• 05.10.2012

Hans Otto Theater: „Ein Ort der Kultur, der gesellschaftlichen Kommunikationen – auch des Streites“

Voigtländer

Stimmen von Potsdamer Theatergängern zu ihrem Hans Otto Theater.

Annett Ullrich arbeitet bei Potsdam TV:

Seit einiger Zeit besuche ich regelmäßig die Vorstellungen des Hans Otto Theaters. In dieser Zeit habe ich mich zum Theaterliebhaber entwickelt. Das HOT zeigt eine große Vielfalt in seinen Stücken. Die Schauspieler sind gut, teilweise exzellent. Manche Stücke finde ich zu modern inszeniert, zum Beispiel den „Macbeth“. Allerdings hat diese krasse, teilweise eklige Art der Inszenierung den Vorteil, dass ich mir Inhalt und Botschaft des Stückes viel besser merken kann. Außerdem ist es immer ein interessanter Aufhänger im Gespräch mit Freunden. Auch den „Don Carlos“ fand ich relativ modern, vor allen Dingen aber zu langatmig. Und wiederum gibt es gefällige Stücke, zum Beispiel „My Fair Lady“ oder „Der nackte Wahnsinn“. Mit der Inszenierung von „Der Turm“ ist dem HOT, wie ich finde, ein großer Wurf gelungen. Ich hoffe, dass das HOT weiterhin viele Stücke spielt, eine gute Mischung hinbekommt, nicht zu sehr ins Obertheatralische abdriftet und letztlich immer mal wieder für eine Überraschung gut ist.

 

Katja Dietrich-Kröck war langjährige Leiterin der Galerie Kunstraum in der Schiffbauergasse und arbeitet jetzt bei der Zukunftsagentur Brandenburg:

Ich besuche regelmäßig die Inszenierungen des Hans Otto Theaters, da ich das wunderbare Ensemble und die Ausgewogenheit des Spielplanes, der nicht nur auf seichte und oberflächliche Unterhaltung setzt, sehr zu schätzen weiß. Dass das Theater, neben vielen anderen Potsdamer Kultureinrichtungen auch, chronisch unterfinanziert ist, ist keine Neuigkeit und wurde erst im Sommer im Kultur-Ranking, in dem die Kulturförderung deutscher Städte verglichen wurde, durch das miserable Abschneiden der Stadt auf dem letzten Platz bestätigt. Daher finde ich eine Debatte, die lediglich die Einnahmen des Hauses reflektiert und zudem von wenig Sachverstand gekennzeichnete Qualitätsargumente heranzieht, peinlich und wenig hilfreich.

Matthias Purfürst ist Grundschullehrer in Potsdam:

Ich wünsche mir vom Hans Otto Theater eine gute Mischung aus Klassikern, die dann aber auch klassisch inszeniert sein sollen, und modernen Stücken. Und: Für mich hängt eine gelungene Inszenierung nicht davon ab, wie viele nackte Menschen über die Bühne flitzen. Ich glaube, so etwas verprellt eher potenzielle Zuschauer!

 

Dieter Wiedemann, Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“:

Vor gut vier Wochen waren wir mit unserem fünfjährigen Enkelsohn beim Theaterfest im Hans Otto Theater. Er war begeistert, hat artig den singenden Schauspielerinnen und Schauspielern applaudiert, die kleinen Prinzessinnen bewundert und voller Stolz sein selbst gebautes Flugzeug präsentiert. Es war für ihn ein tolles Fest und für uns auch. Ich habe dieses Ereignis an den Anfang meines Statements gestellt, weil es zeigt, dass Theater in einer Stadt mehr als ein Gebäude mit Bühnen und Sälen und regelmäßigen Vorstellungen ist. Es ist ein Ort der Kultur, der gesellschaftlichen Kommunikationen – auch des Streites! –, der Bildung und des Genusses. Als ziemlich regelmäßiger Besucher des HOT kann ich für mich konstatieren, dass das Theater seit seinem Umzug an den Tiefen See zu einem kulturellen und kommunikativen Zentrum der Stadt geworden ist, es ist für mich in Potsdams geistiger Mitte angekommen. Es hat notwendige und auch unnötige Diskurse ausgelöst und manche auch provoziert und ich finde, das ist gut so. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen des HOT, dass sie mit ihrer Spielplankonzeption das Spannungsfeld von Bildung, Diskurs und Genuss auch zukünftig ästhetisch anregend gestalten werden. Der Spielplan 2012/13 stimmt schon mal erwartungsvoll und die Dramatisierung des „Eisvogel“ von Uwe Tellkamp macht neugierig. Das Theatralische sollte sich aber nicht so sehr an die Schiffbauergasse gebunden fühlen, Potsdam bietet viele Orte für Tragödien und Komödien, für Märchen und Gegenwartsdramatik.

