• 06.10.2012
  • von Oliver Dietrich

Mischung aus Kraftwerk und Reinhard Mey Hand in Hand, Dota Kehr und Strom&Wasser

von Oliver Dietrich

War auch mit dabei. Dota Kehr, bekannt als „Kleingeldprinzessin“. Foto: pr

Vielleicht hätte man den Abend ein bisschen besser koordinieren können: Ein Flüchtlingstrupp auf dem Weg nach Berlin trifft auf seinem Protestmarsch im Potsdamer „Freiland“ ein, und gleichzeitig spielt auf der anderen Havelseite in der „fabrik“ Heinz Ratz mit seinem Projekt Strom&Wasser, der dafür bekannt wurde, seine Gastmusiker als „The Refugees“ aus Flüchtlingslagern zu rekrutieren, was ihm nicht nur eine grenzüberschreitende Bekanntheit einbrachte, sondern demnächst die Integrationsmedaille der Bundesregierung. „Mein erster Gedanke war, diese Medaille abzulehnen – verliehen von einer Regierung, die für das ganze Desaster verantwortlich ist.“ Doch Ratz will diese Ehrung instrumentalisieren: „Falls sich nichts tut, werde ich die Medaille zurückgeben und heimlich eine CD mit dem CDU-Tango da lassen“, so Ratz.

So unterschiedlich auch das Programm am Donnerstag zusammengestellt wurde, es passte letztlich alles und war weit entfernt von der Betroffenheitsromantik herkömmlicher Liedermacher. So kochte das Auftakt-Duo Hand in Hand, ein Zusammenschluss zweier Musikerinnen aus Potsdam und Dresden, eine jazzig-coole Easy-Listening-Suppe, die es mit augenzwinkernden Texten zu einem ansteckenden Straßenswing servierte. Dazu braucht es nicht mehr als ein antik anmutendes Monster von Elektroorgel, berauschend-rieselnde Percussion und erfrischenden Duettgesang. Toll.

Dota Kehr, die als „Kleingeldprinzessin“ dieses Jahr zum Potsdamer Stammgast avancierte und mit ihrer Gitarre verwachsen zu sein scheint, zeigte sich wieder als Meisterin bildgewaltiger, melancholischer Metaphern der Vergänglichkeit. Wirkt Dota ohne ihre Band „Stadtpiraten“ sowieso fragiler, so berührt sie solo einfach durch den kleinen Hauch vorwurfsvoller Tragik, der in ihrer doppelbödigen Lyrik verankert ist. Sie hat viel zu sagen und wird dadurch politischer, als sie selbst es vielleicht beabsichtigt. „Vielleicht ist traurig und beängstigend auch kein abendfüllendes Konzept“, meinte sie – nein, Dur steht ihr auch ganz gut, besonders wenn sie mit einmaliger, leichter Dissonanz ihrer Stimme zu simulierter Spontanität aufruft.

Strom&Wasser schließlich hatten die Gitarre gar nicht erst nötig. Heinz Ratz hängt sich einfach den Bass um und lässt sich von Keyboard, Querflöte und Schlagzeug begleiten. Das reicht völlig; Ratz ist mehr als ein Liedermacher, er ist Entertainer, Satiriker, Politiker, Englischlehrer, Karikatur seiner selbst und überpräsente Hauptfigur des ganzen Abends. Was dabei herauskam, war ein tanzwütiges Konglomerat aus Weltmusik: Balladen, Jazz, Ska, Tango und Balkanpunk. „Eine Mischung aus Kraftwerk und Reinhard Mey“, wie er selbst einen Song ankündigt, dazu die markant-raue Stimme Ratz‘, die nicht von ungefähr an Tom Waits erinnern dürfte. Und er hat etwas zu sagen: Seine eingestreuten Schwänke und Geschichten passen ganz im Sinne eines alten Hans Söllner perfekt zum Programm, besonders wenn er von den Renazifizierungsversuchen seines Nazi-Vaters erzählt – Ratz kennt alle Schlachtschiffe der Reichsmarine mit Namen, da er als Kind deren Bausätze zusammenkleben musste. Dafür brannten die danach aber recht gut. Und so ist der Pazifismus und die Verständigung das Hauptsujet von Strom&Wasser, und das funktioniert nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern als vorgelebter Kategorischer Imperativ. Dass man dazu nicht bierernst rüberkommen muss, beweist der zynische Schelm Heinz Ratz dabei auch gleich selbst. Ein nachdenklicher Abend, der aber auch mit Tanzen und Lachen erfüllt war. Oliver Dietrich

  • Erschienen am 06.10.2012 auf Seite 02

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