• 02.10.2012
  • von Torsten Hilscher

Sepia der Erinnerungen

von Torsten Hilscher

Das eigene Leben erzählen. Die Schriftstellerin Helga Schütz. Foto: Adam Berry/dapd

Die in Potsdam lebende Schriftstellerin Helga Schütz wird 75

Das Spiel von Autoren mit Identitäten in ihren Werken ist so alt wie die Literatur. Das Gretchen aus Goethes „Faust“ beispielsweise empfand der Geheimrat einer Frau nach, über die er als frisch gebackener Jurist einst selbst gerichtet hatte. Und im Deutschland von heute wurde Uwe Tellkamp mit der Schilderung seiner DDR-Jugend im „Turm“ berühmt. Der Dresdner folgt einem Vorbild: Die Schriftstellerin Helga Schütz verarbeitete ihre Kindheitserinnerungen aus der Stadt 1977 mit „Jette in Dresden“. Am heutigen Dienstag wird Helga Schütz in Potsdam 75 Jahre alt. Gerade hat sie ihr neuestes Buch vorgelegt.

„Sepia“ (Aufbau Verlag, 22,99 Euro) heißt der Roman. Es ist wieder eine Erzählung, die als Autobiografie gelesen werden kann, auch wenn Schütz das bei der Vorstellung Ende September im Berliner Kino Babylon strikt verneinte. „Ich wollte mich nicht den üblichen Erinnerungen stellen. Ich kann das nicht. Ich kann mich nicht an Fakten orientieren. Ich will frei sein“, sagte sie. „Es war eine Lust, mit den drei Realitäten zu spielen: Wohnungen einzurichten, Leute agieren zu lassen, die es gar nicht gab; das Umfeld zu gestalten.“

Tatsächlich aber nimmt ihre Protagonistin Eli einen Weg, wie aus Helga Schütz’ Leben gepaust: Die gelernte Gärtnerin – Schütz begann als Landschaftsgärtnerin – will Mitte der 50er Jahre von Dresden aus mit 17 auf die neu gegründete Filmakademie nach Potsdam-Babelsberg. Obwohl sie keine Cineastin ist und auch von Dramaturgie keinerlei Ahnung hat, gelingt es ihr über die „Arbeiterquote“, einen Studienplatz zu ergattern – gleich Helga Schütz.

Wie bereits zu Beginn des von ihr selbst als Bildungsroman bezeichneten Buches in Dresden werden die authentischen Potsdamer Schauplätze der Schule damals geschildert. Die „Tauber-Villa“ taucht auf, wo der gefeierte Tenor Richard Tauber einst wohnte. Ebenso das sogenannte Stalin-Haus, das seinen Namen dem Aufenthalt des Diktators während der Potsdamer Konferenz nach Ende des Zweiten Weltkrieges verdankt. Der Dekan der Schule ist unschwer als der am 8. August 2012 verstorbene Kurt Maetzig zu erkennen.

Helga Schütz ist ein Unikum der deutschen Literaturlandschaft. Seit Jahrzehnten bleibt sie unbeirrt ihrem Duktus des schreibenden Arbeiters treu. Das hat ihr Literatur-Preise eingebracht. Sie ist Mitglied der deutschen Schriftstellervereinigung PEN. Bei Lesungen gleicht sie eher der netten Blumen gießenden Nachbarin, die auf Welterklärungen und Analysen verzichtet, wie es von Schriftstellern bei solchen Gelegenheiten gern erwartet und gehandhabt wird. Helga Schütz ist wohl immer das gewesen, was der Berliner Kritiker Knut Elstermann bei der Buchvorstellung ihrer neuesten Protagonistin Eli zuschreibt: naiv, aber zielstrebig.

Hinzu kommt Uneitelkeit. Statt gepflegtem „Kultur-Dresdnerisch“, wie es Tellkamp tut, spricht die seit Jahrzehnten in Potsdam lebende Autorin auch auf dem Podium lieber ein gemütliches Sächsisch und hält es damit wie Erich Kästner, wiewohl künstlerisch zwischen den beiden Welten liegend. Während „Jette in Dresden“ bemüht metergenau die Straßen der heute wieder gefragten, sanierten Stadtteile Trachau und Trachenberge als Kindheitsorte schildert – in „Sepia“ wandert dort Eli durch –, ist Kästners liebevolles „Als ich ein kleiner Junge war“ von 1957 klar als Autobiografie deklariert.

Sollte Helga Schütz sich wirklich bei Kästner etwas abgeguckt haben, dann den spitzbübischen Humor, der stellenweise bei ihr aufblinkt. Zudem machte sie sich wie der große Kollege schnell einen Namen in Babelsberg. Denn noch vor der Schriftstellerkarriere arbeitete sie als Drehbuchautorin, oft an der Seite des ihr auch privat nahestehenden TV- und Defa-Regisseurs Egon Günther („Lotte in Weimar“). Mit ihm schrieb sie unter anderem das Skript für „Ursula“ (1977). Ein Jahr zuvor hatten beide eine Filmversion von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ geschrieben. Parallel war sie selbst als Regisseurin im Dokumentarbereich und nach der Wende als Professorin für Drehbuchschreiben an der heutigen Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg tätig. Auch in ihrer Zeit als Filmemacherin widmete sie Projekte „ihrem“ Dresden, in das sie als Flüchtlingsbaby aus Schlesien gekommen war.

Die beste Arbeit hart am Puls der Zeit lieferte Schütz indes, wenn sie statt privat Erlebtem ihre Fantasie zu Wort kommen ließ. Helga Schütz verfasste 1986 mit Egon Günther „Stein“. 1990 wurde ein Film daraus. Die Geschichte eines vereinsamten Schauspielers aus Wilhelmsruh bei Berlin mit Rolf Ludwig in der Hauptrolle erregte international Aufmerksamkeit.

Luchino Viscontis Filmklassiker „Rocco und seine Brüder“ zeigt das Filmmuseum Potsdam, Breite Straße 1a, auf Wunsch der Potsdamer Drehbuchautorin Helga Schütz. Der neorealistische Film wird im italienischen Original mit Untertiteln gezeigt. Vorstellungen gibt es am Mittwoch, dem 3. Oktober, und am Samstag, dem 6. Oktober, jeweils um 18 Uhr. Karten kosten 6 Euro, ermäßigt 5 Euro und können per Mail an ticket@filmmuseum-potsdam.de oder unter Tel.: (0331) 27 181 12 reserviert werden

  • Erschienen am 02.10.2012 auf Seite 23

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