• 04.10.2012

Interview : „Dafür stehe ich, dafür bin ich hier“

HOT-Intendant Tobias Wellemeyer. Foto: Andreas Klaer

Intendant und Regisseur Tobias Wellemeyer über die Ursachen für das Defizit von 240 000 Euro am Hans Otto Theater In Potsdam ist jedes neue Stück ein bisschen wie ein Neuanfang“ Wir benötigen eine Eigenkapitalsituation, mit der wir inhaltlich arbeiten können“ Selbst in sehr guten Jahren kommen keine Überraschungssummen in die Kasse“

 

Herr Wellemeyer, mit einem Minus in Höhe von rund 240 000 Euro wird das Hans Otto Theater das diesjährige Geschäftsjahr abschließen. Eine Nachricht, die für Aufsehen in der Stadt und in der Politik für Diskussionen gesorgt hat. Warum dieses Defizit?

Am HOT wurde durch viele Jahre hindurch das Eigenkapital, das auch als eine Art Reservetank funktioniert, aufgebraucht. Kommt es jetzt zu Schwankungen in irgendeinem der vielen Bereiche unseres Theaters, droht sofort die Insolvenz. Selbstverständlich versuchen wir, im Wirtschaftsplan Risiken und Preisentwicklungen einzukalkulieren, Unvorhergesehenes, wie die Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst, geschieht trotzdem. Wenn der Gesellschafter dann nachschießen muss, entsteht öffentlich eine große Unruhe und leider regelmäßig auch eine prinzipielle Debatte zum Thema Kulturförderung.

Welche Schwankungen haben in diesem Jahr zu einem Defizit von rund 240 000 Euro geführt?

Die Tarifaufwüchse sind in diesem Jahr mit 3,5 Prozent deutlich höher ausgefallen, als wir es vorausberechnen konnten. Das macht den Löwenanteil der Summe aus. Im Frühjahr hatten wir mit vielen Ausfällen durch Krankheit zu tun. Wir konnten weniger Karten verkaufen, mussten aber zugleich den Aushilfs- und Gästeetat sehr stark belasten, um den Spielplan zu halten. Es gibt aber auch Teuerungsprozesse im betriebswirtschaftlichen Alltag, wie in allen Branchen. Allein für unsere Kollegen in der Holzwerkstatt haben sich in den letzten Jahren die Preise verdoppelt!


DIES IST NUR EIN AUSZUG AUS DEM GROSSEN PNN-INTERVIEW: Das ganze Gespräch - am Freitag in den Potsdamer Neuesten Nachrichten
DORT STEHT AUCH: Was Potsdamer zu ihrem Theater sagen.


 

Aber im vergangenen Jahr hatten Sie mit einem Plus abgeschlossen.

Selbst in sehr guten Jahren kommen keine Überraschungssummen in die Kasse. Zum Beispiel 2011, in einem starken Jahr ohne überdurchschnittliche Zusatzkosten – das Jahr 2012 ist ja noch nicht abgeschlossen – betrug das Plus keine 5000 Euro. Selbst unter idealen Begleitumständen kann es also nicht gelingen, frisches Eigenkapital zu generieren.

Warum fehlt es an dem entsprechenden Eigenkapital?

Über viele Jahre mit knapp bemessenem Haushalt musste das Theater seine Reserven angreifen, ohne dass es eine adäquate Anpassung in der finanziellen Ausstattung gab. Irgendwann ist die „Sparbüchse“ alle. Daran sieht man, dass es da eine Schieflage gibt in der Grundausstattung.

Im Augenblick liegt die Auslastung der Vorstellung bei nur 70 Prozent.

Es ist uns gelungen, die Auslastung in den letzten drei Jahren zu steigern. Das Jahresresultat 2011 ist sehr gut und markiert in etwa das, was das Theater in Potsdam leisten kann. Wir müssen darum kämpfen, dass möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen und Theaterglücksvorstellungen zu uns kommen. Das Bedürfnis nach Vielfalt wird wachsen. Und wir versuchen mit unserer Arbeit, sensibel und ambitioniert darauf einzugehen.

Das Eigenkapital fehlt, regelmäßig haben Sie mit finanziellen Problemen zu kämpfen – kommt man als Intendant da nicht irgendwann an den Punkt, sich doch der Quote zu beugen und auf solche Erfolgsinszenierungen wie „Der Raub der Sabinerinnen“ mit einem Star wie Katharina Thalbach in der Hauptrolle zu setzen, wie es Ihr Vorgänger Uwe Eric Laufenberg gemacht hat?

Inszenierungen wie „Der nackte Wahnsinn“ oder „Außer Kontrolle“ sind großartige Komödien, handwerklich und spielerisch auf hohem Niveau, die dem Publikum und uns selbst Spaß machen. Wir müssen Stadttheater allerdings als einen künstlerischen Raum begreifen, als einen geschützten Raum für Kunst beschreiben – das ist unsere Aufgabe. Kunst und Unterhaltung schließen sich in unserem Verständnis natürlich nicht aus. Die Subventionen von Stadt und Land dienen der Produktion von künstlerischer Wirklichkeit. Das ist etwas sehr Kostbares, Besonderes und vor allem Unverzichtbares für ein modernes Gemeinwesen. Jede Stadt ist stolz, einen solchen Kunstraum zu haben, einen eigenen Ort, an dem produziert wird, an dem ein Ensemble wie in Potsdam arbeitet. Die Schauspieler arbeiten hart, proben mit ihrer geistigen und emotionalen Kraft, und nach acht Wochen ist ein Theaterabend entstanden, der Neues über uns erzählt und den es nirgendwo sonst gibt.

Es sind aber immer wieder Stimmen zu hören, die vor allem von der Finanzierbarkeit eines Theaters sprechen.

Es gibt Kommunalpolitiker, die fragen: Wozu brauchen wir ein eigenes Theater? Wir können doch Gastspiele einladen! An Städten, deren Theater geschlossen worden sind, kann man leider sehr deutlich sehen, wohin das führt. Es gibt keine Fördervereine mehr, keine Schauspieler mehr, die man auf der Straße trifft, keine Jugendclubs mehr, keine Öffentlichkeitsarbeit mehr, keine Theaterpädagogen mehr – nichts! Und irgendwann gibt es auch kein persönliches Verhältnis zum Theater mehr. Theater heißt: bürgerliche Identität, künstlerisch-soziale Phantasie, ästhetische Bildung, überregionaler Austausch. Dafür stehe ich, dafür bin ich hier.

Das Gespräch führte Dirk Becker

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