmal sind alle Menschen weg. In ihrem Roman „Vakuum“ lässt Antje Wagner fünf Jugendliche in einer Welt aufwachen, in der sie die einzigen Menschen sind. Foto: Archiv

In ihrem neuen Roman „Vakuum“ setzt Antje Wagner fünf Jugendliche Extremsituationen aus

Hannes mit dem schönen Gesicht schläft nicht mehr. Um die Albträume nicht träumen zu müssen, die ihn seit jenem Abend vor drei Monaten gnadenlos heimsuchen, hält er sich jede Nacht mit der Fernsehserie „Lost“ wach. Dafür nickt er in der Schule immer wieder ein – und am Wochenende schläft er vor Erschöpfung den ganzen Tag. Holger, dem selbstgerechten Freund seiner Mutter, fällt nichts Besseres ein, als Hannes dafür als „faulen Sack“ zu bezeichnen und ihn regelmäßig mit seinem Schlachtruf „Tagsüber schlafen nur Bekloppte und Frauen!“ wieder aufzuwecken.

In einer heilen Welt leben die Jugendlichen in Antje Wagners preisgekrönten Büchern selten – und so müssen sie auch in „Vakuum“, Wagners jüngstem Jugendbuch, lernen, mit traumatisierenden Erlebnissen umzugehen.

Hannes kann sich nicht vorstellen, dass sein Leben jemals wieder normal wird. Er verkriecht sich immer mehr in seiner Isolation und zieht sich selbst vor seiner besten Freundin Emma zurück. Er will seine Ruhe haben, will allein sein. Und dann, am 17. August um 15.07 Uhr, ist er auf einmal wirklich ganz allein. Nach einem beunruhigend realen Traum wacht er auf – und bemerkt nach kurzer Zeit das Fehlen der Kinderschreie im Hinterhof, die Abwesenheit von Radiogeplärre und von Vogelgezwitscher. Selbst von der Straße ist kein Autogehupe, kein Verkehrsrauschen zu hören. Der ewig spielende Saxophon-Mann von nebenan ist verstummt. Es ist absolut still. Als er auf die Straße tritt, ist niemand mehr da. Er wandert durchs verlassene Viertel, durch die aufgegebenen Läden und es wird ihm langsam klar: Die Welt ist menschenleer.

Sie ist es aber nicht ganz. Genau diese Situation erleben an jenem Tag um 15.07 Uhr noch vier andere Jugendliche. Jeder einzelne von ihnen hütet ein dunkles Geheimnis. Jeder für sich hat Dinge erlebt, die schrecklich waren, über die er kaum sprechen kann, und die immer noch nachwirken. Deshalb muss Kora zwei Jahre lang in der Jugendvollzugsanstalt einsitzen. Deshalb konnte Tamara diesen Sommer nicht mit auf die Planwagentour. Deshalb ist auch das Verhältnis zwischen den Geschwistern Alissa und Leon so gestört: Leon legt sich ununterbrochen ins Zeug, um seiner großen Schwester alles recht zu machen. Sie aber hält ihn mit ihrer gefühlskalten Art auf Abstand.

Was die Jugendlichen erlebten? Das hebt sich Antje Wagner bis zum Ende des Buchs auf – und macht den Leser damit fast rasend. So erhält sie die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht. „Vakuum“ möchte man um jeden Preis zu Ende lesen.

Alissa, Hannes, Leon, Tamara und Kora machen sich auf eine Schnitzeljagd durch halb Deutschland, um herauszufinden, was es auf sich hat mit dieser leeren Welt. Rätselhafte Botschaften auf orangefarbenem Papier führen sie zueinander und geleiten sie an immer neue Orte – der Verfasser der Briefe scheint immer zu wissen, wo sie sich befinden und was sie im nächsten Moment tun werden. Sie schlafen in Luxushotels, nehmen sich in den offenen Läden, was sie brauchen und planen schon Ausstellungen, die sie mit den verrückten Fotos der menschenleeren Städte machen können. Und doch macht ihnen ihre Situation Angst. Überall lauert ein gefährlicher Nebel, der ihnen nach dem Leben trachtet und dem sie immer wieder nur knapp entkommen können. Und schließlich merken sie, dass nicht ihre Armbanduhren alle gleichzeitig den Geist aufgegeben haben, sondern die gesamte Zeit stillsteht. Die Nacht bricht nicht herein. Die Sonne brennt ununterbrochen.

In ihrem Roman verwebt die in Potsdam lebende Schriftstellerin Antje Wagner, die in der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu den besten jungen deutschsprachigen Schriftsteller von heute gezählt wird, mehrere Träume, die wahrscheinlich viele schon einmal geträumt haben: Wie wäre es, ganz alleine auf der Welt zu sein? Was, wenn die Zeit stillsteht? Wie gehe ich damit um, wenn plötzlich jemand stirbt, der mir nahe steht? Oder ich unheilbar krank werde? Angesichts solcher schweren Themen scheint es gar nicht abwegig, dass Wagner sich in „Vakuum“ regelrechte Horrorszenen ausdachte, bei denen die Jugendlichen blutig geschlagen, fast erwürgt oder eingesperrt werden. Angst wird beim Lesen des Jugendbuchs äußerst spürbar. Dass die Autorin ihre Charaktere so authentisch und klug entwickelte, macht die Horrorelemente nicht verdaulicher.

Wohl aber der Science-Fiction-Charakter des Buchs: Da öffnen sich plötzlich schwarze Schlünde, riesige Stahlkuppeln fallen vom Himmel und Körper entstehen aus Nebel. Aber das ist ja alles nicht echt. Trotzdem lässt es einen manchmal aufseufzen, wenn die nächste große Katastrophe naht. Ein Paukenschlag folgt auf den nächsten. Das macht müde, wie ein zu lautes Konzert.

Obwohl sich die fünf Jugendlichen vorher nicht kannten, haben sie das Gefühl, dass sie sich schon einmal irgendwo begegnet sind und vertrauen sich blind. Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, denn weder in den Notrufzentralen hebt jemand ab, noch können sie zu ihren Freunden und Verwandten Kontakt aufnehmen.

Echt ist echt, auch wenn man es sich nur ausdenkt – und daraus kann man für sein wirkliches Leben schöpfen. Das vermittelt Antje Wagner in „Vakuum“. Dass das Buch Jugendlichen gefällt, ist wahrscheinlich. Die Sprache der jungen Helden klingt zwar teilweise etwas hölzern und gewollt – wie immer, wenn Erwachsene sich aus ihrem Baukasten von „jugendlichen Audrücken“ bedienen. Aber auf eine atemberaubend spannende Kopfreise nimmt dieses Buch „Vakuum“ nicht nur an verregneten Herbsttagen den Leser gefangen.

Antje Wagner: Vakuum, Bloomsbury 2012, 304 Seiten, 14,99 Euro

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