• 04.10.2012
  • von Steffi Pyanoe

Ein Boot, eine Leiche und viel Zeit

von Steffi Pyanoe

Die Ruhe vor dem Erwachen. Alexander Fehling in der Rolle des namenlosen Reisenden auf einem Fluss in Afrika kurz vor dem Moment, in dem er erkennen muss, dass er allein ist. Foto: Filmgalerie 451

Regisseur Jan Zabeil stellte im Thalia sein Debüt „Der Fluss war einst ein Mensch“ vor

Sind es die Augen, die sich erst an die Dunkelheit, die Einstellung gewöhnen müssen? In den ersten Filmminuten hat man den Eindruck, als habe Regisseur Jan Zabeil sich für eine billige Videokamera entschieden, wie sie jeder Tourist im Gepäck hat. Eine gewisse Unschärfe zieht sich durch die Aufnahmen, verwaschene Farben, wenn Alexander Fehlings Auto am Ende der Straße stehen bleibt, der Mann aussteigt und auf den breiten Fluss starrt. Dann verschwindet der Effekt, wie vieles verschwindet: Zeit, Sprache, Zivilisation. Das Komische dabei ist, dass es ab einem gewissen Punkt keine Rolle mehr spielt.

Wie so einiges in „Der Fluss war einst ein Mensch“, Debütfilm von Regisseur Jan Zabeil, der am Montagabend zum Gespräch nach der Filmvorführung im Kino Thalia zu Gast war. An seiner Seite Freund und Schauspieler Alexander Fehling, mit dem der ungeduldige HFF-Absolvent seinen Low-Budget-Film, ohne Drehbuch, lediglich mit einer Idee, einem Schauspieler und je einem Kamera- und Tonmann produzierte. „Ich wollte nicht warten, aber wenn man kein Drehbuch vorweisen kann, gibt’s auch keine Fördergelder“, sagte Zabeil nach dem Kinogespräch in einem Interview. In nur drei Monaten und für nur 100 000 Euro sei der Film mit minimalem Equipment entstanden. Für Schauspieler Fehling war der Einsatz bei diesem Projekt quasi ein Freundschaftsdienst.

Es muss eine schöne Arbeit gewesen sein, auch wenn Fehling heute sagt, manches würde er jetzt nicht mehr machen. Zum Beispiel würde er vorsichtiger sein und mehr auf die afrikanischen Guides hören. Die Zuschauer im Thalia wissen nach der Vorführung, wovon er redet: Gerade noch hat der blonde Europäer knapp 90 Minuten um sein Leben gekämpft, um seinen Verstand.

Weißer Mann bleibt mit seinem Auto am Fluss liegen, ein alter Fischer nimmt ihn mit in seinem Boot. Nachts am Feuer scherzen sie, erzählt er von den Tieren, in deren Reich sie hier zu Gast sind. Am Morgen ist der Alte tot und der Weiße völlig orientierungslos. Ohne Zeitgefühl, dafür mit einem wackeligen Boot und einer Leiche sucht er nach der nächsten Siedlung. Das hat was von Robinson Crusoe und erinnert an diverse verfilmte Survival-Szenarien. Zabeil verzichtet dabei ganz auf Großaufnahmen von ekligem Kleingetier oder lauernden Krokodilen. Der Fokus liegt ganz woanders. Es dauert ein Weilchen, bis er sich einstellt – wie die Schärfe zu Beginn des Films.

Überhaupt hat Zabeil keine Eile, und auch die Zuschauer müssen da jetzt durch, manche Längen aushalten und um ein Ende betteln. Nach Stunden oder Tagen im Boot, zwischen Inseln und Wachträumen endlich ein Dorf und irgendwann Menschen, die mit dem Weißen sprechen. Die Leiche, die im Wasser verloren ging, muss gefunden werden, entscheidet der Medizinmann, sonst gibt der Tote keine Ruhe und holt die Lebenden nach.

Zabeil habe als Kind selbst viel Zeit im Okavango-Delta in Botswana, wo der Film entstand, verbracht, erzählt er. Der mythologische Hintergrund war ihm bekannt, den Film musste er „nur noch hineinfließen lassen“. Fehling war der erste, dem er davon erzählte und der sofort bereit war, mitzumachen. „Wir haben anfangs am Drehort sogar in einem Zelt geschlafen“, scherzt Fehling, „aber das war okay - gefährlicher waren die Krokodile.“ Der Schauspieler ist im Film fast immer im oder auf dem Wasser, nicht selten kippt das Boot um, ein schlanker Einbaum, mal durchpflügt er die hüfthohe Brühe auf der Suche nach der Leiche, mal rennt er durch den Schilfgürtel an Land. „18 Uhr ist Crock-Time, sagten die Guides, und wir haben trotzdem gedreht, weil das Licht dann besser war – würde ich nie wieder tun“, sagt er jetzt. Jan Zabeil steht neben ihm und lächelt stolz. Weil kaum gesprochen wird in dem Film, sei die Leistung des Schauspielers – bis auf zwei Nebenrollen ist Fehling der einzige – umso wichtiger, sagten auch die Zuschauer.

Die finden den Film überwiegend gelungen, auch wenn der eine oder andere kleinere Irritationen anmeldet. Warum er am Ende in dem Einbaum dem Wasserfall entgegen treibt und dann plötzlich aus dem Flugzeug schaut – Kinderbuchautorin Christa Kozik sitzt im Publikum und kann das nicht verstehen. „Sie sind da nicht die einzige“, tröstet Zabeil, aber für ihn selbst habe sich das so richtig angefühlt: „Er stirbt, wie es die Mythologie vorausgesagt hatte, und gleichzeitig kommt er raus aus der Situation“.

„Ich weiß, dass das dem Zuschauer viel abverlangt, doch darum geht es mir: Das Nebeneinander von zwei sich ausschließenden Zuständen – tot und lebendig zu sein – zuzulassen. Aber man muss ja nicht immer alles verstehen“, sagte Zabeil dazu.

Vielleicht fanden die Bewohner des afrikanischen Dorfes leichteren Zugang zu dem Film. Zabeil hat ihn dort gezeigt, gleich an zwei Abenden hintereinander, auf einer Leinwand mitten auf dem staubigen Dorfplatz. „Die haben schallend gelacht über den Weißen, der sich so ungeschickt in ihrer Welt benahm – eine sehr bizarre Situation“, so Zabeil über den Filmabend in Botswana.

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