Roswitha Voigtländer, Direktorin der Volkshochschule Potsdam:

Ins Theater gehe ich generell sehr gern, bevorzuge aber musikalische Aufführungen, also Oper oder Musical. Diese Strecke wird leider am Hans Otto Theater zu wenig bedient, sodass ich den Weg nach Berlin oder zum Beispiel nach Hamburg wähle. Gut gefallen mir die Angebote des HOT für Kinder, die wir mehrmals mit unserer Enkelin wahrgenommen haben. Dabei war auch eine Aufführung, die in Gebärdensprache übersetzt wurde. Das hat mir imponiert. Das Preisniveau ist aus meiner Sicht in Ordnung.

 

Thomas Zander lebt in Potsdam:

Als tauber Mensch würde ich natürlich auch sehr gern das Programm des HOT anschauen. Da es aber immer nur ein oder zwei Vorstellungen vor Weihnachten gibt, die mit denselben Dolmetschern zugänglich gemacht werden, ist mir das zu wenig. Wenn ich mir das vielfältige Programm dss Hans Otto Theaters mit Lesungen, Führungen durch das Haus und den eigentlichen Stücken anschaue, bin ich daher ziemlich neidisch auf die Erzählungen meiner Frau, wenn sie das ganze Jahr über aus dem Theater kommt und wieder einmal begeistert ist. Da ich in Berlin auch eine Zeitlang für das Thema Kultur von gehörlosen Menschen zuständig war, hätte ich auch Lust, hier meine Ideen zu Theater mit Dolmetschern einzubringen. Auch als Schauspieler und künstlerischer Leiter des Deutschen Gehörlosen Theaters habe ich Erfahrungen sammeln dürfen, daher würde ich auch in Postdam weiter gern Tehaterluft schnuppern. Dolmetscher sind nicht nur für uns als taube Menschen toll, sondern auch immer für das „normale“ Publikum ein Hingucker und tragen dazu bei, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Auch für meine beiden gehörlosen Kinder wünsche ich mir mehr als nur ein Weihnachtsmärchen pro Jahr, welches übersetzt wird. Das Schlagwort Inklusion ist in aller Munde und jeder denkt dabei an Schule. Um wirklich etwas zu bewegen und Menschen zu erreichen, die gar keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung haben und dementsprechend auch Vorurteile, ist das ein kluger Weg zu zeigen, was alles möglich ist.

 

Martina Wilczynski ist Projektkoordinatorin für die „Willkommenskultur Am Schlaatz“ für den Verein Soziale Stadt Potsdam e.V und Politik-Bloggerin:

In den 90er Jahren habe ich in Berlin für den Erhalt des inzwischen geschlossenen Schiller-Theaters gekämpft. Und mit vielen anderen theaterliebenden Menschen, den schmerzlichen Prozess erfahren müssen, dass die Mühe nicht gelohnt hat. Dieses Gefühl möchte ich in Potsdam nicht erleben müssen, dass unser kulturelles Aushängeschild irgendwann als Light-Variante Notbespielung bietet. Potsdam leistet sich so vieles, wo man über Sinn oder Unsinn streiten könnte. Aber wenn es an das geht, was den Menschen bereichert und ihm die Möglichkeit gibt , seinen kulturellen Horizont zu erweitern, muss es ganz klar Sonderfinanzierungswege geben. Arm wären wir in unserer so mit Reichtum gesegneten Stadt, wenn unser Hans Otto Theater nur noch ein Schattendasein fristen würde. Ich gehe selbst in meiner wenigen Freizeit gerne ins HOT. Dort ist eine Atmosphäre, die mir hilft, in meinen vielen Aktivtäten wieder neu durchzustarten.Dafür sorgt eine besondere Kreativität im Spiel des Ensembles und die unterschiedlichen Stücke.

 

  • Erschienen am 05.10.2012 auf Seite 24

Social Media

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Umfrage

Brandenburgs Wappentier war immer rot, im neuen Landtag hängt nun jedoch ein weißes Exemplar - auf Wunsch des Architekten. Sollte der weiße Adler nun durch einen roten ersetzt werden?