• 06.10.2012
  • von Richard Rabensaat

Friedrich – längst nicht ausgedeutet

von Richard Rabensaat

Alles nur Flachware? So zumindest bezeichnet Bernd Sösemann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft zur preußischen Geschichte, das, was in der Jubiläumsausstellung im Neuen Palais zu sehen ist. Und den Titel „Friederisiko“ findet er auch nur albern. Foto: Bernd Settnik/dpa

Kontroverse Diskussion in der Urania über den bekannten Preußenkönig

Cay Friemuth möchte in seiner weiteren Forschungsarbeit das erotische China entdecken. „Friedrich der Große und China“ (Wehrhahn Verlag, 16 Euro) hat den Wissenschaftler in einer jüngst erschienenen Veröffentlichung beschäftigt. Die von viel Projektion und Fantasie geprägten Beziehungen des alten Preußen zu China seien noch längst nicht vollständig erfasst. Deshalb möchte Friemuth das Thema vertiefen. „Auf dem Dach des chinesischen Pavillons in Sanssoucci sitzt eine Zwitterfigur“, sagte Friemuth. Ein kräftiger Herr mit Bart und zwei Frauenbrüsten halte einen goldenen Schirm und veranschauliche das sonderbare Chinabild, das zur Zeit Friedrichs in Preußen geherrscht habe. Der Bart weise die Figur als chinesischen Philosophen Konfuzius aus, die Frauenbrüste symbolisierten Erotik. Weil Friedrich die erotisch aufgeladene Atmosphäre des chinesischen Pavillons selber nicht ganz geheuer gewesen sei, habe er diesen hinter hohen Hecken versteckt.

Den „Philosoph auf dem Thron“, der zeitlebens von seinem eher problematischen Sexualleben gebeutelt wurde, beleuchten auch die anderen Teilnehmer einer Diskussion über neueste Veröffentlichungen zu Friedrich II. am Donnerstag in der Urania in Potsdam. Auf die Frage der Moderatorin Brunhilde Wehinger hin, ob denn nicht schon alles über Friedrich geschrieben worden sei, winken die Diskutanten vehement ab. Zwar sei ein Tsunami von Veröffentlichungen zu Friedrich anlässlich des 300-jährigen Jubiläums erschienen, aber es sei noch lange nicht alles erforscht und ins recht Licht gerückt.

„Es ist ein Skandal“, ereiferte sich Bernd Sösemann. „Erst dieser alberne Titel und dann die Flachware an der Wand“, polterte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft zur preußischen Geschichte weiter. Bei der Ausstellung „Friederisiko“ gefällt dem Wissenschaftler weder die Form noch der Inhalt. „Flachware“ seien für ihn die erklärenden Texte, denn vollständig vernachlässigt werde die Verwurzelung des Herrschers im Denken der Aufklärung. Kaum ein König sei so sehr für politische Propaganda missbraucht worden wie der Preuße. Auch die Ausstellung im Neuen Palais interpretiere Friedrich mit Kanonenkugel und militärischem Gerät erneut als Militarist.

Dass der Herrscher auch andere Seiten hatte, zeigt die zweibändige Veröffentlichung „Friedrich der Große in Europa“ (Franz Steiner Verlag, 79 Euro) von Sösemann. 48 Wissenschaftler aus sieben Staaten beleuchten die Rolle Friedrichs in Europa und die Auswirkungen seiner Politik. Trotz der Kriege, die der Herrscher nur mit Mühe überlebt und mit viel Glück zu seinem Vorteil gewendet habe, sei es grundfalsch, ihn auf seine hegemonialen Machtgelüste zu reduzieren, so Sösemann.

Denn Friedrich II. hatte auch andere Seiten. Er war Philosoph. Seine Freundschaft zu Voltaire währte 42 Jahre und war von etlichen Wechselfällen und Hunderten von Briefen begleitet. Nicht nur auf philosophischem, auch auf musikalischem Gebiet wetteiferten die beiden frühen europäischen Intellektuellen.

Den schöngeistigen Herrscher beleuchtet die Wissenschaftlerin und Autorin Babette Kaiserkern in ihrem Aufsatz „Spiegelungen – Friedrich II., Montezuma und Voltaire“. Zu wenigstens sechs, möglicherweise sogar acht Opern verfasste Friedrich Libretti und inhaltliche Vorlagen. Im Libretto von „Montezuma“ halte der Preuße dem Franzosen den „dunklen Spiegel“ zu dessen Tragödie „Alzire“ vor, so Babette Kaiserkern. Voltaire findet in seiner Tragödie letztlich ein versöhnliches Ende für eine dramatisch gescheiterte Liebe. Der sterbende Gewaltherrscher verzeiht seinem heidnischen, aber idealistisch gesinnten Mörder. Friedrich hingegen kennt keine Gnade. Was allerdings auch den historischen Ereignissen entspricht, die der Oper „Montezuma“ zugrunde lagen. Der „edle Indianer“ Montezuma stirbt von der Hand des Eroberers Cortes. Auch seine Geliebte Eupaforice beendet ihr Leben von eigener Hand. Friedrich II. und der Franzose hatten sich vor dem Abfassen des Libretto zerstritten, nicht zuletzt, weil sich der Herrscher nach anfänglichen Achtungsbekundungen für den Denker zu einigen Unhöflichkeiten hinreißen ließ.

„Mit der Oper wollte Friedrich auch sein politisches Programm legitimieren“, sagte Babette Kaiserkern. Als der Text zur Oper 1755 entstand, hatte das gebeutelte Preußen bereits zwei Kriege überstanden, der Siebenjährige Krieg stand bevor. Friedrich, von der Sucht nach Ruhm getrieben und als Soldat auch persönlich ausgesprochen opferbereit, intonierte seine von Schlachtengemetzeln, Vaterkonflikt und Philosophenstreit geprägte, negative Weltsicht.

Das Gegengewicht zur Dystopie des Montezuma Libretto fand der König in einem imaginierten Chinabild, in dem er Eros und Vernunft vereint wähnte und dem er in Sanssoucci ein Denkmal setzte. „Der Konfuzianismus zeigt eine Moral, die auf praktischer Erfahrung des Menschen fußt und ohne Drohkulisse im Jenseits auskommt“, erklärt Friemuth.

  • Erschienen am 06.10.2012 auf Seite 02

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