• 01.10.2012
  • von Friederike Haiser

Auf musikalischer Reise Keimzeit brachten ihr Publikum zum Schweben

von Friederike Haiser

Klänge, die 1980 in Bad Belzig erstmals die Jugend berührten. Harmonien, die insgesamt auf zehn Studioalben festgehalten wurden. Melodien, die bis heute noch ins Ohr gehen, um dort zu verharren. Das ist Keimzeit. Die Band, die am Freitagabend im Lindenpark mit ihrem Publikum ihr 30-jähriges Jubiläum ausgiebig zelebrierte.

„Norbi!“, brüllt ein älterer Fan, der mit einer Gruppe von Freunden vor Vorfreude kaum noch stillstehen kann. Die Aufschrift „Universität“ auf seinem orangenen T-Shirt ist bereits verblasst. Ausgewaschen und abgetragen. Auf dem Kopf ein Kranz von Haaren, der an seine Jugend erinnert. Dann stürmt das „letzte spezifische Stück Ostjugendkultur“, wie der Spiegel die kultige Band einst bezeichnete, die Bühne. Norbert Leisegang, mittlerweile 52 Jahre, der Frontmann und Gründer der Keimlinge, wirft sein charakteristisches Lächeln in den Saal. Am Bass und am Schlagzeug halten sich seine Brüder bereit.

Es ist ein besonderer Abend, das kann man spüren. Vorfreude und Nostalgie schweben in der Luft. Zurückhaltende Klaviermelodien und vorsichtige Schlagzeugbeats kündigen dann an, wohin die Reise zuerst gehen soll. „Zeig mir, was ich noch nie gesehen hab. Kolumbus sticht in den Ozean.“ Lebenslange Abenteuerlust. Die Single von ihrem aktuellen Album „Kolumbus“. Es ist ein weiteres lyrisches und musikalisches Meisterwerk und verblasst keineswegs vor älteren Hits der Band. Für frischen Wind sorgten an diesem Abend außerdem drei jugendliche Bläser, die dem Konzert eine jazzige, tanzbare Note gaben.

Der ältere Herr aus dem Publikum greift nun seiner Frau um die Hüften und schunkelt mit ihr von rechts nach links. Goldene Lichteffekte lassen Saxofon und Trompete noch mehr leuchten und strahlen, als sie es eh schon tun. Natürlich kann das erwachsene Publikum von seiner Treue profitieren. Hits aus der Keimzeitküche, wie zum Beispiel „Irrenhaus“ (1990), „Singapur“ (1991) und „Bunte Scherben“ (1993) wurden teilweise ausgelassen betanzt oder mit geschlossenen Augen und Textsicherheit geehrt. Die Stimme von Norbert Leisegang ist mal bestimmt und fest, mal flehend und zart, doch immer für Gänsehaut gut. Von Zeit zu Zeit lenkt Norbert Leisegang die Aufmerksamkeit auf einen der drei Nachwuchsmusiker, die wie die Orgelpfeifen in einer Reihe hinter ihm stehen. Bei ihren bluesigen Solos überzeugen diese musikalisch und konnten sich in tobendem Beifall baden. Beeindruckend! Dann werden wieder Erdnussflips gegessen und bunte Fotos gemacht.

Ach ja, der wohl bekannteste und meistgespielte Song der Band, „Kling Klang“ (1993), durfte an diesem Jubiläumsabend nicht fehlen. Auch wenn der Band dieses Lied eigentlich schon zum Hals heraushängen müsste, ließ sie sich dies keineswegs anmerken. „Wie der sich nach 30 Jahren immer noch freut“, stellt ein schwarzhaariger Mann anerkennend fest, während er Norbert Leisegang beobachtet, der, fit wie immer, die Bühne rauf und runter hüpft. Es war ein zweieinhalbstündiges musikalisches Fest voll Nostalgie und Tanz! Der ältere Mann und seine Frau sind zufrieden. Das „Universität“-T-Shirt ist nassgeschwitzt, also höchste Zeit für den Heimweg, eventuell auch „im Wiener-Walzer-Schritt“. Friederike Haiser

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