• 04.10.2012
  • von Lene Zade

Ohne Worte

von Lene Zade

Ryuichi Sakamoto und Alva Noto im Nikolaisaal

Am Anfang sind da Notenlinien, die als Lichtstreifen auf der Rückwand der Bühne im Nikolaisaal aufleuchten. Keine Schnörkel, keine intensiven Farben, keine Überwältigung. Nur Schwarz und Weiß, Linien – und Töne. Das Konzert von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto beginnt am Dienstagabend pünktlich und ohne Vorspiel. Unprätentiös kommen sie auf die Bühne, der 60-jährige Japaner Ryuichi Sakamoto und der 13 Jahre jüngere Carsten Nikolai, alias Alva Noto, der ursprünglich Landschaftsarchitektur studierte und inzwischen als renommierter Künstler seine Klanglandschaften und Videoinstallationen weltweit in Ausstellungen präsentiert. Beide tragen dunkle Anzüge und Turnschuhe. Unauffälliger könnte ihr Kleidungsstil kaum sein. Er ist so beiläufig wie ihr ganzes Auftreten an diesem Abend, an dem sie ihr viertes gemeinsames Studioalbum „Summvs“ vorstellen.

In den späten 70ern hatte Sakamoto mit dem dreiköpfigen Yellow Magic Orchestra die elektronischen Weiten für das Popuniversum erschlossen. Im Potsdamer Konzertsaal setzt er sich an einen Flügel, während Nicolai hinter einem Pult Aufstellung nimmt, das mit Laptop und Mischpult eher wie der Arbeitsplatz eines Tontechnikers aussieht. Es ist die zelebrierte Antithese: Der eine strahlt die Würde eines klassischen Konzertpianisten aus, der andere die Versunkenheit des Elektronikers.

Im Zusammenspiel heben sich die (scheinbaren) Gegensätze umgehend auf. Sakamoto spielt hochkonzentriert minimalistische Kompositionen, die jeden Ton einzeln betonen, während Nicolai halllose, trockene Signaltöne funkt, als wären sie Morsezeichen – gerichtet an das Klavier. Der Applaus kommt zögernd. Erst nach dem zweiten Stück scheint sich das Publikum im gut gefüllten Saal auf das Konzept eingelassen zu haben. Nach einer Stunde fordert es Zugaben.

Das Aufregende, Begeisterungsauslösende an dieser Musik ist ihre Unvorhersehbarkeit. Denn oft ist die Reduktion von Klang nur das Gegenteil von Fülle und damit mindestens genauso pathetisch und starr wie eine Wagneroper oder ein Konzert von Metallica. Sakamoto und Nicolai schaffen indes eine Musik jenseits von Kitsch und Pathos, die, um einen naheliegenden Vergleich zu wählen, mehr nach John Cage als nach Nick Cave klingt.

Im Laufe des Konzerts wird aus dem Flügel ein präparierter Klangkörper, beugt sich Sakamoto mal über die Saiten statt über die Tasten, nimmt einen Jazzbesen zur Hilfe und lässt Plastikteile in den Instrumentenkörper gleiten. Zunehmend lösen sich die Rollen der beiden Musiker auf. Nie aber wird die Musik atonal oder verletzend. Sie bleibt höflich und einladend, ohne gefällig und einlullend zu sein. So wie sich die weißen Lichtlinien des Anfangs in Netzwerke verspinnen, dann farbig werden und immer wieder Strukturen ahnen lassen, die der Wand des Konzertsaales ähneln. Am Ende funkeln warm leuchtende Kreise in den Saal und baut sich die Musik zu einer Klangwand auf, die den verhaltenen Tönen eben noch gar nicht zugetraut worden war. Nur für einen kurzen, kaum wahrnehmbaren Moment erlaubt sich Sakamoto eine Reminiszenz an seinen größten Hit, an „Forbidden Colours“, die Titelmelodie für den Film „Merry Christmas Mr. Lawrence“. Es sind nur Sekunden, mehr ein Hauch als ein Echo.

Nach drei Zugaben kommen Sakamoto und Alva Noto noch einmal auf die Bühne, um sich zu verabschieden. Mit einer Verbeugung, ohne Worte. Wie auch das ganze Konzert ohne ein einziges Wort auskam. Lene Zade

  • Erschienen am 04.10.2012 auf Seite 31

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