• 04.10.2012
  • von Klaus Büstrin

Musik von zeitloser Schönheit Festkonzert zum Tag

von Klaus Büstrin

der Deutschen Einheit

Seit Jahren wird am Vorabend der Deutschen Einheit zu einem Festkonzert in die Nikolaikirche eingeladen. Das schließt Erinnern an die geistige Starrheit und Enge der DDR-Diktatur genauso ein wie Dank an die friedliche Revolution vor 23 Jahren sowie an Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Da darf ein festliches Te Deum, ein „Dich Gott, loben wir“ angestimmt werden. Nikolaikantor Björn O. Wiede hatte am Dienstag eine der vielen Vertonungen des Textes aus dem 4. Jahrhundert ausgewählt: die Komposition des „königlich preußischen Capellmeisters“ Carl Heinrich Graun. Auch Carl Philipp Emanuel Bachs Magnificat stand an diesem Abend auf dem Programm. Große kirchenmusikalische Werke von Komponisten also, die in einem künstlerischen Arbeitsverhältnis bei Friedrich dem Großen standen. Das Konzert wurde somit auch zu einer Ehrung für den Preußenkönig zu dessen 300. Geburtstag.

Es wurde bislang angenommen, dass Friedrich II. ein Te Deum von Graun anforderte, um seine Erfolge im Siebenjährigen Krieg zu feiern. Doch der König, der dem Christentum mit Distanz gegenüberstand und es mit Kritik betrachtete, bestellte bei seinem Hofkomponisten nie ein geistliches Werk. Es wird eher angenommen, dass die Schwester Friedrichs, Prinzessin Amalia, als Auftraggeberin fungierte. Ohne Pauken und Trompeten wird das Gotteslob angestimmt. Natürlich weist es festliche Chorsätze auf, erinnert so manches an Opernmusik, doch viele Passagen des Textes hat der Komponist wie ein intimes Gebet behandelt.

Grauns Te Deum ist ein Werk von zeitloser Schönheit. Nicht anders die Magnificat-Vertonung des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel, der ja bekanntlich in der Hofkapelle Friedrichs als Cembalist wirkte. 1749 in Potsdam entstanden, weist das Magnificat, der Lobgesang der Maria aus dem Lukas-Evangelium, Einflüsse des Vaters auf, aber auch Anklänge an Mozart werden dem aufmerksamen Zuhörer nicht entgehen. In der Klassik ist das Werk jedenfalls noch nicht angekommen, auch das Te Deum von Graun nicht. Leider erlebte man in St. Nikolai beide Kompositionen nicht ganz vollständig. Dies erwies sich beispielsweise für das Verstehen des Magnificat als Manko. So wurde seine eminent politische Aussage („Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen“) verkürzt.

Björn O. Wiedes schwungvoll-lebendige Interpretation mit dem Nikolaichor sowie der Neuen Potsdamer Hofkapelle lebte vom wunderbaren Hineinhören in die Musik. Er verzichtete auf spektakuläre Effekte, arbeitete mit viel Sinn für die schlicht-schöne Melodik, ohne den Glanz des barocken Festgesanges aufzugeben. Differenzierte Dynamik und Phrasierung verdeutlichten die Vielschichtigkeit der Werke. Wiede hat den Nikolaichor für die Aufführung wieder bestens präpariert. Konzentriert, geschmeidig, agil und in geschlossenen Registern sangen die rund 40 Sängerinnen und Sänger ihren Part. Die Neue Hofkapelle, die in der historischen Musizierpraxis kundig ist, spielte mit Kultur und einem feinen aufeinander Hören, was in der akustisch komplizierten Kirche nicht immer einfach ist. Mit ansprechenden solistischen Beiträgen warteten Heidi Maria Taubert, Sopran, Moritz von Cube, Altus, Hennning Kaiser, Tenor, und Sebastian Bluth, Bass, auf. Ihre und aller Mitwirkenden Investition für die Wiedergabe der Werke lohnte sich. Klaus Büstrin

  • Erschienen am 04.10.2012 auf Seite 31

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