• 30.09.2012
  • von Lena Schneider

Kurz-Kritik: Terrorzelle Bürgertum

von Lena Schneider

Komm und erneure mit uns die Welt! Doch Wiggo Ritter (Alexander Finkenwirth, l.) hat seine Zweifel, ob die Gesellschaft, die Mauritz Kaltmeister (Wolfgang Vogler) will, auch die ist, die ihm vorschwebt. Foto: HL Böhme

Das Potsdamer Hans Otto Theater hat mit Ottenis Inszenierung von Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“ die neue Spielzeit eröffnet.

Wie ist um diesen Roman gestritten worden, als er 2005 erschien. Da hatte sein Autor Uwe Tellkamp gerade den Klagenfurter Bachmannpreis gewonnen, die Erwartungen bezüglich seines ersten Romans waren entsprechend hoch. Und dann das: Ein so schlechter Roman von einem so guten Autor, hieß es aus den Feuilletons. So grob zubehauen die Inhalte, so raffiniert die Form!
Das Hans Otto Theater hat sich davon nicht schrecken lassen und am vergangenen Freitag seine neue Spielzeit mit einer Bühnenfassung von Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“ eröffnet.

„Der Eisvogel“ beschreibt den Versuch einer gewaltsamen Machtübernahme von rechtsaußen – oder besser: von rechtsoben. Denn Tellkamps „Revolutionären“, dem gebildet-schillernden Mauritz Kaltmeister (Wolfgang Vogler) und dessen Schwester Manuela (Franziska Melzer), geht es nicht darum, unliebsame Mitglieder der Gesellschaft zu verdreschen oder auszuschalten. Nein, sie lesen Machiavelli, Schopenhauer und Stefan George, sie hören Bach und Schumann, das KaDeWe ist für sie der Inbegriff des intellektuell auf Konsumlust hingeschrumpften Spießbürgers. Die Geschwister wollen eine Gesellschaft, die sich nicht mit dem lauwarmen Mittelmaß einer Demokratie zufriedengibt, stattdessen: eine „Geistesaristokratie“. 


IES IST EIN AUSZUG AUS DER PNN-THEATER-KRITIK. Die ganze Besprechung von Lena Schneider: Am Montag in den Potsdamer Neuesten Nachrichten.


Und weil die nicht von selber kommt, soll sie mithilfe der Geheimorganisation „Wiedergeburt“, mithilfe von Förderern wie Industriellen, konservativen Politikern, religiösen Würdenträgern, eingeleitet, der neue Mensch auf den Weg gezwungen werden. Eine Terrorzelle im Bildungsbürgerkleid. Nur abzüglich des Humanismus eben, der steht dem Tatgeist des Geschwisterpaares im Weg.

 

„Der Eisvogel“ ist ein ehrgeiziger Stoff. Er will alles zugleich: Thesenstück sein, Familiendrama, Gesellschaftskritik, Thriller. Die Bühnenbearbeitung von Ute Scharfenberg spiegelt dieses Hin- und Hergerissensein, auch wenn sie das Stück vor allem durch die Perspektive Wiggos erzählen lässt. Sie lässt ein bisschen von Wiggos Familienhintergrund aufblitzen (der unterkühlte Vater ist Vernunfts- und Finanzmensch), ein bisschen Liebesgeschichte (Manuela und Wiggo füttern sich Gedichtzeilen zu), ein bisschen Sozialkritik (Wiggo wird vom Arbeitsamt zum Selbstbewusstseinstraining gezwungen: „Ich kann es packen!“). Die eingangs so gelobte „raffinierte Form“ des Romans kommt in der Stückfassung nur wenig zum Tragen. Übrig bleibt vor allem der Plot, Wiggos Geschichte vom Elternhaus über den Rausschmiss an der Universität bis zur Bekanntschaft mit den Kaltmeister-Geschwistern. Und in der Tat stehen diese Plotelemente in der sparsam ausgestatteten Bühne von Anne Neuser wie etwas zu grob behauene Fragmente eines pompös-nebulösen Überbaus.

Die Bühne aber ist eine Wohltat: Nichts verstellt den Blick auf die herein- und herauswehenden Handlungsfetzen, die wenigen Requisiten (eine Krankentrage, ein Ledersessel) bewegen sich über den glatten schwarzen Bühnenboden so traumgeschmeidig wie die Schauspieler.

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